Waldwirtschaft


 

Die Wälder Russlands und Wolhyniens als Naturraum und Wirtschaftsfaktor (19. Jh.)

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Die eigentliche Waldzone im europäischen Rußland liegt nordöstlich von einer Linie, die sich von Kremenez an der russisch-galizischen Grenze über Shitomir – Tula – Nischni Nowgorod – Kasan zum Ural zieht. Nördlich von dieser Linie liegen ungeheure Waldkomplexe, wasserreiche Seen und Flüsse, weite, schwer zugängliche Sumpf- und Moorländer, in die allerdings große Strecken furchtbaren Landes eingestreut sind…  (Knaake, 527).

Unter Alexei Michailowitsch (1645 – 1676) wurden die Eigentumsrechte am Wald festgelegt. Unter Peter dem Großen (1689 – 1725) wurde die Nutzung des Schiffsbauholzes in den an den Flüssen gelegenen Waldungen verboten, unter Katharina I. (1725 - 1727) die Forstgesetzgebung Peters d. Gr. wieder aufgehoben, unter Anna Johannowna (1720 – 1740) wieder eingeführt und ausgebaut. Katharina II. gab 1782 alle Waldungen frei. Seit der Bauernbefreiung im Jahre 1863 wurden wieder Spezialgesetze erlassen, welche gegen die Waldverwüstung gerichtet waren. (Endres, 283)

1873 schätzte man die Waldflächen des gesamten russländischen Reichs auf 38 % - 40%, allerdings sehr ungleich verteilt in den  verschiedenen Gouvernements. Wolhynien wies 32 % Waldfläche auf (wie z.B. auch Minsk, Witebsk, Kostroma, Kasan, Wjatka, Wladimir). Vorherrschende Baumarten – nach den klimatischen Bedingungen variierend – waren Fichten, Tannen, Birken, Espen, Eichen, Erlen, Buchen, seltener auch Linden.

Die Eigentumsverhältnisse gestalteten sich im 19. Jahrhundert sehr unterschiedlich: ein großer Anteil der Waldflächen war im Staatsbesitz, daneben waren Städte, Kirchen und Klöster, Berg- und Hüttenwerke, Apanagen-Güter und Privatpersonen Eigentümer von Wäldern.  Für Wolhynien -  damals mit einer Fläche, die der Größe Bayerns vergleichbar war (Knaake) - sind  einer Statistik  vom Ende des 19. Jahrhunderts (Arnold, 44) folgende Flächen- und Besitzanteile zu entnehmen:

491.700 Dessj.* staatlicher Besitz         1.332.000 Dessj. privater Besitz

117.200  Dessj. Bauernbesitz                    34.700  Dessj.  Apanage-Besitz.

* 1 Dessjätine = 1,0925 ha

 

Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden im russländischen Reich nur die staatlichen Wälder forstwirtschaftlich bearbeitet (d.h. ökonomische Holzverwertung, Wiederaufforstungs-maßnahmen, Entwässerung von Sümpfen [z.B. der Rokitno-Sümpfe ab 1873, vgl. Knaake 528], Wege- und Brückenbau). Die wirtschaftliche Verwertung war allerdings zum Teil eingeschränkt, wo z.B. Flüsse fehlten zum Transport von Holz und wo die Eisenbahn für die erforderliche Transportkapazität zu kostspielig gewesen wäre.1  Der bedenkliche Umfang von Abholzungen zeigt sich beispielhaft bei einem Vergleich zweier forstamtlicher Berichte aus den Jahren 1872 und 1881: es wurde festgestellt, dass u.a. in den Gouvernements Grodno und Wolhynien zusammengenommen der Bestand an Kronswäldern um 23% abgenommen hatte. Im Gesamtvergleich aller Gouvernements  ergab sich: "…die Verwüstung geht einen ca. 75 Mal schnelleren Gang als die Neubewaldung."   (Libausche Zeitung 20.8.1884).

Der enorme Holzverbrauch wurde zum einen durch gewerblichen Bedarf bestimmt: für die chemisch-mechanische Verarbeitung und als Baumaterial,  z.B. im Schiffbau, in Bergwerken, für Eisenbahnen, Dampfschiffe, außerdem als Brennstoff für Fabriken (z.B. Zuckerfabriken, Ziegeleien, Branntweinbrennereien, Brauereien, Glashütten, Papierfabriken); Nebenprodukte waren Pottasche, Teer, Harz, Terpentin, Holzkohle, Erzeugnisse der Bast-Industrie (Matten, Säcke).  Den größten Verbrauchsanteil bildete allerdings der private Bedarf, z.B. für Hausbau (u.a. für notwendige Erneuerungen nach häufigen Brandschäden), als Heizmaterial, für die Herstellung von Werkzeugen, Haushalts- und Wirtschaftsgeräten, für den Wagen- und Fassbau und für weitere Tischler- und Zimmermannsgewerke.

"Shitomir. In neuester Zeit ist in den Zeitungen viel über die außerordentliche Vermin­derung der Wälder in Rußland und ihre räuberische Exploitierung geschrieben wor­den. Wir haben die Abnahmen derselben, schreibt man dem „Nowosti“ aus Shitomir, bei unserem Waldreichtum bisher wenig gespürt (30,84 pCt des ganzen Areals ist mit Wald bestanden), jetzt aber beginnen auch wir es empfindlich zu fühlen, daß mit unseren Wäldern unverantwortlich gewirthschaftet wird. Unsere Fabriken, besonders die Runkelrübenzuckerfabriken bewirken es, daß Bau- und Brennholz von Tag zu Tag im Preise steigt. Im Jahre 1866 zahlte eine hiesige Zuckerfabrik für den Fabrikfaden Holz  8 Rbl., im Jahre 1874 schon 13 Rbl. 16 Kop.; im Jahre 1880 aber 17 Rbl. 16 Kop.; eine andere Fabrik zahlte 1866 für den Faden 9 Rbl. 56 Kop., 1874  15 Rbl. und 1880 24 Rbl. Die Preissteigerung wird erklärlich, wenn wir erfahren, daß nach statistischen Ausweisen, in unserem Gouvernement gegen 850 Fabriken mit mehr als 11.300 Arbei­tern sich befinden, welche eine Jahresproduction im Werte von 10.109.259 Rbl. er­zielen. Die Runkelrüben-zuckerfabriken, die Branntweinbrennereien und Bierbraue­reien verbrauchen jährlich mehr als 32.907 Faden Holz, d.h. für 502.829 Rbl., trotzdem sie außerdem mehr als 330.000 Pud Steinkohlen verbrennen. In der Zeit von 1873 – 74  und 1879 – 80 haben die Zuckerfabriken allein, nach offiziellen Angaben, 120.722 Des­sätinen Wald vernichtet. Schon 1880 waren im Wolhynischen Gouvernement 158 Dampf-kessel und Locomobilen mit 6106 Pferdekräften thätig.  Es ist aber begreiflich, daß wir mit großer Befriedigung die Nachricht aufnehmen, der wolhynische Gouverneur habe sich mit einem Bericht an den Minister des Innern ge­wandt, in welchem er die Nothwendigkeit darlegte, im wolhynischen Gouverne­ment, besonders aber im Kremenetzschen Kreise Nachforschungen nach Kohlen vornehmen zu lassen. Das Gouverne-ment  ist aber nicht nur an Kohlen, sondern auch an werthvollen Steinen und Eisenerz reich, die einstmals eine bedeutende Einnah­mequelle bieten werden."  (Rigasche Zeitung 4. August 1884)

 

Die Wälder im Privatbesitz sind lange Jahrhunderte aus bloßen Gewinn-Interessen abgeholzt worden, ohne über ökologische Erhaltungsmaßnahmen nachzudenken. Auslöser waren ab Mitte des 18. Jahrhunderts die technische Entwicklung im Lande und der Aufschwung industrieller Massenproduktion in Westeuropa (u.a. mit Hilfe dampfbetriebener Maschinen), die eine enorme Nachfragesteigerung auf dem Holzmarkt auslösten. Im Russischen Reich wurden oftmals große Wälder an Holzhändler verkauft, die rücksichtslos die Bäume von brauchbarer Exportqualität fällten und nur weite Flächen mit Stümpfen ("Stubben")  zurückließen. "Die Eigentumsübertragung geht meist durch notarielle Überschreibung und Aushändigung des ljässnoe billet, des   W a l d s c h e i n s   vor sich, der übertragbar ist und dem Eigentümer die Berechtigung verleiht, die in ihm verzeichneten Mengen Holz aus dem Walde schaffen und flößen zu dürfen. (Knaake, 531)

"Wolhynien. Der südwestliche Theil des Reiches wird in nicht allzu langer Zeit um ein neues g r a n d i o s e s              U n t e r n e h m e n, dem der beste Erfolg zu wünschen ist, reicher werden.  Die bekannten Warschauer Fabrikanten und Kapitalisten Lillpop und Rau haben nämlich, wie wir der „Wolwa“ entnehmen, das im Gouvernement Wolhynien belegene, der Fürstin Abamelik gehörige Gut Stepanowka, welches an Bau- und Brennholz allein auf einer Fläche von 40.000, wenn nicht noch mehr Dessjatinen einen geradezu unerschöpflichen Reichthum besitzt, käuflich erworben (der Kaufschilling soll - nebenbei bemerkt - gegen 700.000 Rbl. betragen haben und auf einmal und in baar ausbezahlt worden sein) und gegen die Käufer mit der Absicht, um auf diesem großen Besitztum eine auf möglichst traditionelle Grundsätze basirte, regelrechte Waldwirthschaft einrichten und Holzindustrie in großartigem Maßstabe betreiben zu lassen. Sämmtliche Arbeiten sollen von Maschinen verrichtet werden. Zur Exploitation dieses Unternehmens werden ungefähr 6000 ständige Arbeiter, deren Zahl im Sommer bis auf 10.000 anwachsen dürfte, nöthig sein. Das riesige Unternehmen wird aller Voraussicht nach nicht wenig Leben in den westlichen Strich des südwestlichen Reichstheils bringen, wo bekanntlich die Industrie bis zur Stunde sich auf einer sehr niedrigen Stufe der Entwickelung befindet, und abgesehen davon, der dortigen Bevölkerung die gute Gelegenheit zu dauerndem und reichlichem Verdienst verschaffen." (Libausche Zeitung 6. August 1880)

Auch beim Bau von Eisenbahnlinien wurden Waldflächen oft schonungslos verwüstet.2 Die unter der Landbevölkerung traditionelle Herstellung von kurzlebigem Bast-Schuhwerk und anderen Haushaltsartikeln aus der Borke von Linden oder Weiden führte zum Absterben vieler junger Bäume. (Stieda)

Schon Zar Peter der Große (1672 – 1725) hatte den Befehl gegeben, "daß alles Holz, welches die zum Schiffbau gehörige Stärke und Höhe habe, für die Flotte aufbewahrt werden sollte, es möchte nun in Kronwäldern oder auch auf den Gütern von  Privatpersonen gefunden werden. So blieb es bis 1782, wo die Gutsbesitzer die Freyheit erhielten, alles  Holz auf ihren Gütern nach Gefallen zu fällen. (…) Seitdem nun die Gutsbesitzer völlige Gewalt erhielten, über ihre Wälder zu disponiren, haben einige verkauft so viel sie nur konnten, und diese Wälder sind ausgehauen; andere haben nichts verkauft, und diese Wälder sind verwildert; sehr wenige haben sie mit Klugheit genutzt. Im Ganzen sind die Wälder der Privatpersonen in einem noch schlechteren Zustande als die der Krone."  (Herrmann, 193,195) Jahrzehnte später wird berichtet: "Die Krone fordert von den Käufern ihrer abholzbaren Waldbestände, daß der Boden in einer gewissen Zeit von den Stubben und Wurzeln gesäubert wird. Die privaten Besitzer verpachten jedoch gewöhnlich den Waldboden nach der Abholzung auf mehrere Jahre an Bauern, die die Stubben und Wurzeln roden, in der Zwischenzeit aber auch schon Getreide säen." (Knaake, 531)

Der geschäftsmäßige Vertrieb von Holz und Holzprodukten - das Flößen eingeschlossen - lag zu einem großen Teil in den Händen jüdischer Händler (Ortel, 43). Wolhynien war ein Gouvernement im so genannten Ansiedlungs-Rayon, der den Juden des Zarenreiches als Lebens- und Siedlungsraum gesetzlich zugewiesen war. Daher kann der hohe Anteil von Juden unter den Händlern in den Städten der Region Wolhynien nicht verwundern. Kowel, Shitomir, Rowno, Luzk ("Michailogrod"), Nowograd-Wolhynsk, Ratno am oberen Prypet, Lubaschewo am Stochod, Wysok am Styr, Kremenez an der Ikwa, Starokonstantinow am Slutsch, Ostrog am Horyn  und (zum Gouvernement Kiew gehörig) auch Berditschew waren wichtige Verkehrsknotenpunkte und Handelsplätze mit hohen Anteilen jüdischer Bevölkerung. Besitzer von Schneidemühlen in Shitomir und Umgebung trugen z.T. deutsche Namen: "Gottesmann & Spielberg", "Weisburd", "Hornstein". (Ortel, 39f)

 

Schutz von Wald und Lebensraum

In frühen Epochen der Zeitrechnung waren sich die Menschen in dem weiten Gebiet des russländischen Reiches einer langfristig schädlichen Wirkung der Waldnutzung  nicht bewusst:  "Nomaden sind die größten Feinde der Wälder. (…) Sie treiben ihr Vieh in die Wälder, dieß frißt die Pflanzen der Bäume lieber als Gras, zertritt die jungen Bäume und beschädigt die Rinde der alten; der Mist ist mehreren Holzarten schädlich.  Im Laufe der Jahrhunderte sterben die alten Bäume ab und die Wälder verschwinden. Wo Hirten in den Wäldern ihr Vieh weiden, entsteht oft Brand; Nomaden kümmern sich wenig darum und so geht das Feuer oft so weit als es Nahrung findet. Nun brennt die Sonne mit solcher Gewalt auf den Boden, daß es unmöglich wird einen Baum auf derselben Stelle zu erziehen, wo einst Wälder standen." (Hermann, 186)3

Zum Beginn des 19. Jahrhunderts (vgl. Hermann, 191) und insbesondere auch später im Kontext der Beendigung der Leibeigenschaft,  entwickelte sich im Zarenreich ein zunehmend kritisches Bewusstsein in der Frage der Ausbeutung weitläufiger Waldflächen. Konkrete negative Auswirkungen der Abholzungen auf das ökologische Gleichgewicht waren durch reine Beobachtung gefolgert worden: Auf waldfreien Flächen schmolz der Schnee schneller und deshalb nahm in diesen Regionen die Zahl der Überschwemmungen zu; andererseits verkürzte sich der Zeitraum des hohen Wasserstandes, in dem auf den Flüssen Schifffahrt und Flößerei möglich war.4 Außerdem versiegten Quellen nach dem Abholzen größerer Wälder und der Fischreichtum in den Flüssen nahm ab.  (vgl. Arnold; v. Baer/v. Helmersen). 

Als man bemerkte, dass der übermäßige, auf Gewinnerzielung gerichtet Raubbau und die Umwandlung von Waldflächen in Ackerland das Gleichgewicht der Natur aus der Balance brachte und langfristige Renditen gefährdet waren, begannen ab 1797 unter staatlicher Administration  eine statistische Erfassung (durch Vermessung oder Schätzung) sowie erste Maßnahmen zur  Pflege und Aufforstung von Waldbeständen.5

 

Eine bedeutsame Wende brachte das am 4. April 1888 erlassene Waldschutzgesetz:  Spezielle Waldschutz-Komitees wurden gegründet und die Waldbesitzer verpflichtet, Bewirtschaftungs-pläne zur Genehmigung vorzulegen; illegale Holzfällungen wurden verfolgt und mit Strafe bedroht.  Regional  überwachten Forst-Inspekteure die Umsetzung des Gesetzes. In manchen Gegenden wurden Waldpflanzenschulen gegründet, wo junge Bäume und Samen käuflich erworben werden konnten. Das Gesetz wurde zunächst nur für Staatswälder angewandt, später auch für Wälder in Privatbesitz.  Ausgenommen vom Geltungsbereich waren die Gouvernements mit ausgesprochen großem Waldreichtum, in denen das natürliche Gleichgewicht durch Abholzung noch nicht beeinträchtigt war.

"Waldschutz. Ein besonderes Zirkulär des Domänenministers empfiehlt den Waldschutz-Komitees alle Gesuche über Erlaubniß zur Fällung von anwachsendem Walde, welche von Personen eingereicht werden, die Wald zum Fällen gekauft haben, abschlägig zu bescheiden, da diese Personen nach dem Gesetze vom 4. April 1888 nicht zu denen gehören, welche sowohl das Eigenthumsrecht als auch das Nutznießungsrecht auf den Wald haben." (Düna-Zeitung 12.9.1889)

Für Bauern war es lange unverständlich "wie man darauf komme, wilde Bäume zu ziehen" (Herrmann, 192), und es dauerte eine geraume Zeit, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass der Raubbau nicht wie bisher weitergehen durfte, weil die Natur Jahrzehnte braucht, bis sie im Nachwachsen des Baumbestandes einen Ausgleich zu der profitorientierten Abholzung herstellen kann und hierzu auch unterstützendes menschliches Eingreifen erfordert.

"Erfindung eines Bohrers, der künftig in keiner Waldwirtschaft, noch auch in Landwirtschaften fehlen dürfte. Der Od. Ztg. wird aus   S h i t o m i r   geschrieben:  Bis vor ca. 12 Jahren wurde in dem einst so waldreichen Wolhynien die Erneuerung von Waldflächen nur auf natürliche Weise erzielt, indem man auf den abgehauenen Flächen von Nadelwäldern Samenstämme stehen ließ, und die Laubwälder sich durch Samen und Anwuchs von den Wurzeln erneuerten. Nachdem aber der Holzbedarf so rapide gestiegen war, mußte die Walderneuerung, um der Nachfrage für die Zukunft zu genügen, intensiver betrieben werden. Zu diesem Zwecke werden Waldflächen besät und dann mit 3 – 5jährigen Stämmchen jährlich hunderte von Dessjatinen bepflanzt. Zur Anpflanzung aber müssen Löcher gegraben werden, was sehr zeitraubend und kostspielig ist. Um diesen Uebelstand zu beseitigen, kam der Kronsoberförster Herr Nikolai Rosanow auf den Gedanken, einen speziellen Bohrer herzustellen, mit dem man die Löcher  zur Bepflanzung von Waldflächen fertig stellen könnte. Nach vielen Versuchen ist dies Herrn Rosanow vortrefflich gelungen. Bei der Herstellung dieses Bohrers war dem Erfinder der Schmiedemeister und Kolonist der Kolonie  B e r e s o w k a, unweit Shitomirs,  A. Zielke,   sehr behilflich. Der Bohrer bohrt nicht nur auf eine beliebige Tiefe, sondern  w i r f t   auch beim Bohren sogleich die   E r d e   h e r a u s   und schneidet daumendicke Wurzeln durch. Ein Arbeiter kann   a n   e i n e m   T a g e    leicht 800  L ö c h e r   ausbohren. Der Bohrer wird bis jetzt in drei Größen hergestellt. Nachdem die hiesige Gouvernements-verwaltung für Landwirtschaft und Landeinrichtung sich von dem großen Nutzen dieses Bohrers über-zeugt hatte, empfahl sie denselben allen Förstereien in Wolhynien. Letztere arbeiteten mit diesem Bohrer im verflossenen Herbst mit sehr großem Erfolg. Auch dürfte der Bohrer für die Anpflanzung von Hopfen, Wein, Sträuchern und sogar Obstbäumen zu verwenden sein, da er Löcher in jeden Boden bohrt. (…)"  (Rigasche  Rundschau 2. April 1907)

 

Holzfäller aus Schlesien als Gastarbeiter und Siedler in Wolhynien

Der zunehmende und lukrative Holzhandel war in Wolhynien mit ein Auslöser für die Zuwanderung von spezialisierten Holzfällern: der "schlesischen Stabschläger". Sie brachten Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Axt und Blattsäge mit, die notwendig waren zur "Herstellung maßgerechter Qualitätsware zu Industriezwecken". (Kuhn, 36) Ihre Arbeit bestand im Fällen der Bäume und im exakten Zuschnitt der Maßhölzer, zum Beispiel für den Waggon- und Schiffbau, die Fass- und Parkett-Herstellung. Die Kunst bestand darin, nach dem Fällen von Bäumen  Planken und Stäbe - in vorgegebener Dicke und Länge und ohne Astlöcher -  mit Axt und Hobel aus den Stämmen herauszuschlagen und zuzurichten, weil eine Verarbeitung mit der Säge das Holz wasserdurchlässig und so für verschiedene Zwecke wertlos machte.  

Schriftliche Zeugnisse von diesem Waldarbeiterstand auf Wanderschaft gibt es nur wenige; einige Einträge im Kirchenbuch von Rozyszcze  belegen, dass schon um 1776, also vor den zwei letzten Teilungen Polens (1793 / 1795), mit denen Wolhynien dem Herrschaftsgebiet des Zarenreiches zugeschlagen wurde, schlesische Waldarbeiterfamilien  in Wolhynien  lebten. Ihre Unterkünfte an den Einsatzorten waren Provisorien: in den Waldboden gegrabene  Erdhütten, mit Grasschollen bedeckt, innen nur mit dem Nötigsten ausgestattet zum Schlafen und Kochen.  Mit der Haltung von Schweinen und Kühen, die sie im Wald weideten und zum Verkauf mästeten, erwirtschafteten die Stabschläger einen kleinen Zugewinn zu ihrem Holzfällerlohn. Waren die Einsatzorte für den Holzschlag in der Nähe von deutschen Kolonien, so wohnten sie dort kurzzeitig zur Miete, bis ein Auftrag abgeschlossen war. Einige ihrer späteren festen Siedlungen haben sich über viele Jahrzehnte gehalten. Die älteste bekannte Siedlung von Stabschlägern war eine Kolonie namens "Niemcy" oder "Kottower Kolonie" – sie lag ca. 15 km östlich von der Bahnstation Kiwerce*; Spuren der Besiedlung waren jedoch schon in den 1930er Jahren kaum mehr sichtbar.  Weitere Gründungen waren Czarne Losy, Nowa Ziemia, Dobra, Wincentówka, Klimentówka, eine Doppelsiedlung namens Władysławówka-Hermanówka, schließlich Balarka, Boguniwszczyzna, Adamówka und Rzerzyszcze. (Kuhn, 38-39, 42,48)

* historische Karte 1890 (Index-Seite):  http://igrek.amzp.pl/1763440

© Mechthild Walsdorf

 

1 "Wolhynien hat große Eichenwälder, aber es gab keine Möglichkeit, sie ohne Abfuhrwege zu verwerten. So wurden weite Strecken des kostbaren Holzes von den Zuwanderern niedergeschlagen und verbrannt, um Ackerland zu gewinnen." (Paul Rohrbach "Deutsche Leistungen in Osteuropa"  in: Baltische Monatshefte Nr. 7-8,  1.7.1939, S. 412)

"In letzter Zeit ist es auch durch günstige Eisenbahn-Tarife möglich gemacht, daß kostbare, bearbeitete Hölzer ebenso wie die Erzeugnisse des  Ackerbaus auf der den südlichen Theil des Gubernements durchschneidenden Eisenbahn Berditschew – Kowel - Brest-Litowsk entweder über Grajewo nachKönigsberg oder aber durch Polen nach Thorn und Danzig transportirt werden und dort in Wettbewerb treten können." (Ortel, 38)

2 Libausche Zeitung 22.5.1892: "Auf einigen Eisenbahnlinien sollen die hölzernen Telegraphen-Pfosten durch eiserne ersetzt werden; weiter sollen in diesem Jahr auch praktische Versuche damit angestellt werden, die Holzschwellen durch eiserne zu ersetzen. Diese Maßregel hat für den Waldschutz eine hohe Bedeutung, da bis jetzt zur Anfertigung der Holzschwellen jährlich gewaltige Quantitäten Holz bester Qualität verbraucht werden."

3 Auch in der Entstehungszeit deutscher Kolonien in Wolhynien (19. Jh.) war die Nutzung von Wald als Vieh-Weide noch üblich:  "(…) Indem die Deutschen bei den einheimischen Bauern Land pachten, beengen sie sie in der Ausnutzung ihrer Servituten, in der Heumahd, im Walde und auf den Wiesen. Den Süden ausgenommen, ist Wolhynien stellenweise sumpfig und wenig fruchtbar. Während der Leibeigenschaft hielten die Bauern viel Vieh, indem sie das Weideservitut im Walde besaßen. Dieses Servitut haben sie im Gesetz vom 19. Februar 1861 und in den späteren Verordnungen für das Westgebiet behalten. Die Gutsbesitzer beeilen sich, ihre Wälder den Deutschen zum Abholzen, Roden und Urbarmachen abzugeben und diese, die Deutschen, bilden aus den Wäldern abgesonderte Bezirke, zäunen sie ein und hindern dadurch die Bauern, ihr Servitut auszunutzen. Dabei überwältigt die einmüthige deutsche Vertretung die Besitzrechte auf die Waldantheile oft die bäuerliche Gewalt. Kommt’s zum Proceß, so schützen die Friedensrichter den factischen Besitz, da sie das Servitutrecht nicht kennen und bestrafen die Bauern. Das Resultat ist, daß die Bauern die Zahl ihres Vieh¬standes einschränken und damit auch die Cultur ihres Bodens verringern.“  (Rigasche Zeitung  20. Juli 1883)

4 Libausche Zeitung 27.1.1872:  "Aus den Wäldern von Wolhynien und des tschernigowschen Gouvernements wird das Holz auf dem Dnjepr und Pripet nach Pinsk geflößt, worauf es denselben Wasserweg nach Preußen nimmt wie das Getreide." 

Rigasche Zeitung 17.5.1880: "(…) Der bei weitem wichtigste Handelszweig Memels ist aber das Holzgeschäft, denn nicht weniger als 80 pCt. der von dort auslaufenden ca. 1100 Handelsschiffe sind mit diesem Artikel beladen.  'Das zur Verschiffung gelangende Holz kommt ohne Ausnahme aus Rußland; es wird in den Wäldern der Gouvernements Minsk und Wolhynien gefällt, auf den Flüssen Pripet, Jaffolda, Szara und Niemen zunächst nach Ruß und von da mittels des König-Wilhelm-Kanals nach Memel geflößt und hier zum Export vorzüglich nach dem Auslande zubereitet.'(…)"

Rigas Pilsetas Plicijas Avize  5.5.1893: "Noch nie ist - dem "Warsch. D." zufolge - auf dem Bug eine solche Menge verschiedenartigen Holzmaterials geflößt worden, wie in diesem Frühling. Es heißt, der Bug sei so belebt, um dem demnächst zu erwartenden Gesetz über den Waldschutz zuvorzukommen, obgleich sich diese Erscheinung auch dadurch erklären läßt, daß man im Bug Wassermangel erwartet. Und das ahnen die Holzaufkäufer und Flößer stets und beeilen sich daher bei Zeiten, das Holz an seinen Bestimmungsort zu schaffen.  (…)"

Rigasche Zeitung 4.1.1911: "Vom ostdeutschen Holzmarkt: In Rußland herrscht lebhafte Hausse. Nachdem sich herausgestellt hat, dass aus vielen Forsten infolge der schlechten Witterungsverhältnisse das gearbeitete Holz zu den Flußablagen nicht angefahren werden kann, sind die russischen Holzproduzenten mit ihren Forderungen wieder in die Höhe gegangen. Vorläufig verhalten sich allerdings die deutschen Mühlenbesitzer ablehnend. Sie wollen zu den jetzt geforderten hohen Preisen Einkäufe nicht bewirken, sondern eine abwartende Haltung einnehmen. Auch auf dem Erlenmarkt ist die Hausse wieder sehr wild. In Wolhynien werden alle Erlenforste von deutschen Einkäufern bereist. Es sind verschiedene größere Abschlüsse zustande gekommen. (…)"

Rigasche Zeitung 30.7.1912: "Vom ostdeutschen Holzmarkt: Der Weichselmarkt war in letzter Zeit etwas ruhiger, insofern, als Käufer von den ostdeutschen Schneidemühlen nur in geringem Umfang erschienen. Es lag das daran, daß die Preisforderungen der russischen Importeure außerordentlich hoch gewesen sind. Infolge der Wasserarmut auf den meisten russischen Strömen stockt die Flößerei teilweise vollständig. Auf der oberen Suprasl in Wolhynien und Podolien kann überhaupt nicht mehr geflößt werden. Infolgedessen ist man jetzt sicher, daß ein wesentlicher Teil der dieswinterlichen Zufuhr in Rußland wird überwintern müssen. (…)"

5 Libausche Zeitung 27.12.1879: "Petersburg. Waldschutz. Häufig schon und seit Jahren ist öffentlich auf die Nothwendigkeit hingewiesen worden, durch Prohibitionsmaßregeln der systematischen Ausrottung der Wälder staatlicherseits entgegen-zutreten. Auch das Ministerium der Reichsdomänen hat sich wiederholt mit dieser Angelegenheit beschäftigt, ohne jedoch bisher zu einem bestimmten Resultat gelangt zu sein. Wie es scheint, nimmt man neuerdings wieder einen Anlauf, da, wie die "Now. Wr." mittheilt, das Ministerium Karten derjenigen Reichstheile anfertigen läßt, wo die Wälder von Einfluß auf den Lauf der Flüsse sein können."

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Verwendete Literatur:

Hofrath  Herrmann, Professor der Geschichte und Statistik beim Ersten Kadettenkorps St. Petersburg   "Geschichte und gegenwärtiger Zustand des Forstwesens in Rußland"

in:  Heinrich Storch (Hrsg.) "Russland unter Alexander dem Ersten"  Bd.4, St. Petersburg / Leipzig 1804, S. 185 - 203

 

"Der Wald im Wirtschaftsleben Rußlands"    (Wilhelm Stieda [1852 – 1933] zugeschrieben)                                     

in: "Russische Revue" Ausgabe 1882, S. 385-423;

 

K. v. Baer /    G. v. Helmersen  (Hrsg.)

"Beiträge zur Kenntniss des Russischen Reiches und der angränzenden Länder Asiens"

Band 9, Teil 1, St. Petersburg 1845

 

W. J. Kowalewski / E. Davidson (Übersetzer) "Die Produktivkräfte Russlands", Leipzig 1898, S. 143-153

 

Friedrich von Arnold "Rußlands Wald", Berlin 1898

 

Emil Knaake "Der russische Holzhandel" in: Geographische Zeitschrift, Jahrgang 1898, S. 527 – 532

 

Felix Ortel "Handel mit russischen Hölzern. Herkunftsgegenden und Vertrieb, mit besonderer Berücksichtigung des Memelgebietes" Berlin 1895

 

Max Endres "Handbuch der Forstpolitik mit besonderer Berücksichtigung der Gesetzgebung und Statistik",   Berlin 1905

 

Walter Kuhn "Schlesische Stabschläger in Wolhynien", in: Schlesische Blätter für Volkskunde, Jg. 1940, Bd. 2,    Heft 2, S. 33-54

 

Illustration:

verschiedene Gemälde Ivan Shishkin  (1832 – 1898)

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weitere Werke:

https://www.youtube.com/watch?v=9GbnVPAq9yI

https://www.youtube.com/watch?v=m6QAPNmbnlk

https://www.youtube.com/watch?v=GNUuLmNTgU8

 

Irrtum der Abschriften vorbehalten; Rechtschreibung aus den Vorlagen übernommen

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letzte Änderung 19.5.2017