Reisebericht 1919

 

Abschrift*

Gärtnerische Reiseschilderungen

Eindrücke aus der Ukraine

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Etwas von dem vielen, was man während seines unfreiwilligen Aufenthaltes in Wolhynien, der jetzigen Ukraine, vor Augen bekommen hat, wird sicher haften bleiben. Nicht nur die einödigen, sandigen und sumpfigen Gegenden, sondern so manches Bemerkenswerte bleibt in Erinnerung. Bewunderung verdienen einige geschickte Bewohner durch ihre schnelle und kunstfertige Anfertigung von Holzschnitzereien, wie Nippsachen und häuslichen Gebrauchsgegenständen. Es ist kaum glaublich, wie diese Leute mit einfachsten Küchenmessern solche Arbeiten ausführen können.

Auffallend und gar nicht zur Umgebung passend sind die schönen, großen Holzkirchen mit blau oder grün gestrichenen Eisenblechdächern. Es gibt Kirchen, an welchen nicht ein einziger Nagel zum Aufbau verwendet wurde, sondern nur ungehobelte Holzpflöcke und rauhe Wurzelstricke.

Einzig sind die ausgedehnten malerischen Landschaften, die uns die Natur bietet, wenngleich das Gelände fast eben ist, jedoch mit einer reichen, farbigen Abwechselung an blühenden Sumpf- und Wasserpflanzen. Im Frühjahr finden wir große Flächen mit blühenden Sumpfdotterblumen, Wiesenschaumkraut, Leberblümchen und Schwertlilien, unter letzten auch die blaublühende Iris sibirica, in den Sommer- und Herbstmonaten Wasserrosen, Schweinekraut, Blutkraut, Weidenröschen, Blumenbinsen und auf Wiesen und lichten Waldstellen Tausendguldenkraut, Odermennig, Hauhechel, blaues und weißes Wollkraut, herrlichen Acker- und Waldwachtelweizen, gelben Fingerhut und das reizende Waldvögelein.

An vereinzelten Orten finden wir die Zwergbirke und die Moor- oder Hakenkiefer, ohne Zweifel noch spärliche Ueberreste längst vergangener Zeiten.

Weite Wasserflächen, belebt mit allerlei Geflügel, umrahmt von urwaldähnlichen Wäldern, welche noch unzählige Wildschweine beherbergen, eilen flüchtig an unseren Augen vorbei.

An beiden Seiten des Weges sieht man oft, sogar tief im Walde, an und auf Bäumen befestigt, Bienenstöcke: es sind 1 ½ bis 2 m lange und 0,80 bis 1 m dicke Baumstammstücke, welche innen ausgebrannt werden, dann werden sie oben und unten mit Deckeln versehen, und, damit die Bienen aus- und einfliegen können, wird in der Mitte des Stammstückes ein schlitzartiges Loch gemacht. In den Dörfern sieht man zuweilen 20 bis 80 solcher Bienenstöcke beisammenstehen; letztere Zahl ist keine Seltenheit. Auch in der Nähe von Wacholdersträuchern und Heidekraut stellt man solche Bienenwohnungen gerne auf. Man gewinnt den Eindruck, daß Bienenzucht neben dem Ackerbau die bevorzugteste Beschäftigung der Landbevölkerung ist.

Da von Wacholder die Rede ist, möchte ich kurz erwähnen, daß ich nach den größten Strauch sah. Er stand als einzige erhabene Pflanze auf einem erhöhten, weithin sichtbaren Gelände; jeder, der in diese Gegend kam, staunte über die stattliche Größe und die volle Form. Der Strauch war etwas über 6 m hoch und über 4 m breit. In der Mitte desselben stand ein 8 m hohes, morsches, eichenes Holzkreuz. Ursprünglich war entweder der Strauch an das Kreuz gepflanzt oder umgekehrt das Kreuz an den Strauch eingegraben worden, denn beide waren sehr alt; letztere Annahme wird wohl wahrscheinlicher sein.

Auch einer alten, natürlich verkrüppelten Kiefer will ich noch gedenken, welche mich unwillkürlich an künstlich gezogene japanische Zwergkiefern erinnerte, nur etwas größer war sie, aber an Schönheit solchen nichts nachgebend. Der Baum stand in einem parkähnlichen alten Garten nahe am See, war mit Aesten und Zweigen 5 m hoch und hatte einen Stammdurchmesser von 95 cm.

Zum Schluss noch eine eigenartige Sitte aus der Buggegend. Man denke sich einen Friedhof. Sobald die Toten dort ankommen, werden sie aus den Särgen herausgehoben und ohne Sarg der Erde übergeben. Hierauf stellt man die leeren Särge auf die Grabhügel. Sie sind prachtvoll geschnitzt; obenauf liegt der Verstorbene aus Holz geschnitzt. Die Einwohner haben den festen Glauben, die Seele des Verstorbenen bleibe so lange in dem Sarge wohnen und bewache den Leichnam, so lange der Sarg gut erhalten  bleibt; deshalb sieht man ab und zu Handwerker beschäftigt, die Särge auf ihre Haltbarkeit zu prüfen, um nötigenfalls Ausbesserungen vorzunehmen. Solche Friedhöfe machen auf den Fremden einen schauerlichen, zugleich auch einen interessanten Eindruck.  (Herm. Nessel)

 

* aus:  „Die Gartenwelt – Illustrierte Wochenschrift  für den gesamten Gartenbau“,   XXIII. Jahrgang 1919, Nr. 24 (13. Juni 1919)

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Rechtschreibung aus dem Original übernommen; Irrtum der Abschrift vorbehalten

sw-Fotos vom Autor

 

Zur Pflanzenwelt Wolhyniens : 

 

Karel Vandas (1861 - 1923)

"Ein Beitrag zur Kenntniss der Flora Wolhyniens"

in: "Österreichische Botanische Zeitschrift", Vol. 35, Nr. 5 (Mai 1886) Seite 155-157 und 192 - 195

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online:  https://archive.org/stream/sterreichische361886wien#page/154/mode/2up

 

Willibald Swibert Josef Gottlieb von Besser

„Enumeratio plantarum hucusque in Volhynia, Podolia, gub. Kiioviensi, Bessarabia Cis-Tyraica et circa Odessam collectarum, simul cum observationibus in primitias florae Galiciae Austriacae“

Wilna, 1822  (Sprache:  Latein)

Digitalisat:  http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10301047_00005.html

 

Eduard Eichwald

"Naturhistorische Skizze von Lithauen, Podolien und  Volhynien"

Wilna, 1830  (vgl. Kapitel "Botanische Bemerkungen": Seite 105 - 184)  

>>> online  pdf 16 MB:   Digitalisat