Industrie

 

Industrialisierung  in  Wolhynien

Einer Publikation* aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, als die frühen Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukrainer erstarkt waren, ist der Stand der Industrialisierung  in den verschiedenen Regionen – auch in Wolhynien – zu entnehmen.  Die Ukraine war auch damals schon mehr als nur die „Kornkammer Rußlands“ und wird in der kleinen Schrift als lohnenswertes Ziel für ausländisches (auch deutsches) Unternehmertum und für Kapitalanlagen angepriesen:

Aufgezeigt wird zunächst die Möglichkeit von Investitionen in das Verkehrswegenetz  (Eisenbahn, Wasserstraßen, Landstraßen), dessen Wiederaufbau und Erweiterung für den Handel von besonderem Interesse sei. Die Verbesserung des Transportwesens wirke sich wiederum günstig aus auf die den Abbau von Bodenschätzen und den Absatz der Veredelungsprodukte  (Kohle, Koks, Eisen, Quecksilber, Graphit, Salz, Erdöl, Torf, Brom, Jod, Phosphorit, Ton, Mergel, Feldspat, Bimsstein). 

Weitere  für ausländische Investoren profitable  Wirtschaftszweige seien die Zuckerindustrie, Textilindustrie, chemische und keramische Industrie, Glas-, Zement- und Holzindustrie, Agrar- und Tabakindustrie. Als ein weiteres unternehmerisches Projekt wird der wünschenswerte Ausbau des Elektrifizierungsnetzes erläutert.

In einer statistischen Auswertung werden für Wolhynien folgende Feststellungen getroffen:

  • Kohleabbau in der Region Kremenetz  (von geringerer Qualität als in anderen Regionen, jedoch mit geschätzt 24 Mrd. Tonnen von großem Ausmaß);
  • Eisenerzminen   in den Kreisen Shitomir und Nowograd-Wolynsk ;
  • Graphitlagerstätten  entlang des Flusses Slutsch;
  • Zuckerfabriken : 17 von insgesamt 200 in der Ukraine;
  • Textilindustrie: 3 Tuchfabriken (Verarbeitung von Wolle),  1 Seilerei (Hanf-Verarbeitung),
  • keramische Industrie: Tonvorkommen  entlang des Flusses Teterew;                                                          „Besonders die wolhynische Tonerde – bis zu 50 % der gesamtrussischen  und 85 % der ukrainischen Ausbeute an Tonerde -  wurde zur Fabrikation von Porzellan, Majolika, Tongefäßen, Kanalrohren usw. verwendet. die jährliche Produktion von Kaolin betrug 1907 21.600 t und ist seitdem gestiegen. Außerhalb des ukrainischen Gebietes wird in Rußland kein Kaolin gefördert.“  (…) „Von den 12 ukrainischen Porzellan- bzw. Fayence-Fabriken befinden sich 11 in Wolhynien“, wo im Schwerpunkt feuerfeste Ziegel, Töpfe  und Klinker hergestellt wurden.  In Nowograd -Wolynsk befand sich eine Fabrik für „elektrotechnische Artikel“, und in Baranowka (Kreis Wladimir-Wolynsk) eine Fabrik für Laboratoriumsgegenstände.
  • Glashütten:  15 von insgesamt 30 in der Ukraine; bedeutende Werke davon in Rakytna und Romanow , die fast alle Arten von Glas erzeugten – ausgenommen optische Gläser;                    (vgl. Anmerkung unten 1)
  • Zementfabrik: in der Nähe von Zdolbunowo;
  • Holzindustrie: 54 von insgesamt 185 Sägereien, 2 von 8 Fabriken für Einlagehölzer zur Kunsttischlerei,  4 von insgesamt 9 Fabriken für Holztäfelungen, 4 Fabriken für Schuster- und Seilerhandwerk, 8 von 18 Papierfabriken, 2 von 3 Pappe-Fabriken;
  • Tabakproduktion in vergleichsweise kleiner Menge.

 

Zum Vergleich und zur Bewertung der Entwicklung  sei hier eine statistische Auswertung aus dem Jahr  1816** gegenübergestellt, in der für Wolhynien folgende Produktivunternehmungen genannt werden:

 

8 Tuchfabriken mit 20 Produktionsstätten

4 Hutfabriken

4 Lederfabriken

1 Leinwandfabrik ( 4 Webstühle)

2 Papierfabriken

10 Spiegel- und Kristall-Fabriken

3 Fabriken für Kupfererzeugnisse und Knöpfe.

 

Die "Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände" aus dem Brockhaus-Verlag behandelt das Stichwort "Volhynien" erstmals in der 8. Auflage (1836, Seite 784 f) und vermerkt:  "Unter allen ehemals poln. Privinzen hat Volhynien die meiste Industrie, und man zählt 211 Fabriken für Tuch, Häute, Glas, Steingut, Papier u.s.w.  mit 5720 Arbeitern."

Für das Jahr 1856 meldet die Rigasche Zeitung in ihrer Ausgabe vom   14. November:

Gegenwärtig existieren 763 Fabriken und industrielle Anstalten in Wolhynien, in denen 5347 Arbeiter verschiedene Waaren für 1.765.992 Rbl. S., laut officiellen genauen Angaben, im Jahre 1855 angefertigt haben. Die Fabrikate unserer industriellen Anstalten sind nicht nur in Rußland, sondern auch auswärts bekannt. Von den sechs Runkelrüben-Zuckerfabriken unserer Provinz, welche im vorigen Jahre Zucker für 550.367 Rbl. verarbeitet haben, genießt der Schepetowsche Zucker seiner trefflichen Eigenschaften wegen wohlverdienten Ruf;  45 Tuchfabriken liefern eine Einnahme von 275.223 Rbln. pr. Jahr, und in ganz Rußland sind die ausgezeichneten Tuche bekannt, welche im Flecken Slawuta angefertigt werden. – Im Flecken Korza ging vor Kurzem eine Fayence- und Porzellan-Fabrik ein, deren Fabrikate den Erzeugnissen des Auslandes weder in der geschmackvollen Form, noch in der Zeichnung nachstanden. An ihrer Statt blüht gegenwärtig eine ähnliche Fabrik im Flecken Baranowka. Drei andere dergleichen Artikeln arbeitende Fabriken liefern im Durchschnitt verschiedene Geschirre für 15.000 Rbl. jährlich. Wir haben ferner bei uns in Wolhynien  5 Eisengießereien, in denen sehr hübsche Monumente, Gitter, Maschinen und allerlei Nippsachen mit ausgezeichneter Kunst nach den allerneuesten und schönsten Modellen ausgeführt werden. Noch müssen wir 21 Eisenhämmer,     16 Glashütten, 91 Gerbereien, 14 Lichtfabriken, 9 Pottasche- und 4 andere Siedereien erwähnen; ferner 5 Equipagen-Fabriken, 1 Instrumenten- und 1 Leierkasten-Fabrik in Ljukar, welche alle in Rußland wandernde Leier-Virtuosen mit Leierkästen versorgt.

Aus Anlass der Berichterstattung über die Neuorganisation der staatlichen Fabrik-Inspektionen beziffert die Rigasche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20.4.1885 für Wolhynien die Zahl der zu überprüfenden Betriebe mit 1350 bis 1400.

 

Zur Qualität russischer Fabrikprodukte allgemein finden sich u.a. folgende Berichte: 

Karl Lang (1766 – 1822) schreibt in seinem Buch über „Die Haushaltung der Menschen unter allen Himmelsstrichen“ (Prag 1810) über das Leben in Rußland u.a.:

„Weiter, als Künste und Wissenschaften, sind Fabriken und Manufakturen in Rußland vorgerückt. Aber dennoch sind die besten von deutschen und andern ausländischen Meistern angelegt worden, und werden von diesen, mit Unterstützung der Regierung, erhalten. Selbst die besten Leinwand- und Seidenwaaren, welche aus ächt russischen Manufacturen hervorgehen, sind noch weit von der Vollendung, welche die besten ausländischen haben, entfernt. Viele Produkte werden roh ausgeführt, und kommen verarbeitet in das Land zurück. Rußland hat so großen Reichthum an kostbarem Pelzwerk, und doch  kaufen deutsche Kürschner in den Hauptstädten des Reichs amerikanische Pelzwaaren, weil die russischen größtentheils verdorben zum Markt kommen. Vorzüglich gut sind die Saffian-, Juften- und Schagren-Fabriken in Rußland  [Anm.:  = div. Arten der Lederverarbeitung]  (…)“

Das „Magazin für die Litteratur des Auslandes“ zitiert in der Ausgabe vom 11. November 1839  aus Thaddeus Bulgarin’s „Reisebildern“ einige Ausführungen, die baltische, russische und deutsche Industrie-Erzeugnisse vergleichen:

„Der einträglichste Handel in den kleinen Städten der Ostsee-Gouvernements ist der mit sogenannten Bauernwaaren, von welchen die vorzüglichsten sind: Inländischer Tabak, Salz, Häringe, Birkenthee, Lederwaaren, Eisen, Beile, Sensen, Messer, russischer Kattun, Zitze, Tücher u.dgl.m.  Ueberhaupt sind alle Waaren in den Ostsee-Gouvernements von Russischen Manufakturen und Fabriken. Diese Fabrikate sind aber so schlecht, daß es ein wahrer Jammer ist, sie anzusehen. Zu jener Zeit, als solche Waaren erfunden und zuerst gemacht wurden, mochten sie wohl schon besser gewesen sein, als jetzt bei uns. Russische Fayence- und Glaswaaren bieten einen fürchterlichen Anblick dar. Alles ist krumm und schief und mit Blasen bedeckt. Messer und Vorlegschlösser sind so beschaffen, als wären sie von Holz; ein Schloß der Art öffnet sich beinahe schon, wenn man hineinbläst und die Messer zerbrechen beim Schneiden des Brodteiges, von den Zeugen geht die Farbe ab, sobald man etwas stark  mit den Fingern daran reibt. Deshalb werden diese Waaren auch nur gekauft, weil man doch nicht ganz ohne Gegenstände der Art sein kann. Ihr Ruf aber ist der verzweifelste: russische Waaren und schlechte Waare sind synonyme Bedeutungen.“ 

Weiter wird ausgeführt: „Der Verfasser mißt die Schuld dem russischen Grundsatze bei, Alles billig und leicht als möglich herzustellen, damit es nur recht rasch von Hand zu Hand gehe. Nach den Industrie-Ausstellungen in Petersburg und Moskau sendeten die Fabrikanten zwar recht stattliche und blendende Muster; diese hätten jedoch dauchaus keine Aehnlichkeit mit den Waaren, die man für den Provinzen auf die Jahrmärkte fabrizire. Er weist darauf hin, daß man im Ausland ebenfalls für den Landmann und den ärmeren Bürger billige Waaren herstelle, diese seyen jedoch meistens auch geschmackvoll, gut und dauerhaft. Er weiß sich dies um so weniger zu erklären, da doch im Auslande Brod und Arbeit viel theurer sind als in Rußland; er vergißt jedoch, den hauptsächlichen Grund anzuführen, nämlich den Mangel aller Konkurrenz in seinem Vaterlande. Der Fabrikant in Deutschland weiß, daß, wenn er seine Messer, Vorlegschlösser, Zeuge u.s.w. nicht zu gleicher Zeit gut und dauerhaft herstellt, dann die Englischen Messer, Vorlegschlösser, Zeuge u.s.w., ungeachtet des sie beschwerenden Eingangszolles, die seinigen auf Messen und Märkten verdrängen würden. Dieser Gedanke erhält ihn immer aufmerksam, und keine Verbesserung des Auslandes entgeht seinem Scharfblick. Der Russische Fabrikant hingegen, den das Prohibitiv-System seines Landes vor jeder Konkurrenz bewahrt, strebt nur dazu, wie Herr Bulgarin sagt, seine Arbeit so rasch als möglich unter die Leute zu bringen; dies müssen sie ja kaufen, sie mögen gut seyn oder schlecht, da ihnen Nichts Anderes zu Gebote steht.“

 

*Orestes W. Daskaljuk „Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und deutsches Kapital“, Wien 1922

** August von Kotzebue „Kurze Übersicht der Manufacturen und Fabriken in Rußland“, Königsberg 1816;

     es gab allerdings auch bereits   Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung, wie ein Erlass aus dem Jahr 1798 beweist:

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Die Bedeutung des Verkehrswesens für den Handel war schon deutlich früher erkannt, wie ein Bericht in den "Provincialnachrichten aus den Kaiserl. Königl. Staaten und Erbländern" in der Ausgabe 1784 (erstes Quartal) beweist:

"Straßenbau in Wolhynien.

Schon lange wünschte man in Litthauen eine sichere und bequeme Landstraße, zum Vortheil der wechselseitigen Handlung von Pinsk nach Wolhynien und der Ukraine, über die dasigen tiefen Moräste zu haben. Dieses gemeinnützige und kostbare Werk ist nun von dem Grodrichter zu Pinsk, Herrn Baltrymowicz bey dem verwichenen troknen Sommer, bis in den November, glücklich zu Stande gebracht worden. Der über die Moräste geführte hohe und feste Dam hat über die Flüße schöne und auf eichenen Pfählen gebaute Brücken. Er ist über 4 Meilen lang, und geht in so gerader Linie, daß anjetzo der Weg von Vollhynien und aus der Ukraine nach Litthauen über 25 deutsche Meilen verkürzt ist."


1) L. Lobmeyr u.a.  "Die Glasindustrie und ihre Geschichte", Stuttgart 1874, S. 295-296:

Glashütten im Gouvernement Wolhynien:

  • Wasilkofski, Gutsbesitzer, Zitomir, Dorf Ositschni,  produziert versch. Hohlgläser
  • Gagarin, Elise, Fürstin, Nowograd Wolynsk, dorf Pogoreli,  Pächter: Uter Pakolski, produziert Flaschen
  • Radzivill, Fürst, Luzk, Dorf Bogulowska, produziert ordinäres Glas
  • Ptocki, Graf, Nowograd Wolynsk, Dorf Sredni, Pächter: Kaufmann Helsker, produziert Flaschenglas
  • Ilinski, Graf, Nowograd Wolynsk, Dorf Adaschewka, Pächter: Schulemann-Tatanowsky,  produziert Flaschenglas
  • Jablonowska. Ludgard, Fürstin, Nowograd Wolynsk, Dorf Dekupka, Pächter: Meyer-Helschker, produziert Flaschenglas
  • Hellmuth, A.  Zitomir, Dorf Naruschtschowka, produziert versch. Hohlglas
  • Zellmann, Kaufm., Kremenetz, Dorf Anonowitz, produziert grünes Glas
  • Zulemann, Abel, Nowograd Wolynsk, produziert Flaschenglas
  • Moiseu, Kaufm. & Frau Stößl-Weinstien, Zitomir, Dorf Winsnach, produziert Flaschen
  • Rosenberg, Moschka, Zitomir, Dorf Pisarewka, produziert Flaschenglas
  • Kutschinsky's Erben, Nowograd Wolynsk, Dorf Kurtschitzky, produziert ordinäres Tafelglas
  • Mezenzoff & Uwaroff Frauen, Nowograd Wolynsk, die Nemelian'sche Fabrik, produziert ordinäres Tafelglas
  • Bespalzef, Zitomir, Dorf Kisselow, Pächter: Moschka, Abraham, produziert Tafelglas
  • Piotrowsky, Andr., Zitomir, Dorf Sabernow, produziert kleines Hohlglas
  • Pritzky, Zitomir, Dorf Panjowsky, Pächter: Kaufm. Weckmann, produziert Apotheker- und and. Hohlglas
  • Kukilowsky, Wenzel, Nowograd Wolynsk, Dorf Kriwojesky, produziert Tafel-, Flaschen- und Hohlglas
  • Sawitzky, Nowograd Wolynsk, Dorf Marianowka, Pächter: Rosenfeld, produziert Flaschenglas
  • Tarnowsky, Pächter der Tarschinsker Fabrik Zitomir, produziert weißes Tafel- und Geschirrglas

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Illustrationen:  a)  Vincent van Gogh "Mann am Webstuhl"

                         b) bearbeitete Zeichnung:  historische Glashütte

 

Irrtum der Abschrift vorbehalten; 

 

letzte Bearbeitung:  23.2.2017