Reisebericht 1795/98

 

Abschrift (Auszug) aus:

Carl Feyerabend  „Cosmopolitische Wanderungen durch Preußen, Curland, Liefland, Litthauen, Vollhynien, Podolien, Gallizien und Schlesien in den Jahren 1795 bis 1798 –

in Briefen an einen Freund “

Band 4, Germanien [Danzig] 1805, Seite 130 – 331*

(Rechtschreibung aus der Vorlage übernommen)

 

Seite 237 – 240:

Sobald man das morastige Polesien hinter sich hat, und in Vollhynien eintritt, so bemerkt man sogleich eine  auffallende Veränderung. Die Gegend wird ebner und ofner, die Felder fruchtreicher, das Klima heißer, die Menschen fester, gesünder und nerviger, und von edlerer Gestalt. Diese Provinz ist äußerst fruchtbar, und reich gesegnet an Gütern der Natur. Hülfen die Menschen der Natur etwas nach, so müßte das Land eins der reichsten und schönsten auf Gottes Erde sein. Das Getreide steht so üppig, und gedeiht zu einer solchen Höhe und Stärke, daß der größeste Mensch ungesehen darin aufrecht stehen kann. Und dieß geschieht bey der äußersten Vernachlässigung des Bodens, den man fast ohne allen Dünger und übrige Zubereitung größtentheils sich selbst überläßt – und nun denke man sich, was dieser Boden hervorbringen würde, wenn ihm Kunst und Fleiß nachhelfen möchten. In gewöhnlichen Jahren gewinnt man das zwölfte Korn; in mittel oder troknen Jahren wenigstens das zehnte. Mit dem Getreide selbst wirthschaftet man auf die unverantwortlichste Art. Man giebt sich gar keine Mühe, es ordentlich in Scheunen zu bringen; in irgend eine Ecke des Hofes wirft man es ungedroschen auf einen Haufen zusammen und macht höchstens eine unbedeutende Art von Bedachung darüber, um es vor den ersten Anfällen des Regens zu schützen. Dennoch geht, wie natürlich, ein großer Theil in Fäulnis über; Vögel aller Art eilen herbei, und zehren von dem Seegen der Garben; die überreifen Körner fallen aus, und werden zertreten; alle übrigen Hausthiere benuzzen es zu ihrem Fraß, und so geht gewöhnlich die Hälfte des Segens muthwillig verloren. Und doch bleibt ein so erstaunlicher Ueberfluß, daß der Edelmann große Quantitäten seines Getreides ausschiffen kann, welches er denn auch so unüberlegt tut, daß es ihm zuweilen späterhin an eigenem Bedarf, sogar an Saatkorn fehlt, und sich dann genöthigt sieht, einem jüdischen oder christlichen Wucherer in die Hände zu fallen, der ihm für schweres Geld das Nothwendige verschafft.

Indessen fruchtet dem Unterthan der reiche Seegen des Feldes fast gar nichts, oder wenigstens nur so viel, daß er dadurch vor dem Verhungern geschützt wird. Ueberließe man  das, was auf eine unbarmherzige Weise zertreten und von den Vögeln des Himmelreichs gefressen wird, dem armen und nothleidenden Bauer, so könnte er dadurch mit leichter Mühe seine Bedürfnisse stillen, könnte vielleicht noch sammeln, und einen Schatz auf schlechtere Zeiten bewahren. –

Aber, welcher Edelmann bekümmert sich hier um das Wohl seiner Bauern! Um ihn nicht verhungern zu lassen, muß er ihm geben, was er nothwendig bedarf, weil er ihn zur Arbeit braucht. Damit hat er denn aber auch genug gethan, und, ob der sparsam zugemessene Lebensbedarf für den Bauer und seine Familie hinreicht, oder nicht – darüber läßt er sich kein graues Haar weiter wachsen. Genug, er hat gethan, was ihm oblag, und nun mag der arme Mann selbst zusehen, wie der sich und seiner Familie das Leben fristet! –

Wahrlich, in diesen gesegneten Provinzen könnten die glücklichsten Menschen leben, wenn es den Gutsbesizzern nicht durchaus an jenem edlen Gefühle mangelte, das erforderlich ist, um Glück und Seegen zu verbreiten. Selbst der unerhörteste Sklavendruf, die unerträglichste Tyranney, die schwersten Arbeiten, und die sparsamsten, zum Theil ungesundesten Nahrungsmittel können die Menschen hier nicht verkrüppeln. Sie haben eine auffallend edlere Gestalt, als ihre in Morast verstekten Brüder, eine festern Knochenbau, eine ernste  Ruhe und Gleichgültigkeit in ihrem ganzen Genehmen. Gegen alles, was Elend heißt, sind sie vollkommen abgehärtet. Sie ertragen die schrecklichsten Schmerzen mit einem Gleichmuth, an dem man irre wird, ob man ihn für Stoicismus oder für eigentlichen Stumpfsinn halten soll.  Sie behalten ihre Geistesgegenwart auch bey den gefährlichsten Umständen, selbst dann, wenn ihr Leben in Gefahr ist.  Kälte und Hizze wirkt dem Anschein nach, gleich wenig auf sie, wenigstens nicht auf ihre äußere Empfindung. In ihren Hütten hauset Armut und  Elend; sie sind aus Pfählen zusammengeschlagen, mit Lehm verklebt, von der Länge der Zeit durchlöchert, und haben ein einziges Gemach, das ihnen zur Küche, zum Prunk- Schlaf- und Speisezimmer dient. (…) Im Durchschnitt haben sie eine regelmäßige  Bildung, und es giebt wirklich recht viel natürlich schöne Mädchen unter ihnen. (…)

Seite 260 :

Alle Einwohner dieser südlichen Provinzen, so stark und nervigt sie auch sind, erreichen selten ein hohes Alter. Ein Mann von einigen siebzig Jahren ist dort schon ein sehr abgelebter Greis, und wird als eine Seltenheit angesehen. Die meisten Menschen sterben zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Jahre. Zu dieser frühzeitigen Entkräftung tragen wohl sehr viele Ursachen bey; der Hauptgrund liegt indeß wohl immer theils in der unverträglichen Hize des Clima’s und den damit verbundenen Krankheiten, theils in der schweren mühevollen Lebensart, welche dieses volk von Jugend auf zu führen gezwungen ist, theils in den ungesunden, oft unverdaulichen Nahrungsmitteln, die hier gewöhnlich genossen werden, theils und hauptsächlich aber auch in dem Mangel an guten und brauchbaren Aerzten. (…)

Seite 263:

Das gesegnete Vollhynien hat eine Menge sogenannter Steppen, oder Ebenen, auf denen man zum Theil kleines niederes Gestrüpp antrift. Wenn man sich aber unter diesen Steppen asiatische oder afrikanische Wüsteneien denkt, so irrt man sich sehr. Größtentheils sind es fruchtreiche Ebenen, die mit Getreide aller Art prangen; oder auch wilde unbebaute Landesstriche, auf welchen in üppiger Fülle, und ohne menschliche Pflege und Wartung, Arbusen, Wassermelonen und andere saftige Früchte wachsen, die eine wahre Wohlthat der Natur in diesem heißen Klima sind. Denn die Hize ist hier wirklich unerträglich. Jetzt, da ich dieses schreibe, befinden wir uns in der Mitte des Aprils, und schon haben wir hier seit mehreren Wochen eine so erstikkende Sommerhize, als sie bey uns in Preußen während der Hundstage nicht angetroffen wird. Die Bäume stehen vollkommen belaubt, das Getreide beginnt zu blühen, und auf den wenigen Obstbäumen umher sieht man schon bald reife Kirschen.

Seite 279:

Uebrigens fehlt es diesen fruchtreichen Gegenden noch immer an Menschen; sie könnten weit mehr ernähren, als da sind. Die Pest, welche besonders in den Jahren 1771 und 72 schreckliche Verheerungen anrichtete, und Tausende von Menschen hinraffte, zeigt noch immer die fürchterlichen Spuren ihrer damaligen Verwüstung.

Seite 299 - 301:

Die erste erträgliche Stadt, die wir auf unserer Reise in Vollhynien antrafen, war  L u c z k o  , die sogenannte Hautstadt des bisher noch übrigen polnischen Antheils von Vollhynien. Viel loben läßt sich das Städchen freylilch nicht; Schmuz und Unreinlichkeit waren noch immer genug vorhanden; (…) aber doch waren die meisten Straßen erträglich gepflastert, doch beherrschten einige ansehnliche massive Gebäude die niedrigen, hölzernen, halb verfallenen Wohnungen der Juden; doch gab der sogenannte Ring schon einen  recht artigen, und zum Theil erfreulichen Anblick.  Die Juden verhielten sich indeß noch zu den christlichen Einwohnern, wenigstens wie fünf zu eins. Einige Deutsche machten der hebraischen Nation den Handel streitig; sogar ein deutscher Gastwirth verdrängte den jüdischen. Einige Kirchen waren recht artig, aber einfach, und ohne große Merkwürdigkeit. Zum Handel hatte diese Stadt eine sehr bequeme Lage. Der Fluss Ster, der bey ihr vorüberströmte, ist einer von den Mittelflüssen Polens. Er entspringt im südlichen Vollhynien, durchläuft das ganze Land in verschiedenen Richtungen, und verbindet sich in der Provinz Polesien mit der Prozipiecz, die sich wieder in den Dnepper ergießt. Daß indeß der Handel hier nicht so groß ist, als er seyn könnte, davon wird man beym ersten Blik überzeugt. Hier fanden wir zwey Bischöfe, den griechischen und katholischen, die in dieser Stadt ihren Siz aufgeschlagen hatten. Beyde Oberhirten sollen sich einander beständig in den Haaren liegen, und in einem ewigen Rang- und Religionstreit mit einander leben.  (…) Uebrigens hatte die Stadt nichts Merkwürdiges für uns; auch hielten wir uns nur eine Nacht darinn auf. Die zwey Kastelle, welche zur Beschützung der Stadt angelegt sind, verfallen immer mehr, und sind überhaupt von keiner Bedeutung.

Weit interessanter ward uns  D u b n o, diese, in der Geschichte der polnischen Contrakte so berühmte Stadt. Sie war ehemals die Residenz des Fürsten Lubomiersky, eines Mannes der weit umfassende Kenntnisse mit einem sehr edlen Herzen verbindet, der mehrere lebende Sprachen redet, sich im Auslande gebildet, und für den Wohlstand sowohl als für das Vergnügen seiner Bürger mit thätigem Eifer gesorgt hat. Seit mehreren Jahren schon verfolgt er seinen Plan zur Verschönerung der Stadt, und durch die herrlichsten kostspieligen Anlagen, so wie durch die Erbauung mehrerer öffentlicher und Privatgebäude, hat er es wirklich dahin gebracht, daß seine Stadt vor allen polnischen Anlagen einen auffallenden Vorzug erhält.  (…)  Allein, der Ausbruch der Revolution, und die damit verknüpften Unruhen haben die Vollendung dieses Unternehmens verhindert, und der Fürst, der sich gegenwärtig größtentheils im Auslande, besonders in Wien aufhält, schein seinen alten Plan nicht weiter verfolgen zu wollen. Indessen ist doch schon vieles geschehen, und unstreitig ist Dubno schon jetzt die schönste Stadt in Vollhynien, die an sieben tausend Einwohner zählt, die sich mit allerley Manufakturarbeiten und nützlichen Gewerben, hauptsächlich aber mit dem Handel der ihnen aus der Moldau, der Walachey, Podolien und der Ukraine zugeführten Produkte, beschäftigen, namentlich mit Holz, Vieh und andern rohen Produkten, welche nach Breslau, Danzig, Elbing und Königsberg gehen.

Seite 308:

Von Dubno aus mußten wir über einen ansehnlichen Theil eines großen behölzten Gebirges, das sich mehrere Meilen in die Länge zog, und sich bei  O s t r o g   endigte. Dieser Ort wird als die eigentliche Hauptstadt Vollhyniens angegeben. Zugleich war es aber auch der Hauptort eines ehemaligen Herzugthums, das, nebst einem Distrikt von einigen Meilen, seine eigenen Fürsten hatte, die unter polnischer Lehnshoheit standen. (…)

 

* Quelle http://polona.pl/item/1746937/2/  Digitalisat lizenzfrei – vgl. Projekt „europeana“ http://www.europeana.eu/portal/