Karäer

 

Die Karäer in Wolhynien

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1.   Hintergründe

Wolhynien-Reisenden ist es möglicherweise bereits aufgefallen: die Adresse der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Luzk  - ул. Караимская 16 (= Karaimen-Straße)  - weist darauf hin, dass es ganz  in der Nähe, am Ufer des Styr, ein Gotteshaus  der Glaubensgemeinschaft der Karaimen gab  (auch „Karäer“ oder „Karaiten“ genannt).

Wer waren sie, und woher sind sie gekommen? –

Es handelt sich um eine Gemeinschaft mit jüdischen Wurzeln:  der Zeitpunkt ihrer Abspaltung von der großen jüdischen Glaubensgemeinschaft liegt im Dunkel der Geschichte, denn es gibt so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse. Die Forschung nimmt für die Entstehung die Zeit etwa im 8. Jh. n.Chr. im Gebiet des heutigen Irak / Iran  an. Möglicherweise  liegen die Wurzeln noch weiter zurück, denn auf der Krim wurde ein Grabstein aus dem Jahr 767 gefunden, der aufgrund des noch zu entziffernden Namens einem Karäer zugeordnet werden konnte, der nach der Überlieferung einen Chasaren-König bekehrt hatte. 

Verschiedene Ursachenvermutungen werden als Grund für die Trennung vom rabbinischen Judentum diskutiert; hoch wahrscheinlich ist für die Frühzeit, dass es mehrere sektenähnliche Gruppierungen von Juden gegeben hat, die um theologische Deutungsrechte konkurrierten.  Der Name „Karäer“   soll zurückgehen auf den Begriff „kara“ – d.h.  „lesen“ (der heiligen Schrift), denn die Karäer halten sich nur an die Thora und lehnen den Talmud, d.h. spätere Interpretationen und Weisungen, ab.  Sie wurden deshalb von den rabbinischen Juden als „Abtrünnige“ verachtet und bekämpft.  Die Wissenschaft streitet darüber, ob bzw. inwieweit der Islam Einfluss auf die Theologie genommen hat.

Eine frühe Blütezeit der Sekte in Jerusalem wurde durch  den ersten Kreuzzug im 12. Jh. jäh beendet, viele ihrer Mitglieder  - soweit sie überlebten – flohen nach Syrien, Ägypten, in den Iran und in die Region um das Kaspische und Schwarze Meer. In der Türkei sollen vereinzelte Zeugnisse über Karäer bereits  aus dem 11. Jahrhundert existieren; Nachkommen der Geflohenen aus Kreuzzugszeiten lebten in Byzanz, wo eines ihrer Zentren für theologische Lehre entstand.

Auch das Gebiet der Krim, Polens, Litauens und der Ukraine wurde zum Lebensraum der Karäer: hier gilt als einer ihrer ältesten Siedlungsorte die Krim.  Daneben soll auch im Fürstentum Kiew bereits ab Ende des 1. Jahrtausends n.Chr. eine Karäergemeinde existiert haben, die in der späteren polnisch-litauischen Zeit Kontakte zu wolhynischen Gemeinden hatte.

Die weitere Verbreitung karäischer Gemeinden in Mittel- und Osteuropa soll in der Zeit des Großfürsten Vytautas ( = Witold) stattgefunden haben, der Ende des 14. Jahrhunderts einige karäische Familien in Trakai  in der Nähe von Vilnius angesiedelt und von dort weitere Familien nach Luzk (Wolhynien)  und nach Halytsch (Galizien) gesandt haben soll (letzteres wird allerdings bezweifelt, da Halytsch nie zum polnisch-litauischen Reich gehört hat).  Trakai wurde zum religiösen und literarischen Zentrum  - eine kleine Gemeinde besteht bis in unsere Tage.

Mit den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert geriet ein Teil der Karäer in das zaristische Herrschaftsgebiet, wo es ihnen aufgrund der anfänglich liberalen Religionspolitik gelang, im Gegensatz  zu Gemeinden des rabbinischen Judentums besondere rechtliche Privilegien zu erhalten. Im Jahr 1789 soll Stephan Bathory, Großfürst von Litauen und König von Polen, den Karäern in Wolhynien (und Galizien) die gleichen Rechte wie den Juden von Trakai gewährt haben.  In dem späteren zaristischen „Statut für die Hebräer“ (1804) sind die Karäer nicht ausdrücklich genannt, d.h. die einschränkenden Regelungen für die jüdische Bevölkerung gelten für sie zunächst nicht unmittelbar. Zur Zeit des Zaren Nikolaus I. erhielten sie Befreiung vom Militärdienst (1827); für sie galt auch ab Mitte des 19. Jahrhunderts  nicht  mehr das Siedlungsverbot in russischen Hauptstädten und in Gouvernements des Landesinnern, das für Juden eingeführt worden war, und Zar Alexander II. stellte sie sogar später in den Bürgerrechten den Christen gleich.

Der erste Weltkrieg zerstörte das zwischenzeitlich gewachsene Netz von  Gemeinden. Nach 1918 bestanden  nur noch vier : in Luzk, Halytsch, Trakai und Panevezys (Litauen). Auf der Grundlage der neuen polnischen Verfassung von 1921 beantragten die Karäer im Jahr 1927 die Anerkennung als  eigenständige Religionsgemeinschaft, die ihnen erst 1936 gewährt wird. Die schwierige Lage in den 1920er und 1930er Jahren  (Hungersnöte, Weltwirtschaftskrise) brachte die Karäer in eine große Überlebensnot.  Viele  dachten daher an Auswanderung:  es ist überliefert, dass Abgesandte der Karäer-Gemeinde in Luzk zu Fuß über 400 km nach Warschau gelaufen seien, um dort im zuständigen jüdischen Auswanderungsamt Palästina-Zertifikate für ihre Gemeindeglieder zu bekommen.

Im zweiten Weltkrieg erreichten die Karäer von den nationalsozialistischen Behörden die Anerkennung als „Nicht-Juden“ aufgrund des Nachweises ihrer turk-tatarischen Abstammung und (Sprach-)Kultur.

 

2.  Karäer in Luzk und Umgebung

Die Karäergemeinde in Luzk soll Anfang des 16. Jahrhunderts erstmals schriftlich erwähnt worden sein. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass sich unter den Teilnehmern des so genannten Monarchenkongresses 1429 in Luzk auch Karäer befunden haben sollen (hierzu gibt es allerdings nur eine einzige historische Quelle). Ihr hölzernes Gotteshaus – im Gegensatz zur jüdischen Synagoge „Kenesa“  genannt -  stand am Ufer des Styr und zählte zu den ältesten seiner Art.  Es ist Anfang der 1970er Jahre durch einen Brand zerstört worden. Ihre Besonderheit bestand darin, dass der Torah-Schrein nicht nach Süden – wie in weltweit allen karäischen Kenesas – sondern nach Osten ausgerichtet war, gleich der Ausrichtung jüdischer Synagogen.  Die Gemeinde hatte zwei Friedhöfe im Stadtgebiet - einen davon neben dem Friedhof der rabbinischen Juden -, die jedoch nicht mehr  existieren.  Die Grabsteine wurden zerstört oder als Baumaterial benutzt.  Die Gemeinde in Luzk blieb klein: nach den Chmelnitzky-Aufständen waren viele fortgezogen, u.a. auf die Krim; rund 140 Gemeindemitglieder gab es Ende des 18. Jahrhunderts, zwischen 1922 und 1939 gehörten ihr nur noch 60 – 70 Personen an. Die Gemeinde stand in Austausch mit der bedeutenderen Gemeinde in Trakai, es gab jedoch trotz der relativen örtlichen Nähe nur wenig Kontakte mit der Karäergemeinde in Halytsch / Galizien, was u.a. auch damit zu begründen ist, dass eine Staatsgrenze  dazwischen lag (Österreich-Ungarn).

Einen wichtigen – wenn nicht gar den wichtigsten – Beitrag zur historischen Dokumentation und  Forschung der karäischen Glaubensgemeinschaft hat Abraham Firkowitz  (1796 – 1874) geleistet: gebürtig aus Luzk (bzw. einem Dorf in der Nähe) lebte und arbeitete er zunächst als Müller, begann später theologische Studien und wurde Lehrer der örtlichen Gemeinde. In der Folgezeit  unternahm er viele weite Reisen, um Schriften, Urkunden, Manuskripte von Karäern zu sammeln, er fertigte Faksimiles von Grabsteinen und anderen Zeugnissen karäischer Kultur.  Seine Sammlung soll mehr als 15 000 Stücke umfassen – in verschiedenen Sprachen und Schriften,  entstanden in einem Zeitraum von rund tausend Jahren. Sie befindet sich heute in der russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg. Auch wenn ein tiefgründiger Streit unter Wissenschaftlern entbrannt ist über die Echtheit einiger  der von Firkowitz präsentierten Schriften oder Zeichnungen, man ihm sogar Fälschungen vorwarf, die mit der Absicht vorgenommen habe, das Alter der Glaubensgemeinschaft und ihre nicht-semitische Tradition möglichst weit zurück in der Vergangenheit zu belegen,  so bleibt doch als wesentlicher Verdienst der Sammel-Leidenschaft die Bewahrung unschätzbarer wertvoller Dokumente der karäischen Geschichte.  Weitere namhafte Persönlichkeiten aus Luzk sind u.a. als Schriftsteller und Verleger hervorgetreten:  Aleksander Mardkowitz  (1873 – 1944) und Sergiusz Rudkowski (1873 – 1944).

Eine weitere wolhynische Karäergemeinde von einiger Bedeutung hat nach vorliegenden Funden  im 17. Jahrhundert für einige Jahrzehnte  in Derazhne  (Bezirk Rivne) bestanden, sie wurde allerdings von Chmelnitzky-Rebellen verwüstet, wie es ein überliefertes Gedicht aus dem Jahr 1650 berichtet.

Copyright:  Mechthild Walsdorf

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Benutzte Literatur: 

 

Simon Szyszman „Das Karäertum”   Wien 1983

 

Hannelore Müller „Religionswissenschaftliche Minoritätenforschung.

Zur religionshistorischen Dynamik der Karäer im Osten Europas“,  Wiesbaden 2010

 

Mikhail Kizilov  "The Sons of the Scripture.

The Karaites in Poland and Lithuania in the Twentieth Century"

Berlin, 2015

deGruyter ebook (kostenlos) http://www.degruyter.com/view/product/455765

 

Michael Nosonovsky „The Karaite Community in Derazne and ist Leader Hazzan Joseph ben Yeshu’ah“

Aufsatz online : http://www.academia.edu/7563478/The_karaite_community_of_Derazhne_and_its_leader_Hazan_Joseph_ben_Yeshua

 

Hanns Reißner „Die Karäer kehren zurück“ in: „Der Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland“, Heft 9, März 1934, S. 525 – 526

 

Bildnachweis:

Singer, Isidore, 1859-1939; Adler, Cyrus, 1863-1940  “The Jewish Encyclopedia

Volume V,  New York / London 1901,  (out of copyright) Seite  393 - 394

https://archive.org/stream/jewishencyclopedia05sing#page/392/mode/2up

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weiterführendes Material: 

 

Historischer Stadtplan von Luzk

in:  „Przewodnik po Polsce Związku Polskich Towarzystw Turystycznych”  Tom II. Warszawa. 1937

http://pbc.biaman.pl/dlibra/docmetadata?id=1681&from=publication

( „public domain“ – kein Copyright vermerkt)   Scan-Seite 175

 

Beschreibung der Kenesa  in Luzk bei Wikipedia-Ukraine:

https://uk.wikipedia.org/wiki/Кенаса

https://uk.wikipedia.org/wiki/Караїмська_кенаса_(Луцьк)

 

Blick vom Fluss Styr auf die Kenesa

https://uk.wikipedia.org/wiki/Караїмська_кенаса_(Луцьк)#/media/File:ЛуцькКенасаСтир.jpg

 

Innenraum der Kenesa

http://cja.huji.ac.il/image.php?id=101517&m=medium

 

Torah-Schrein

http://cja.huji.ac.il/image.php?id=101514&m=medium

 

Kenesa als Ruine nach einem Brand:

http://cja.huji.ac.il/image.php?id=101518&m=medium

 

Foto von Gemeindemitgliedern (1920er Jahre)

http://cja.huji.ac.il/image.php?id=101511&m=medium

 

Ananjas Zajaczkowski (1903 – 1970) „Karaimi na Wołyniu” 

in: Jakub Hofmann (Hrsg.)   „Rocznik Wołyński”    Rowno 1934, Seite 149 - 191

http://pbc.biaman.pl/dlibra/docmetadata?id=7890&from=publication

Fotos der Kenesa: Seite 167, 169 und 175

 

zur Vita von Abraham Firkowitz:

http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Firkovich_Avraam_Samuilovich

Ausstellung der von ihm gesammelten Schriften  in der russ. Nationalbibliothek:

http://expositions.nlr.ru/eng/ex_manus/firkovich/sobr_prim.php

http://expositions.nlr.ru/eng/ex_manus/firkovich/sobr_second.php

http://expositions.nlr.ru/eng/ex_manus/firkovich/catalog.php

 

Jüdische virtuelle Bibliothek  (engl.)

https://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0011_0_10743.html

 

Handschriftensammlung zur Liturgie der Karaim (17. Jahrhundert)

Digitalisat Staatsbibliothek Berlin: 

http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN86209254X&PHYSID=PHYS_0001&DMDID=

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Historische Publikationen:

Leizar Krasnosselskiy   „Zur Geschichte der Karäer im russischen Reiche“

Bern 1912     https://archive.org/stream/zurgeschichteder00krasuoft#page/n5/mode/2up

 

Joseph Smolinski - poln. Zeitschriftenaufsatz über die Kenesa in Luzk - mit Illustrationen (1912) 

http://www.wbc.poznan.pl/dlibra/plain-content?id=121702

 

August Freiherr von Haxthausen

„Studien über die inneren Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Rußlands“  Hannover 1847, S. 398 ff

https://archive.org/stream/studienberdiei02haxt#page/n5/mode/2up

 

F. Vigureux  „Dictionnaire de la Bible“ Paris 1923, Sp. 242 - 245

https://archive.org/stream/Vigouroux_DB/Vigouroux_DB_II#page/n129/mode/2up

 

N. N.  "Die Karaimen in Rußland"

Beitrag in der Livländischen Gouvernements-Zeitung,  Ausgabe 14.3.1855

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N.N.  „Die karaitischen Juden“

Nach einem Artikel des Jurnal Ministerstwa Wnutrennich Djel

in: A. Ermann (Hrsg.)  „Archiv für die wissenschaftliche Kunde von Russland“  (12 Seiten)  - Zeitschriftenband 4, Berlin 1845

http://gdz.sub.uni-goettingen.de/download/PPN332924793_0004/PPN332924793_0004___LOG_0038.pdf

 

Leone da Modena

"Cérémonies et coûtumes qui s'observent aujourd'huy parmy les Juifs. Traduites de l'italien de Leon de Modene, rabin de Venise. Avec un supplement touchant les sectes des caraïtes & des samaritains de nôtre temps."

Paris 1684, Seite 166 ff

https://archive.org/details/bub_gb_r43vav2FtmAC

 

Isaac Marcus Jost

"Geschichte des Judentums und seiner Secten"

Leipzig 1858,  Seite 341

https://archive.org/stream/geschichtedesju03jostgoog#page/n360/mode/2up