Siedlungsgeschichte

Abschrift aus:

Kurt Lück „Deutsche Aufbaukräfte in der Entwicklung Polens“[1]

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historische Karte (out of copyright) 

 

Das Siedlungswerk im Cholmer und Lubliner Lande.

Ein Paradies war es nicht, in das die deutschen Kolonisten einwanderten. Man lese nur ältere polnische Beschreibungen, um sich davon zu überzeugen. Ein wenig bekannter Schriftsteller, Kunicki, schrieb 1862 in der Zeitschrift: „Illustrierte Wochenschrift“ Nr. 150: „Man kann nicht sagen, dass die Buggegenden eine besondere Fröhlichkeit atmen, dass sie weite fruchtbare Ebenen besitzen, in denen sich das Auge verliert.“ Und in derselben Zeitschrift 1867 Nr. 425 schildert er die nördliche Hälfte des Cholmerlandes: „Traurig und eintönig sind die hiesigen Gegenden: Sand, Sümpfe, dunkle Tannenwälder und Flächen, dazwischen graue, ärmliche Dörfer, die sich abwechselnd dem gelangweilten Auge darbieten.“ So sah es fast überall aus, als die Hauptwelle der deutschen Kolonisten ins Cholmerland kam, auf dem trostlosen Sandboden schmucke Kolonien entstanden und dem dunklen Walde und den „Blotten“ Ackerboden abgerungen wurde.

Quellenangabe zum Kartenausschnitt: s. unten

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Da unsere Siedlungskarte und die auf deren Rückseite befindliche geschichtliche Tabelle[2] genaue Angaben über die Entstehung der Kolonien und die Herkunft der Siedler enthält, sei hier nur zusammenfassend bemerkt, dass die Deutschen in zwei Wellen ins Land gekommen sind: die erste zahlenmäßig geringe z.Zt. des autonomen Königreichs Polen und die zweite von 1864 – 1885.

Die „Gazeta Lubelska“ 1876, Nr. 49, hatte die deutsche Kolonisation als ein notwendiges Übel bezeichnet. Die furchtbare wirtschaftliche Krise des polnischen Großgrundbesitzes nach 1864, der völlige Kreditmangel, zwangen die schon Untergehenden, sich an zwei Rettungsanker zu klammern: Verkauf des Holzes aus den Wäldern und die deutsche Kolonisation.

Die genannte Zeitung 1876 Nr. 49 und 1877 Nr. 34 schlug wegen der raschen Zunahme der deutschen Kolonien Alarm, obwohl sie andererseits diese Kolonisation als eins der Mittel zur Rettung des Großgrundbesitzes vor dem drohenden Ruin bezeichnete. Die Zeitung klagte, dass es 1864 im Gouvernement Lublin noch keine deutschen Kolonien gegeben habe, dagegen schon zehn Jahre später ihre Zahl Anlass zu Befürchtungen gebe.

Die Verfasser der  Artikel nahmen es, was wir nachher auch für die Folgezeit feststellen werden, mit der Wahrheit und Gründlichkeit nie ganz genau, denn es gab laut unseren Feststellungen bis 1864 schon mindestens 28 deutsche Kolonien. Tatsache aber bleibt, dass wirklich im Jahrzehnt von 1864 bis 1874 die Kolonisation in den Kreisen Lublin und Lubartów sehr rasch vorwärtsging. 1874 bildeten die Protestanten im letztgenannten Kreise 1/15 der Gesamtbevölkerung (4580 Seelen). Bei der ganzen Parzellierungs- und Siedlungsbewegung des Gouvernements Lublin verhielt sich die Zahl der deutschen zu den ortsansässigen slavischen Kolonisten wie fünf zu zwei. 1877 machten sie im Kreise Lubartów 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Der Hauptstrom der deutschen Einwanderer ist in dem Jahrzehnt nach der Aufhebung der Leibeigenschaft ins Land gekommen.

Der Grund hierfür legt klar auf der Hand: die schwierige Wirtschaftslage der polnischen Grossgrundbesitzer nach der Aufhebung der Leibeigenschaft. Der Adel verlor plötzlich die Arbeitskräfte, die Jahrhunderte hindurch umsonst für ihn gearbeitet hatten. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wuchsen. Man verkaufte in der ersten Ratlosigkeit aus ganzen Waldstrecken das hohe Holz. Das Unterholz blieb meistens stehen, und schon nach wenigen Jahren war ein undurchdringliches Gebüsch entstanden. Wären dort Ukrainer oder Polen angesetzt worden, so hätte der Adel unweigerlich Schiffbruch erlitten. Den Pachtzins hätte er auf den schlechten Böden schwerlich herausbekommen. Bedenkt man ferner, dass z.B. im nördlichen Teil des Cholmerlandes mindestens 40, in zahlreichen Einzelfällen 80 Prozent der von den Deutschen besiedelten Flächen sumpfigen Charakter besassen, reiner Sumpf oder sandiger Boden waren, dann versteht man, weshalb der polnische Adel deutsche Einwanderer aus dem Westen Kongresspolens heranzog. Die hatten sich dort bereits vortrefflich bewährt. Im Jahre 1860 gab es in Kongresspolen ungefähr 270 000 Deutsche. Der Wanderdrang steckte vor allem den ärmeren Schichten des bäuerlichen Deutschtums so im Blute, dass die Lockmittel der Lubliner, Cholmer und Wolhynischen Grossgrundbesitzer auf die ohnehin empfänglichen Gemüter wirken mussten. (…[3])

In den meisten Fällen schickten die Gutsbesitzer deutsche oder polnische Boten ins Weichselgebiet, um Annehmer (Anm.: d.h. Vermittler) und Kolonisten auf die Siedlungsmöglichkeiten im Osten aufmerksam zu machen. Das führte dann letzten Endes dazu, dass reiche Deutsche aus eigenem Antrieb ins Land kamen und mit dem Adel verhandelten. So schickte der Graf Suchodolski, auf dessen Gütern mehrere Kolonien entstanden, einen gewissen August Stübbe ins Lodzer Gebiet, damit er ihm Annehmer herbeischaffe und stattete ihn mit dem nötigen Reisegeld aus. Stübbe wanderte mehrere Male zu Fuß hin und brachte schließlich kapitalkräftigere Kolonisten mit: Gottlieb Neumann, Gottlieb Dürr und Gottlieb Muth. Ihnen verdankt die Kolonie Pograniczié ihr Entstehen. Stübbe bekam vom Grafen als Belohnung 15 Morgen Land, für die er nur  25 Rubel Geld und einige Pfund Butter zu geben brauchte.

Die Annehmer standen bei ihren Volksgenossen in hohen Ehren. Sie waren gleichsam der Kolonistenadel.

In Zawada (Kr. Lubartów) kauften 1867 zwei Männer, Roosner und Schmidt, 650 Morgen, die sie dann an ihre Stammesgenossen verparzellierten. Im allgemeinen war es so, dass die Annehmer ihr Geld bis zum letzten Groschen an den Herrn zahlten und dann mit Familie, wie alle übrigen Siedler, für einige Jahre in einer Erdbude hausten. So war es in den Kolonien Suchodolskis, wo die Annehmer in Skordjów Friedrich Wehrmann, Sonntag und Krüger (aus dem Kirchspiel Gombin), in Równianka Joh. Ziehmer und Friedr. Brückner (Lodz, Zgierz), in Konotopa Ludwig Marek und Erdmann hießen. In Kroczyn nahmen die drei deuschen Annehmer Hedke, Schimkowski und Wolski 900 Morgen an. In Krobonosza spielten Adolf Firus und die Baptisten Michael Badke, Ludwig Draht und Benjamin Schmalz die größte Rolle bei der Verteilung des Gutslandes. Es war selbstverständlich, dass die Annehmer für sich das meiste und beste Land behielten und wirtschaftlich schnell hochkamen. Die von ihnen dem Herrn angezahlten Gelder zogen sie mit einem ansehnlichen Gewinn später aus den Siedlern wieder heraus.

Ein mächtiger Annehmer war der baptistische Landwirt Krebs, der vom Edelmann Weglewski die Begüterungen Zezulin (Kr. Lubartów) annahm, eine hohe Anzahlung leistete und fünf Kolonien schuf.

Keiner ist dem Annehmer Wilhelm Kamenz gleichgekommen, dem der verschuldete Gutsbesitzer Niemierowski die Aufteilung seines Gutes Nowosiólek gegen Leistung einer nahmhaften Anzahlung übertrug. Er allein hat acht Kolonien gegründet, die er sogar teilweise zum Andenken an seine Siedlungstätigkeit nach den Vornamen seiner eigenen Familie taufte, eine Sitte, die sonst nur bei den Edelleuten üblich war. Nach sich selbst taufte er Wilhelmswald, zwanzig Jahre später von der russischen Behörde in Janów umbenannt *, nach seiner Tochter Josephine Józefinów, nach seinen Söhnen Adolf Adolfin, Julius Juljanów, Heinrich Henrysin.

Über die Rolle der Annehmer schreibt die „Gazeta Lubelska“ 1876 Nr. 51, „Für die schlaueren (d.h. der Annehmer. Der Verf.) bot sich zugleich ein gutes Feld zur Spekulation. Die angebotene Vergütung für die sogenannte Erledigung des Geschäftes, die in der Herbeiholung von Kolonisten besteht, stellte einen nicht unerheblichen Gewinn dar. Die ersten Ankömmlinge verkaufen ihre Wirtschaften an ihre Verwandten und Bekannten, aus den vorher von ihnen bewohnten Gegenden, und sie selbst rückten weiter vor. [4]

Die Verträge werden mittels notariellen Akts abgeschlossen, aber dieser Akt wird erst dann ausgefertigt, wenn schon eine bedeutendere Summe angezahlt worden ist. Für die erste Anzahlung dagegen erhält der Neuerwerber oder vielmehr der Vermittler (Annehmer! Der Verf.) eine private Verpflichtung mit einer festgesetzten Frist, das heisst, wenn bis zum bestimmten Termin die vereinbarte Summe angezahlt worden ist, dann wird das Gut oder ein Teil desselben unter den in jener Verpflichtung ausgedrückten Bedingung verkauft. Mit einer solchen Verpflichtung in der Hand sucht der Vermittler als Neuerwerber Gesellschafter und lässt nur im äussersten Falle in Ermangelung von Glaubensgenossen ortsangesessene Bürger oder Bauern hinzu, die gewöhnlich voller Misstrauen ans Geschäft herangehen, wankelmütig sind und lieber teuer fürs Land bezahlen, wenn sie es mit fertigen Dingen zu tun haben.“

90 Prozent aller Großgrundbesitzer, die die deutschen Kolonisten ins Land gerufen haben, waren polnischer Volkszugehörigkeit.

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Abschrift (Auszug)  aus: 

Kurt Lück  „Die Cholmer und Lubliner Deutschen kehren heim ins Vaterland“,  Posen 1940*

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Über die Herkunft der Siedler im Cholmer und Lubliner Lande unterrichtet die „Gazeta Lubelska“ 1876 Nr. 51 folgendermaßen:

„Die Neuerwerber sind nicht direkt aus Preußen zu uns gekommen, sondern aus den an ihr ursprüngliches Vaterland angrenzenden Gebieten, und zwar aus den Gouvernements Kalisch, Plock und teilweise Warschau. Den größten Schub lieferten die Umgegenden von Turek, Dobre Krósniewice, Gostynin und Kutno.“

In manchen Kolonien war die deutsche Bevölkerung stammlich so gemischt, daß man bis vier verschiedene Mundarten hören konnte. Im Laufe der Zeit hat sich dann ein Gemeindeutsch herausgebildet oder sich eine der plattdeutschen Mundarten durchgesetzt: „kaschiebsch“ (Spottausdruck!) wemkisch oder niederungsch. Die spottweise „Kaschuben“ genannten niederdeutschen Kolonisten sind Pommern, die aus dem früher einmal Herzogtum Kassubien genannten Landesteil stammen. (…)

Für viele Kolonisten bildete das Cholmer und das Lubliner Land nur eine Durchgangsstation für den Zug nach Wolhynien. Ganze Kolonien gingen infolge der Weiterwanderung ein, Wankowszczyzna, Rybie (bei Cholm) und manche andere. Seit 1900 sind viele Kolonisten nach Preußen abgewandert. Die schwäbischen Siedler von Porocka Wola (Kr. Janów) leben heute in Malice und Langowice bei Exin (im Warthegau), ebenso einige Auswanderer aus dem schwäbischen Borkowizna, da auch Bewohner nach Wolhynien und Westpreußen abgegeben hat. 1908 wanderten einige Michelsdorfer nach der ehemaligen Provinz Posen aus, Leute aus anderen Kolonien nach Westpreußen. Die vielen untergegangenen Orte zeugen von der Weiterwanderung ihrer Bewohner. Die Auswanderung  nach Kurland (1907) ist hier nicht so stark gewesen wie in Wolhynien. Dorthin sind u.a. Leute aus Aleksandrówka (Gem. Rudno) und Sobolew ausgewandert. Die Hälfte der Kolonie Sobolew ist nach Wolhynien gezogen.  (…)

* Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG; Irrtum der Abschrift vorbehalten

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Fotos aus dem Cholmerland:

http://www.cholmerland.de/Fotos-vor-1940/

http://www.cholmerland.de/Fotos-nach-1940/

 

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* Die Lemberger Nationalzeitung berichtet auf der Titelseite ihrer Ausgabe vom 2. März 1886  über diese Umbenennung:

http://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/applet?mimetype=image/x.djvu&sec=false&handler=djvu&content_url=/Content/66509/DIGCZAS002027_1886_049.djvu

 


[1] Plauen 1934, hier zitiert aus dem Nachdruck 1990, S. 425 – 430; für die Abschrift: Irrtum vorbehalten;

          Publikation gemeinfrei gem. § 64 Urheberrechtsgesetz

[2] Karte im Nachdruck nicht enthalten

[3] Anmerkung: die im Original auf nachfolgenden Seiten dargestellten Tabellen zur Bevölkerungs- und Kirchenstatistik für das Gouvernement Lublin sind hier nicht aufgenommen

[4] So erklärt es sich, sagt derselbe Artikel, dass in drei Jahren von 1874 bis Ende 1876 im Kreise Lubartów 1092 Deutsche hinzukamen, obwohl in dieser Zeit kein Gut parzelliert worden ist. Die Annehmer holten sich weitere Siedler auf die schon parzellierten Güter.

Kartenausschnitt aus:   Das Generalgouvernement, Jahrgang 1, Ausgabe 3 (Dezember 1940) Seite 7 

http://dlibra.umcs.lublin.pl/dlibra/plain-content?id=3290

 


Überblick zur Geschichte der Regionen Lublin und Cholm:

vgl. Arbeitsgemeinschaft der ostdeutschen Familienforscher: http://www.agoff.de/?p=26265

Klaus Kindler "Die Cholmer Frage 1905 - 1918", (Dissertation) Universität Mainz 1989

 


Zur Entstehung der "Holländereien" in Polen:

Maas, Walther

"Un épisode du défrichement de la Pologne : vrais et faux "Hollandais"  (französisch)

In: Annales d'histoire sociale. 1e année, N. 4, 1939. Seite 421-423

http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/ahess_1243-2563_1939_num_1_4_3013

 


 

Kurzer historischer Überblick

Das „Cholmerland“ - das Territorium um Siedlce, Lublin, Cholm, Hrubieszow, Tomaszow - hat eine ähnlich bewegte Geschichte wechselnder Herrschaften wie Wolhynien:  es gehörte in frühen Zeiten zur Kiewer Rus, dann  zum polnischen Königreich, war zeitweise auch Litauen zugeschlagen und gelangte 1401  für vorerst einen längeren Zeitraum endgültig unter polnische Oberhoheit. 1569 erfolgte  unter Einbeziehung von Podlachien und Wolhynien eine Vereinigung mit Litauen („Lubliner Union“).  Die so genannte „dritte Teilung Polens“ (1795) machte das Cholmerland zu einem Teilgebiet von Österreich-Ungarn, es wurde später dann Anfang des 19. Jahrhunderts erneut dem polnischen Herzogtum Warschau zugeschlagen und geriet 1815  aufgrund der Beschlüsse des Wiener Kongresses unter russische Herrschaft.

Bis zum 1.Weltkrieg überwog in der Bevölkerung der Anteil der Ukrainer (Schätzungen liegen zwischen 50% und      70 %). Die Zaristische Regierung strebte eine weitgehende Russifizierung an, indem sie z.B. das Russisch als Unterrichtssprache einführte. Eine gewichtige Rolle in den politischen Auseinandersetzungen der ethnischen Gruppen spielten die Führer der großen christlichen Kirchen (Polen: römisch-katholisch,  Ukrainer: griechisch-katholisch = „Unierte“,  Russen: russisch-orthodox). So gab es beispielsweise einen Streit um die Einführung des julianischen Kalenders aus russischer Tradition (gegen den gregorianischen Kalender).

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