Ethnografie 1911/1912

 

Auszug aus: Theodor Baßler 

„Das Deutschtum in Russland“,

München 1911 , Auszug aus den Seiten 39 - 45*


* online (poln. digitale Bibliothek): http://www.pbc.gda.pl/dlibra/docmetadata?id=3798&showContent=true,

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Auszug aus:  Axel von Gernet  (1865 – 1920)

„Die Deutschen in Russland“*

in: Deutsche Monatsschrift für Russland, Ausgabe 2,  

15. (28.)  Februar 1912, Seite 97 – 103,  hier: Seite 100-101

Abschrift:

(...) Aus dem Koloniengebiet im Zartum Polen ist ein weiteres großes Koloniengebiet hervorgegangen, das sich über die Gouvernements   W o l h y n i e n,   K i e w   und    P o d o l i e n   erstreckt.  Nach der Reichsvolkszählung von 1897 gab es in Wolhynien eine ländliche deutsche Bevölkerung von 169.322, in Kiew 9940 und in Podolien von 1605 Seelen. Die Deutschen gehören auch hier fast ausschließlich dem Stande der Ackerbauer an.  Trotz starken natürlichen Zuwachses nimmt die Zahl der Kolonisten in letzter Zeit verhältnismäßig nur wenig zu infolge der starken Auswanderung, die durch die 1886 beginnende Politik der Rechtsbeschränkung seitens der Regierung veranlasst ist. Die Auswanderung  ging lange hauptsächlich nach Amerika, neuerdings aber auch nach Posen und in die Ostseeprovinzen.

Diese Politik der Rechtsbeschränkungen hat dazu geführt, daß nur ein Viertel der Kolonisten die Möglichkeit gehabt hat, ihr Land zu eigen zu erwerben. Drei Viertel sind noch eben Pächter. Die Politik der Bauernagrarbank, die ihre Hilfe den Deutschen nicht angedeihen läßt, hat dazu geführt, daß zahlreiche Pachtkolonien eingegangen sind, die sich in den Grenzen von Gütern befanden, welche in den Besitz dieser Bank übergegangen sind.

Die Kolonisten leben in kleinen, geschlossenen Kolonien, deren Bevölkerungszahl selten mehrere Hundert beträgt. Es besteht überall individueller Besitz. Doch da der Pachtbesitz prävaliert und die Pachtsätze eine als unnormal zu bezeichnende steigende Tendenz aufweisen, ist der Deutsche in Wolhynien, aber auch in Kiew und Podolien im allgemeinen arm geblieben. Eine Oberschicht existiert nicht.

Die Armut der deutschen Bauern in Wolhynien hat ihren Bildungsstand auf einer niedrigen Stufe erhalten. Die evangelische Volksschule leistet wenig, da das schlecht besoldete Lehrerpersonal den an einen Elementarlehrer zu stellenden Ansprüchen nicht genügt. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat die evang.-lutherische Unterstützungskasse 1906 in der Kolonie Heimtal Küsterklassen eingerichtet, welche die Volksschullehrer für die Kolonistenschulen Wolhyniens, Kiews und Podoliens ausbilden soll.

Die deutschen Kolonisten in Wolhynien, Kiew und Podolien sind fast durchweg evangelisch-lutherischen Bekenntnisses. Die Zahl der Reformierten und Sektierer ist gering. In Wolhynien zählen wir 9, in Kiew 2 und in Podolien gleichfalls 2 evangelisch-lutherische Kirchspiele. Ein Vereinswesen besteht im Gebiete nicht. die Zahl der Wohltätigkeitsanstalten ist außerordentlich gering. (...)

 

* gemeinfrei gem. § 64 UrhG