Landwirtschaft

 

Raimund Friedrich Kaindl*

Der deutsche Bauer in Galizien

 

Seit Kaiser Josef II. sind deutsche Bauern in die von Österreich zuvor gewonnene Provinz Galizien gekommen. Seither sind zahlreiche „schwäbische“ und deutschböhmische Dörfer entstanden. Diese Siedler sind wichtige Kulturpioniere geworden. Das deutsche Dorf hebt sich auch heute noch vorteilhaft von seiner Umgebung ab. Um aber zu verstehen, was der deutsche Landmann diesem Lande gebracht hat, muß man wissen, wie es hier vor 150 Jahren um Dorf und Landwirtschaft gestanden hat.

Nach verläßlichen Berichten der österreichischen Behörden waren die Zustände vor der Besiedlung ganz trostlos. Die Pflüge waren klein und plump; gepflügt wurde nur eine Viertelelle tief, oft auch nur mit der Hacke das Feld etwas aufgelockert und darauf gesät. Die Brache dauerte 3 – 4, aber auch 7 – 9 Jahre. In einzelnen Gegenden brannte man die Bäume und Sträucher nieder und säte im ersten Jahre Weizen oder Korn, im zweiten Gerste, im dritten Hafer. Die Eggen bestanden oft nur aus einem schmalen mit eisernen Nägeln beschlagenen Brette. Ebenso schlecht und klein waren die Wagen; „an einem ganzen Wagen befindet sich oft kein Lot Eisen“. Das Düngen war zur Zeit der deutschen Besiedlung in Galizien unbekannt. „Was die liebe Mutter Natur ohne Mühe hergab, wurde genommen und benutzt. Die Stallfütterung, die Verbesserung des Bodens durch Dünger, waren so selten, daß, als die Deutschen, fleißigen Bienen gleich, pohlnische Dörfer ihres Unraths entluden, und den Dünger aus den Häusern der Pohlen zu führen anfiengen, die Nationalisten (=Ruthenen, Ukrainer) sich über die Dummheit der verhaßten Ankömmlinge das Fäustchen voll lachten, die thöricht genug waren, diesen Unflath auf ihre Äcker zu führen.“ (Bredetzky)

Futterkräuter, Gemüse, Obst und Handelskräuter würden kaum gebaut. Das Ausdreschen der Früchte besorgten im östlichen Galizien noch Tiere, die darüber gejagt wurden. Sehr kläglich stand es um die Viehzucht. Das Vieh war elend und unansehnlich. Es gab keine festen Stallungen, so daß das Vieh, besonders im Winter, furchtbar litt. Tausende Haustiere gingen durch Kälte und wilde Tiere zugrunde. Die Häuser waren elende Rauchhütten ohne Nebengebäude, die Wände aus Ruten geflochten. Menschen und Tiere wohnten in einem Raume, Umzäunungen waren oft nicht vorhanden.

Wieviel höher war die Kultur der deutschen Siedler. Sie hatten ordentliche, dreiteilige Häuser mit reinlichen, beheizbaren Stuben. Herd und Ofen hatten stets einen Rauchfang. Zum Gehöft gehörten Stall und große Scheuer. Die Geräte übertrafen die einheimischen himmelhoch. Die österreichische Regierung hat viel für die Ausstattung der deutschen Siedler getan, weil sie ihre Wirtschaften als Muster für die einheimischen Bewohner dachte. Der gute deutsche Pflug leistete mit einem Gaul an einem Tage mehr, als 3 bis 4 einheimische Bauern und galt in Galizien noch lange nachher als ein Wunderwerkzeug, das der Schwabe aus der Werkstatt des Teufels erhielt. Die deutsch-böhmischen Bauern haben überdies ihre Siedlungsplätze zum teil im dichten Urwald erhalten. Von einer Ansiedlung im wilden, rauhen Gebirgstale der Sucha in der Bukowina wollten die dahin geschickten Slowaken nichts wissen, während die Deutschböhmen die Ansiedlung dort annahmen und im wildesten Urwald neue Heimstätten gründeten. Man schlug durch den Wald eine breite Auslichtung als Straße. Dann teilte man rechts und links von dieser die einzelnen Hausplätze und Lose aus, deren Roden den Ansiedlern oblag. Die Behörden rechneten 10 Jahre für die Rodung. Damit wurde oft so verfahren, daß man von einem starken Baum einen etwa 3 Meter hohen Stumpf stehen ließ und in seiner Nähe alle Bäume bis auf weitere vier entsprechend hohe Stümpfe niederhieb. Diese Stümpfe bildeten die Pfeiler eines Hauses. Nachdem dieses notdürftig hergerichtet war, begann das mühsame Roden des Waldes. Der nötigste Lebensunterhalt mußte inzwischen durch Pottaschegewinnung, Herstellung von Brettern und dergleichen gewonnen werden. Früher kannte man im östlichen Galizien keine Sägewerke. Jedes Brett wurde mit der Axt aus dem Stamm gezimmert. Erst die Deutschen bauten Brettsägen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, welche Arbeitsleistungen unsere deutschen Bauern zustande brachten. Ihre Häuser, Scheuern und Stallungen wurden mustergültig. Ihr Hausrat und ihre Werkzeuge ebenso. Sie haben die Landwirtschaft verbessert; Ackerbau, Viehzucht, Gemüse- und Obstbau, die ordentliche Milchwirtschaft usw. wurden durch sie gefördert. Dau kam, daß sie durch die Schulbildung, so gering sie sein mochte, die Einheimischen weit über trafen.  Das deutsche Dorf bildete so eine Kulturinsel in der von Polen, Ruthenen und Rumänen bewohnten Gegend. Die Deutschen haben es mit der Zeit, auch stets mehr mit dem Fortschritt gehalten, landwirtschaftliche Maschinen, Wirtschaftsvereine und dergleichen geschaffen und sind so für die Einheimischen immer mustergültige Lehrer geblieben. Von ihnen haben die Nachbarn viel gelernt, und wenn heute in diesen Gegenden die dörfliche Kultur allgemein höher ist, als im benachbarten Rumänien oder Rußland, so ist das auf den Einfluß der deutschen Bauern zurückzuführen. Das wird auch öfters von den Einheimischen anerkannt. So schrieb die in der Bukowina erscheinende rumänische Zeitung „Vointa Poporului“ am 2. September1905: „Brüder, lebt gut mit den Deutschen. Sie sind gute Wirte, bearbeiten den Boden gut, wissen schönes Vieh aufzuziehen und sind häufig auch gute Handwerker. Jeder Bauer weiß, daß die schönsten Pferde und auch das schönste Hornvieh von den Deutschen aufgezogen werden. Die Deutschen sind sehr häufig Schmiede, Krämer, Schneider, Wagner usw. Sie sind arbeitsame Menschen, anständig und friedliebend. betrachte nur die deutschen Wirtschaften: sie haben schöne Häuser, große Scheuern und Stallungen und zeichnen sich durch eine augenfällige Reinlichkeit aus. Von den deutschen Kolonisten haben unsere Rumänen viele gute Dinge gelernt und lernen sie noch heute. Die Deutschen lieben die Schule, so daß es keinen Deutschen gibt, der nicht lesen oder schreiben könnte. Das ist sehr gut, denn so wird das Volk gebildet, und nur ein gebildetes Volk kann sich vor Betrügereien aller Art schützen. Wir wünschen von Herzen, daß diese Art der Deutschen tief auch in das rumänische Volk eindringe, weil dann unsere Bauernschaft nicht mehr die Beute schlauer Geschäftsleute würde.“

Die deutschen Bauern besitzen überall in Galizien Raiffeisenkassen und landwirtschaftliche Genossenschaften, sie gehören völkischen Schutzvereinen an, errichten als Stätten deutscher Geselligkeit „Deutsche Häuser“, gründen Lesehallen und dergleichen. Besonders bemerkenswert ist die Volkshochschule in Dornfeld bei Lemberg, an der abwechselnd ein Kursus für junge Männer und Mädchen stattfindet. Aus den Reihen der deutschen Bauernsöhne sind auch viele Beamte, Ärzte, Lehrer und Professoren hervorgegangen. (….)

 

* Raimund Friedrich Kaindl, Historiker und Ethnologe (1866 – 1930); Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG;

zitiert aus: Fritz Seefeld (Hg) „Der Deutsche in Galizien“, Langensalza 1937, S. 38 - 41