Amtsreise 1871

 

Eine Amtsreise durch Wolhynien

Bericht eines Pastors 1871*

 

Abschrift  aus:

St. Petersburgisches Evangelisches Sonntagsblatt 1871,

XIV. Jg. S. 386-389, 397-398, 405.,   XV. Jg. S. 12-15, 20-­22

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Sobald der Winterschnee schmilzt und die warmen Frühlingslüfte über das Land streichen, wird es auch in den meisten Pastoraten in Innern des Reiches lebendig; die Reisewagen werden hervorgezogen und in Stand gesetzt, die Reisekoffer gepackt, von Frau und Kin­dern wird Abschied genommen und hinaus geht es in's Weite, um seine Gemeindeglieder, die in Feld und Wald, in Dörfern und Städ­ten zerstreut wohnen, aufzusuchen. - Am dritten Juni herrschte auch im Pastorate zu Shitomir ein reges Leben. Nachdem ich seit dem April schon mehrere kleinere und größere Fahrten gemacht hatte, wollte ich nun die Städte im Gouvernement besuchen und zwar machte ich die Reise nicht allein, wie gewöhnlich, sondern wurde von Frau und Kindern begleitet.

Einen trüben, kalten, regnerischen Mai hatten wir durchlebt und der Juni begann ebenso unfreundlich. Dunkle Wolken und ein feiner Staubregen erweckten in uns nicht viele Hoffnungen für unsere Reise. Aber warten konnten wir nicht, so setzten wir uns schnell in den Wagen. Mancher Blick wurde in den Straßen Shitomirs noch in die Häuser rechts und links geworfen, um von Freunden und Bekann­ten Abschied zu nehmen und dann ging es über die hohe Brücke, die gleich hinter der Stadt über das recht hübsche Thal der Kamenka gebaut ist, in die Wälder hinein, die die Chaussee fast bis Nowgo­rod-Wolynsk begrenzen. Bald ließ der Regen nach, die Sonne fing freundlich an zu scheinen, das weiche Grün der Bäume erfrischte das Auge und die wundervolle Luft erquickte den ganzen Menschen. Station um Station wurde in raschem Fluge zurückgelegt, und um 5 Uhr nachmittags erblickten wir das uns sehr liebe und heimatliche Nowgorod-Wolynsk.   - Nowgorod-Wolynsk, eine freundliche Stadt, liegt am Ufer des Slutsch, der hier recht hübsche, einige Meilen unterhalb wahrhaft malerische Ufer hat. Längs der Chaussee, welche die Stadt durchschneidet, sind lauter neue Häuser gebaut, das Ju­denviertel wird kaum sichtbar und in den Nebenstraßen sieht es recht ländlich aus. Aufhalten konnten wir uns dieses Mal dort, wo nur wenige Gemeindeglieder sind, nicht, sondern eilten rasch hin­durch, kehrten aber gleich von der Chaussee nach dem 4 Werst ent­fernten Gute Alexandruwka ab, und bald lag im Scheine der Abend­sonne dieser liebliche Ort vor uns. Die Tore, die einst in so un­endlicher Gastfreundschaft denen, die eben Vaterland, Freundschaft und Vaterhaus verlassen hatten, geöffnet wurden, taten sich wieder auf und dasselbe treue Herz empfing uns in alter Liebe und Teil­nahme. Wie bekannt, wie traut war alles dort, wie schnell verging der folgende Tag! Ein schwerer und doch schöner Frühling wurde einst unter diesen Bäumen, an diesem reizenden Ufer verbracht. Die Erinnerung an alte Zeiten konnte man nicht los werden. Doch der Abend nahte heran und mit ihm die Stunde des Scheidens. Schnell wurde gepackt und weiter ging es nach dem 30 Werst entfernten Korez, wo genächtigt wurde.

In Korez war einst eine deutsche Gemeinde mit Pastor, Pastorat und Kirche von dem Fürsten Czartorisky fundiert. Als am Ende des vori­gen Jahrhunderts die Kirche abbrannte und die Fabriken eingingen, verzog sich die Gemeinde und als der Pastor starb, wurde kein an­derer hingeschickt. Jetzt wohnt dort nur eine deutsche Familie. Korez selbst liegt recht hübsch, namentlich wenn man von dem Flecken Horodniza gefahren kommt. Viele alte Ruinen, Klöster und Kirchen zieren die Stadt.

In Korez fanden wir Pferde vor, die uns aus dem 45 Werst entfern­ten Slawuta, einem Fabrikorte, entgegengeschickt worden waren. Die Fahrt ging durch weite Felder, an einem freundlichen Orte wurde unter Bäumen zu Mittag gerastet, und dann zeitig Slawuta erreicht. Die Umgegend Slawutas hat einen ganz anderen Charakter, als die bisher durchfahrene Gegend. Dort überall schwarzer Boden, Laub­wald, - hier Sand und herrliche Fichtenwälder. Es war mir ganz ei­gen zu Mut, als ich zum ersten Mal hierher kam. Lange Zeit war ich in den wolhynischen Wäldern, Dörfern und Städten, in denen es mir nicht recht heimisch werden wollte, umhergefahren, da sehe ich mit einem Mal den alten, bekannten Sand vom Ostseestrande, denselben Wald wie dort und dieselben Fabrikschornsteine, die meine Jugend­heimat, mein altes Riga, umgeben. Und wohl ist es mir ein jedes Mal in Slawuta gewesen! - Wir fuhren durch die unendlich breiten, sandigen Straßen, am Schloße des Fürsten Sanguszko, unserer Kir­che, der Tuchfabrik vorbei und steigen bei dem Besitzer der in den südwestlichen Gouvernements weit und breit berühmten Maschinenfa­brik, einem Engländer, Herrn W., ab. Er selbst war in der Schweiz, doch genossen wir im Kreise seiner lieben Familie während der Zeit unseres Aufenthalts die zuvorkommendste und herzlichste Gast­freundschaft.

Slawuta, ausgenommen das Judenviertel, ist eine Schöpfung des Für­sten Roman Sanguszko, eines Mannes, der seines chevaleresken We­sens, seiner uneigennützigen Handlungsweise und seines edlen Cha­rakters wegen allgemeine Achtung genießt. Als Jüngling i n  die pol­nische Revolution von 1831 verflochten, mußte er zu Fuß den weiten Weg in die Bergwerke Sibiriens machen (siehe Menzel Geschichte der letzten 40 Jahre    Bd. I pag. 445 und Memoiren eines russischen Dekabristen pag. 264) diente dort später als gemeiner Soldat und wurde als solcher in den Kaukasus geschickt, wo er durch die Gnade unseres jetzigen Kaisers, der damals Thronfolger war, befreit wurde. Zurückgekommen übernahm er die Administration der ausge­dehnten väterlichen Güter in Wolhynien und ließ sich in Slawuta nieder. Seine ganze Sorge ging dahin, das Wohl seiner Untergebenen zu befördern. Viele Fabriken wurden in und um Slawuta angelegt, aber, Gentleman durch und durch, ging sein Streben nicht danach, durch dieselben seinen Wohlstand zu vermehren, sondern mit wahr­haft fürstlicher Munificenz gab er kolossale Summen her, um die Industrie in Wolhynien einheimisch zu machen. Deutsche, Franzosen, Schweden wurden teils als Fabrikdirektore theils als Arbeiter herbeigezogen. Die deutsche Gemeinde wurde hier am Orte eine recht zahlreiche. Das vom Fürsten übergebene Gotteshaus, die alte katho­lische Kirche, wurde sehr freundlich hergestellt; ein tüchtiger Kirchenschullehrer sorgte für die Jugend und leitete den sonn­täglichen Gottesdienst. Aber die guten Tage nahmen ein plötzliches Ende. Ein deutschenfeindlicher Bevollmächtigter wußte, nachdem der alte Fürst die Besitzungen seinem Neffen abgetreten hatte, die deutschen Direktore und einen großen Teil der deutschen Meister und Arbeiter zu entfernen, das Schulhaus einzuziehen und sein aus­gesprochenes Ziel war, die Deutschen ganz zu beseitigen und an ih­rer Stelle Polen herbeizuziehen. Da kam die Revolution von 1863; der Bevollmächtigte, Herr M. wurde als höchst verdächtig eingezo­gen, die polnischen Beamten flüchteten oder wurden in die Verban­nung geschickt; die Zahl der Deutschen mehrte sich wieder und wir bekamen unser Schulhaus zurück. Freilich, das Leben im Überfluße hat aufgehört; das Gehalt der Meister, der Lohn der Arbeiter ist sehr stark beschnitten.

Während der Fürst Sanguczko bewiesen hat, wie viel ein edler Sinn zur Förderung des allgemeinen Wohlstandes, zur Hebung des Wohles des Landes mit der größten Uneigennützigkeit zu opfern bereit sein kann, zeigte unser Gastfreund, Herr W. den Bewohnern Slawutas, was Intelligenz, verbunden mit Energie und rastloser Thätigkeit zu lei­sten im Stande ist. Die Eisengießerei und Maschinenfabrik führte ein elendes Siechtum und konnte nur durch die bedeutenden Zuschüsse des Fürsten vegetieren. Da pachtete vor ungefähr 10 Jahren Herr W. dieselbe und mit einem Mal entstand ein neues Leben. Die Arbeit, meist Maschinen für Zuckerfabriken und landwirtschaftliche Geräte, wurde mit der größten Vollkommenheit hergestellt, das Ge­schäft wuchs von Tag zu Tag, Herr W. kaufte die Fabrik und nun wird sie wohl einen noch größeren Aufschwung nehmen, da der Besit­zer einen Hochofen bei Shitomir errichtet hat, der ausgezeichnetes Roheisen liefert. Bei allen diesen Fabriken, Tuch-, Maschinen-, Papier-, Zuckerfabrik, - sind ungefähr 150 Lutheraner angestellt. An zwei aufeinander folgenden Tagen halte ich in jedem Jahre hier Gottesdienst, zu welchem sich alle Eingepfarrten aus der Umgegend versammeln. Unser erster Gottesdienst fand dieses Mal am Sonntage, den 6. Juni, statt. Leider fehlte eine Orgel, doch ging der Gesang recht gut, da man sich seit einigen Jahren unter Leitung des Leh­rers fleißig im Kirchengesange übt. Nach dem Gottesdienste waren wir mit mehreren aus der Ferne herbeigekommenen Gemeindegliedern beim Mittagsmahl vereinigt. Am Nachmittage fanden die Taufen, Be­stätigungen der Nottaufen, Trauungen u.s.w. statt und der Abend wurde auf einem Spaziergang längs dem Ufer des Sees im schönen Fichtenwalde verbracht. Der zweite Tag verging in derselben Weise, nur daß am Nachmittage und Abend die Amtshandlungen nicht wie am Tage vorher in der Kirche, sondern in den Häusern vollzogen wurden. Da saßen wir z.B. recht gemütlich im Hause eines Fabrikdirektors, der vor kurzem erst aus dem Wupperthale gekommen war. Die Namen mancher Prediger aus jener in geistlicher Beziehung so regen Gegend, von denen ich früher gehört hatte, wurden genannt, die Verhältnisse dort und hier verglichen. Dann ging es zu einer Taufe in das Haus eines Arztes, eines Schotten, der die Tochter eines polnischen Emigranten, die in Paris erzogen ist, zur Frau hat. Welche verschiedenen Lebensanschauungen und Lebensrichtung dort und hier! Es berührt Einen auf seinen Amtsreisen oft gar eigen, fortwährend aus einem Lebenskreise in den anderen geworfen zu werden. Eben hat man in einer kleinen Hütte im dichten Walde geweilt, in welcher der geistige Horizont ihres Besitzers oft nicht weiter reicht, als der Wald, der seine Felder begrenzt, und gleich darauf hat man es mit Menschen zu thun, die die ganze Welt kennen und über alles Mögliche nachgedacht haben. Heute bewegt man sich in christlichen Kreisen und morgen in solchen, deren Wahlspruch ist: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt. Hier ist biederes, schlichtes Wesen, dort feiner, weltmännischer Tact, aber freundliches Entgegenkommen überall.

Die Tage, an welchen Gottesdienst an sogenannten Sammelorten, wie Slawuta, wo nämlich die Eingepfarrten aus verschiedenen umliegenden Orten sich vereinigen, machen nicht immer den besten Eindruck. Es sollten Tage stiller Einkehr bei sich selbst sein, sind aber nur zu häufig Tage weltlicher Lustbarkeit, Bekannte, Freunde sehen sich oft nur an diesem Tage, da wird dann in Essen und Trinken leider häufig mehr geleistet, als gut ist. die Vielen Taufen, Trauungen, die dann stattfinden, gegen auch Gelegenheit zur Zerstreuung, da bei vielen die heilige Handlung nur Nebensache, die daran sich knüpfende Festlichkeit die Hauptsache ist. Im Geiste werden solche Tage angefangen, leider aber oft im Fleische vollendet.

Die Wohnung des Lehrers, ein freundliches, zweistöckiges Gebäude, liegt neben der Kirche und ist uns von der fürstlichen Verwaltung eingeräumt worden. Unsere Schule zu Slawuta ist eine von denen in meinem Kirchspiele, die am meisten leistet.  Die Kinder machen gute Fortschritte und werden gut entwickelt.

Doch unsere Tage in Slawuta waren gezählt. auf den Amtsreisen kann man sich nicht nach Belieben aufhalten, sondern muß mit der größten Pünktlichkeit den schon Wochen oder Monate lang vorher bekannt gemachten Termin, an welchem an jedem Orte Gottesdienst stattfinden wird, einhalten. So fuhren wir am Mittwoch Morgen nach dem 30 Werst entfernten Ostrog. Zuerst passiert man wieder den Sand und Fichtenwald und behält dann die im Bau begriffene Eisenbahn von Berditschew nach Brest Litowsk immer zur Rechten. Darauf durchfährt man auf einem mehrere Werst langen, mit Bäumen bepflanzten Damme eine weite Niederung, die sich vor Ostrog ausbreitet und die Stadt ist erreicht. Von Ferne sah man große, stattliche Gebäude, die aber beim Näherkommen sich als Ruinen darstellen. Eine kleine Judenstadt nimmt uns auf, durch enge schmutzige Straßen fahren wir, dann wird es freundlicher, noch einen Berg hinunter und wir halten vor der alten, bekannten Apotheke, die nun schon seit bald 70 Jahren ein gastliches Absteigequartier den die Stadt besuchenden luth. Predigern bietet.  Während sonst unsere Eingepfarrten ein rechtes Wandervolk sind, haben die Besitzer dieser Apotheke immer einer Familie angehört. Das sieht man, wenn man nur einen Gang durch das Haus macht. Alles schlicht, gemütlich klein, bis auf das gewaltige Vorhaus hinter der Apotheke, das sich nach dem Hofe öffnet; überall Spuren eines langjährigen Wohnens  an einem Orte und das übt seinen unverkennbaren Einfluß auch auf seine Bewohner aus.  Bald nach unserer Ankunft machten wir einen Spaziergang auf einen Berg; auf welchem die Ruinen einer alten uniatischen Kirche stehen. Da liegt die Stadt vor uns malerisch und schön.  Dicht vor uns ragen die prächtigen Ruinen eines alten Jesuitenklosters empor, ein großes gewaltiges Gebäude, auf welchem sich hoch die Sternwarte erhebt. Einst war hier eine weit und breit berühmte Erziehungsanstalt dieses Ordens. Nach Aufhebung desselben wurden die Gebäude dem uniatischen Orden der Basilianer übergeben, die in demselben ein Seminar zur Ausbildung ihrer Geistlichkeit errichteten. Ungefähr im Jahr 1825 entstand ein Brand, der das Dach und die innere Einrichtung zerstörte. Seitdem ist das Gebäude eine Ruine.  Noch manche anderer Klosterruinen sind in Ostrog, an denen Wolhynien überhaupt reich ist. Ostrog ist einer von den Orten Wolhyniens, die an die reiche Vergangenheit dieses Landes mahnen.  Welche gewaltigen Kämpfe haben hier stattgefunden, wie sind hier die Geschicke der Nachbarstaaten so oft entschieden worden. Es ist schade, daß man bis jetzt eine Geschichte Wolhyniens nur in polnischer Sprache hat, da die Vergangenheit des Landes nach den wenigen Bruchstücken, die man erfährt, eine sehr interessante sein muß.  Aber Ostrog hat nicht nur eine kriegerische Vergangenheit. Von hier ist eine Eroberung anderer Art ausgegangen. Die beiden Slavenapostel Cyrillus und Methodius haben in Ostrog gewohnt und die Bibel in‘s Slavonische übersetzt. Zum Andenken daran hat die Gräfin Bludow in einem früheren katholischen Kloster eine Anstalt zur Erziehung der Töchter der griechischen Geistlichkeit errichtet, die von einer sogenannten Bruderschaft erhalten wird. Die Gräfin, die sich der Sache ungemein annimmt, weilt in jedem Jahre mehrere Monate in Ostrog, um ihre Schöpfung zu leiten und zu fördern.

Am Tage nach unserer Ankunft fand der Gottesdienst in der Apotheke statt. Wenige Eingepfarrte sind hier zu finden, die Familie des Apothekers, zwei Lehrer beim Ostroggymnasium, ein Arzt, ein Feldmesser, einige Gouvernanten, die Frauen einiger Beamten, dazu 4 bis 5 Soldaten, das sind alle. Beim Gottesdienst wird nicht gesungen. Wir blieben den Tag über alle beisammen und verbrachten den Nachmittag in einem auf dem höchsten Punkte der Stadt gelegenen, Einem aus unserem kleinen Kreise gehörenden Garten, aus dem man eine schöne Aussicht hat. Welches Gemisch der verschiedensten Nationalitäten findet man so häufig, wenn man den kleinen Kreis überblickt, der sich nach dem Gottesdienste oder am Abend um Einen vereinigt. Vorherrschend ist der Deutsche, der aber oft die Sprache seiner Väter kaum noch versteht, der lebhafte Franzose und der ihm so nahe stehende, so leicht Feuer fangende Pole, der Czeche, der Lette und Este, die aber, falls sie nicht Soldaten sind, germanisiert sind, alle zusammengehalten durch das Band eines Glaubens.   

Am Freitag Nachmittag wurde Abschied genommen. Gar freundlich ist der Weg nach Dubno. Schöne Felder, dunkle Wälder, liebliche Wald­wiesen, Edelsitze, Dörfer, Alleen begrenzen die breite hügelige Poststraße. Sehr malerisch wird die Gegend bei der ersten Station Ujesdzy. Jenseits des Thales am Bergabhang erhebt sich ein Schloß, das aber noch nicht vollendet ist. Noch eine Strecke bleibt der Weg schön bis zu einem frischsprudelnden Quell, an dem einst ein Fürst von Ostrog als Einsiedler gewohnt hat. Oben auf dem Berge steht ein im Style einer russischen Bauernhütte errichtetes Eremi­ten-Häuschen. Nun wird die Gegend flacher. Hier hatten wir die Freude Herrn W., in dessen Hause wir in Slawuta eben so angenehme Tage verbracht hatten und der aus der Schweiz kam, zu begegnen, während ein Theil seiner Familie, ohne daß wir uns gegenseitig er­kannten, an uns vorübergefahren war. Auf der Station vor Dubno, Workowitsch blieben wir um zu nächtigen. Unser erster Gang galt dem neben dem Posthause liegenden, zerfallenen Kloster. Wie ein­sam, wie still ist es dort, wie viele Gedanken werden durch diese Ruinen in Einem wachgerufen. Verfallen ist die Mauer, die die Kir­che, die Klostergebäude, den großen Garten einschließt, und alles wuchert wild, ohne Pflege und Aufsicht. Dort drüben im kleinen Ju­denflecken ist geschäftiges Leben, hier Frieden, Ruhe, Stille, Einsamkeit. Nur zuweilen dringt Weihrauchduft aus den Kirchentü­ren und: Herr erbarme dich, Herr erbarme dich!   hört man die Stimme des Priesters flehen. Wie oft habe ich hier gesessen, auf der einen Seite des Vorhofs das Klosterbegräbniß mit seinen verwitterten Grabmalen, wo die alten Mönche ruhen, die einst in diesen Kreuz­gängen walteten, dort die zerfallene Mauer, im Rücken die halbzer­störten Gebäude. Dann zog die Vergangenheit vorüber. Einst in der Wildnis gegründet als eine Stätte, von der Christenthum und Cultur zu den umwohnenden Völkern bringen sollte, sah das Kloster auf der großen Heerstraße, die an seinen Mauern aus dem Orient in den Oc­cident vorüberführte, bald die regellosen Horden der Mongolen vor­beiziehen, die Alles zerstörend, Alles unterwerfend, Festungen und Kastelle bauend, immer weiter dringen, bis ihnen bei Liegnitz ein gewaltiges Halt zugerufen wird; dann alle die riesigen Scharen, die Wahlkönige und Wojewoden, stolze Gestalten, wie man sie noch auf dem alten Gemälde im Refectorium des Piaristenklosters zu Meseritz sieht, zu wildem, blutigem Strauße hineilen, und endlich wieder die Kosaken von den Fällen des Dnjepr auf ihren flinken Rossen, die Vergeltung üben wollen. Jahrhunderte vergehen so in wechselvollem Kampfe, aber dann kommen ruhigere Zeiten; das Ge­räusch der Waffen schweigt, Handel und Wandel stellen sich ein. Im nahen Dubno entwickelt sich ein reger Verkehr. Aus Podolien, der Ukraine, Wolhynien kommen die Edelleute herbei, um dort ihre Be­dürfnisse für das ganze Jahr zu besorgen und ihre Angelegenheiten zu ordnen, mehr aber noch, um die Freuden des Lebens zu genießen. Die Scharen nehmen kein Ende, Männer und Frauen, Alte und Junge. Im Kloster wird halt gemacht. Die stattlichen Mönche sind den Genüssen des Lebens nicht abgestorben; die Klosterkeller öffnen sich, der Becher kreist; das leichte polnische Blut verläugnet sich nicht. Ohne Schwertgeklirr geht das Land in den Besitz eines andren Herrschers über. Von den gewaltigen Weltereignissen im We­sten dringen die Wogen bis hierher zum Kloster. Ein royalistisches Corps unter Condé weilt nach der französischen Revolution mehrere Jahre in dieser Gegend. Sächsische Truppen; polnische Lanciers, denen sich manche Söhne des Landes anschließen, ziehen an den Klo­stermauern vorüber dem Welteroberer nach Moskau nach - aber hier bleibt alles still. Man tändelt fort wie bisher, man möchte den schäumenden Becher der Freude bis auf die Neige leeren. Aber beim Rebensaft werden verderbliche Pläne ausgesonnen. Plötzlich werden die Wälder rings umher lebendig; flinke Lanzenreiter kommen und verschwinden; wildblickende Sensenmänner ziehen vorüber. Doch drü­ben vor Boreml her ertönt Kanonendonner; der Himmel färbt sich von dem Brande der Dörfer, die vor kurzem noch so siegestrunkenen Scharen flüchten hinüber nach Österreich oder zurück in ihre Wäl­der. Ein strenges Gericht ergeht über das Land, das auch das Kloster trifft; die Thore schließen sich, die Mauern fangen an zu ver­fallen. Aber die schweren Jahre sind bald vergessen. Dieselbe Le­benslust braust durch das Land wie früher; Alles scheint Glück, Wohlleben, Genuß zu athmen. Doch unter der Decke glimmt das Feuer. Plötzlich bricht es hervor, aber nur um die ganze bisherige histo­rische Entwicklung mit einem Male zu zerstören. Das Jahr 1863 bil­det eine der wichtigsten Epochen in der Geschichte des Landes. Mit der Vergangenheit wird mit einem Schlage aufgeräumt; ein neues Le­ben unter neuen Bedingungen hebt an.

Ja, was hat dieses Kloster nicht Alles erlebt! Wie lebendig ist es in diesen Mauern, in diesen Kreuzgängen gewesen, welches Leben hat sich rings umher entfaltet und nun - Moder und Schutt und Ruinen!

Dieses Gefühl ergreift einen überall in Wolhynien. Diese Landstra­ßen, die jetzt so öde sind, sahen noch vor 9 Jahren Kutsche um Kutsche, eine stattlicher als die andere dahinrollen; diese Guts­gebäude, die jetzt so armselig, so verfallen aussehen, in denen es so still, so traurig hergeht, welch' ein Leben entfaltete sich in ihren Räumen. Es war ein lebenslustiges Völkchen, das bis vor kur­zem hier gewirtschaftet hat, das in Saus und Braus lebte und dem die Mittel dazu von den Leibeigenen auf den fruchtbaren Feldern erarbeitet oder von den Juden bereitwilligst geliehen wurden. Man glaubt zu träumen, wenn man von den frohen, glänzenden Festen, dem rauschenden Leben, dem gewaltigen Verkehr auf den Landstraßen, dem regen Handel erzählen hört, und damit die jetzige Grabesstille vergleicht. Die Revolution hat die Lebensader des Landes auf lange unterbunden, und wenn einst neues Leben sich entfalten wird, dann wird es in anderer Form geschehen, wie bisher. Der polnische Guts­besitzer hat seine Rolle ausgespielt, der russische Bauer tritt in seine Stelle und vielleicht entwickelt sich nun auch ein tüchtiger Mittelstand als die Basis frischen Lebens, Strebens und Ringens.

Hier liegt das Kloster, der Zeuge aller einstigen Herrlichkeit, in Staub und Trümmer, aber drüben schauen die mit grünem Walde be­standenen Berge so lebensfrisch, so hoffnungsgrün in den Klo­sterhof herein, wie die Verheißung künftiger schöner Zeiten, da in neuer Gestalt sich das Land zu neuer Blüthe erheben wird.

Und was das Kloster uns erzählt, davon redet auch das Magnaten­schloß da drüben. Wie lange ist es her, da drängte sich durch seine Säle der brausende Strom des Lebens und nun, nach wenigen Jahren, ist dort Alles so still, so öde, so leer. Als wir vorüber­gingen, graste eine Kuh in dem gewölbten Thorweg des großen Baues, aus welchem sonst die munteren Reiterzüge über die Zugbrücke zu lustigen Jagden herausstürmten. Der stolze, reiche, übermüthige Be­sitzer weilt jetzt als Flüchtling im fremden Lande, so recht die Geschichte seines Landes repräsentirend.

Alles, was man hier von Klosterhofe aus sieht, mahnt an einstige Größe und jetzigen Verfall. Dort die Synagoge vor uns, erzählt sie uns nicht dasselbe? Ein schmutziges, verkommenes Volk bewegt sich um sie her; Nachkommen desselben Volkes, dessen Väter einst so stolz, selig und glücklich die herrlichen Stufen zum Prachtbau auf Morija's Höhe hinanstiegen, drängen sich jetzt in diesem traurigen Bau zusammen, das einem Zelte auf dem Pilgrimswege gleicht. Aber die Sehnsucht der Liebe nach der Heimath der Väter, nach der ein­stigen Herrlichkeit Israels läßt sich nicht ausrotten aus den Her­zen dieses jetzt so widerlichen und doch so wunderbar gearteten Volkes. An einem der langen, dunklen Herbstabende saß ich einst in einem jüdischen Gasthause zu Kowno, neben der Synagoge. Es war Mitternacht fast; ich schrieb. Da entsteht ein unaufhörliches Hin­- und Herwandern auf den bisher so stillen Straßen und ein leises, gedämpftes Murmeln dringt bis zu mir herein. Plötzlich erhebt sich dicht unter meinem Fenster ein Geschrei und Geheul, so gewaltig, so markdurchdringend, daß ich von meinem Stuhle emporsprang. Nun setzt sich die versammelte Menge, die ganze jüdische Bevölkerung der Stadt, in Bewegung, zieht heulend, jammernd, weinend aus einer Straße in die andere, um immer aufs neue unter meinem Fenster ne­ben der Synagoge Halt zu machen und auf erschütternde Weise zu wehklagen. Als ich mich an die fremdartigen Töne gewöhnt, da war es mir als ob ich aus dem mir anfänglich so unheimlichen Lärm die herzbewegende Klage heraushörte: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Vergesse ich dein Jerusa­lem, so werde meiner Rechte vergessen!

Dort das Magnatenschloß, da die Synagoge des Volks, das einst grünte und blühte wie ein Palmbaum am frischen Wasser, hier das Kloster, einer Kirche angehörig, auf deren stolzen, monumentalen, fest ineinandergefügten Bau man nur mit Staunen und Bewunderung blicken kann, deren Leuchter aber doch umgestürzt ist, weil sie vergaß, daß sie ein Gottesreich und kein Weltreich, eine Witwe und keine Königin sein sollte, sie mahnen so eindringlich, predigen so ernst, daß, wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen, und wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wa­chen die Wächter umsonst.

Die Stunden, die ich auf dem Klosterhofe zu Warkowitsch verbracht habe, haben mir viel zu einer lebensvollen, gemüthvollen Anschauung der Geschichte gedient. Der Staub der Folianten verfliegt und das weite Gefilde der Geschichte bevölkert sich mit Gestalten, die Fleisch und Blut haben, wie wir. Wir sind zu sehr gewöhnt, bei un­serer Geschichtsbetrachtung nur unser wissenschaftliches Interesse zu befriedigen, die hervorragenden Persönlichkeiten ins Auge zu fassen, die charakteristischer Züge, die Situation jeder Zeit uns einzuprägen, der Entstehung, dem Verfalle gewaltiger Staaten zu folgen, den Gedanken Gottes, wie sie sich in der Leitung und Füh­rung ganzer Völker offenbaren, nachzudenken, daß wir dabei nur zu leicht vergessen, daß die Geschichte besteht aus der Summe dessen, was die einzelnen, deren Namen nicht auf den Tafeln der Geschichte verzeichnet sind, deren Andenken von dem Strome der Zeit wegge­spült ist, gelitten und geduldet, ersehnt und errungen haben. Wie gewissermaßen theilnahmslos lesen wir z. B. von dem Untergange des weströmischen Reiches, von der Eroberung Konstantinopels durch die Türken. Wir bemühen uns, diese Thatsachen aus der Vergangenheit zu erklären, die Notwendigkeit ihres Eintreffens zu beweisen. Der Kopf wird dabei mehr beschäftigt als das Herz. Welche ganz andere Gestalt gewinnen aber grade jene Ereignisse in unseren Augen, wenn man mitten unter einem dahinsterbenden Volke, das durch eigene Schuld seine nationale Selbständigkeit eingebüßt hat, lebt und nun an solchen Orten weilt, wo man unwillkürlich die Geschichte des Landes in Beziehung setzt zu den Einzelnen, die man kennt. Welch krampfhaftes Halten an der glorreichen Vergangenheit! Wie schwer wird es, die eigene Schuld und Ohnmacht einzugestehen und den ge­waltigen, consequenten und gerechten Gang der Geschichte zu be­greifen und daher, welche grundlosen Hoffnungen, welche Sei­fenblasen, die beim ersten Luftzuge zerplatzen und infolgedessen wieder, wie viele gebrochene Herzen, wie viele zerstörte Existen­zen, welch' unsägliches Weh, das durch Tausende zuckt!

Es war ein schöner, herrlicher Junimorgen, als wir am andern Tage von den munteren Pferden in raschem Trabe in die freundliche, liebliche Landschaft, die sich hinter dem Posthause rechts vor der Landstraße ausbreitet, hineingeführt wurden. Bergauf geht es und bergab, dann kehrt man links ein, an einem Bergabhange geht es hin, links ein tiefes Thal, rechts die Anhöhe, die höher ist als der Munnamäggi und Wellamäggi in Livland, darauf durch ein Dorf, an einem gewaltigen Garten vorbei, wiederum Berg auf und Berg ab, und wir sind in der kleinen Kolonie Dombrowka angekommen. Der Got­tesdienst wird in gewohnter Weise gehalten. Am Nachmittage gibt es einige Gemeindeangelegenheiten zu besprechen, wobei aufs Neue die Wahrnehmung gemacht werden muß, wie weit verbreitet unter unseren Colonisten der Aberglaube vom bösen Auge, vom bösen Blicke ist. Keine ernste Krankheit, kein plötzlicher Tod tritt ein, ja keine Kuh darf anfangen, weniger Milch zu geben, ohne daß solches von bösen Menschen, gewöhnlich einer bestimmt bezeichneten Frau, sollte "angethan" sein. Am Abend ging es durch freundliche Gegenden in die Kolonie Shanuwka. Dort waren Landbauern, Kolonisten aus Po­len, hier Weber und Tuchmacher, welche der geringe Verdienst in den Fabriken auf das Land getrieben hatte.

Am folgenden Abend fuh­ren wir nach dem nahegelegenen Dubno. Fährt man dahin auf einem anderen Wege, den man in diesem Jahre unpassierbarer Dämme, zer­brochener Brücken wegen nicht einschlagen konnte; so hat man, so­bald man den Wald verläßt, eine prachtvolle Aussicht. Man steht ziemlich hoch und vor einem breitet sich die meist von Bergen be­grenzte Ebene aus. Dorf reiht sich an Dorf, fruchtbare Felder wechseln mit Laubholzhainen und in der Mitte die Stadt mit ihren weißen Häusern, Kirchen und Klöstern, ein schöner Anblick. Als wir auf der Poststraße, die wir fünf Werst vor Warkowitsch erreichten, dahinfuhren, kamen uns, es war gerade Sonntag, eine Unmasse von Fahrzeugen aus Dubno entgegen. Es wird wol der Tag des Herrn nir­gends so entheiligt, wie hier. Die Märkte werden, namentlich in den kleinen Städten, fast nur am Sonntag abgehalten. Fällt ein an einem bestimmten Datum stattfindender Jahrmarkt auf einen Sonn­abend, so wird er natürlich verlegt, denn die Juden haben ja "Schabbes", aber nicht etwa auf den Montag, sondern auf den Sonn­tag. Am Sonnabend herrscht überall Todtenstille, dafür aber ist am Sonntage ein Leben, wie in der ganzen Woche nicht. Zur Zeit der Leibeigenschaft war solches noch begreiflich, denn die Bauern hat­ten ja nur am Tage Zeit, ihre Produkte zu verwerthen, ihre Einkäufe zu machen. Warum aber jetzt diesem furchtbaren Unwesen nicht ge­steuert wird, weiß ich nicht. Ein großer Theil der uns Entgegen­kommenden bestand aus Czechen. Wie vor 11 Jahren die Deutschen in hellen Scharen in Wolhynien einzuwandern anfingen, so vor vier Jahren die Czechen aus Böhmen, die sich einst im Dubnoschen, Kow­noschen und Lutzkschen Kreise niederließen. In den Kreisstädten wurden czechische Wolostverwaltungen errichtet, Handwerker kamen nach, eine Bierbrauerei haben sie schon gebaut und eine Zuckerfa­brik soll in Angriff genommen werden. Jetzt beabsichtigen sie, die Stadt Dubno zu kaufen. Am 23.  September vorigen Jahres legten ungefähr 200 Czechen den Untertaneid ab, die große Menge der Uebrigen sind aber noch österreichische Landesgehörige. Die Czechen sind von Hause aus Katholiken, nennen sich aber jetzt Hussiten, empfangen das Abendmahl unter beiderlei Gestalt und haben verheirathete Prediger, deren Amtstracht ganz der lutherischen gleicht. Ich habe in den theologischen Zeitschriften der letzten Jahre nach Aufschluß über diese hussitische Bewegung in Böhmen mich umgesehen, aber nichts gefunden. So viel scheint mir klar zu sein, daß religiöse Motive dabei nicht vorwalten, sondern nur politische. Leider fand ich die czechischen Geistlichen nicht zu Hause, so daß ich von ihnen nichts Genaues erfahren konnte.

Dubno war einst ein gar lebhafter Ort. Hier fanden die sogenannten Contracte - Messen - statt, zu welchen Tausende und aber Tausende herbeiströmten. Welcher Verkehr damals hier herrschte, kann man daraus ersehen, daß, als der Kaiser Paul dem Fürsten Lubomirsky fünf Millionen Rubel Banko für die Stadt bot, dieser erklärte, er könne sie nicht für diesen Preis abtreten, da die Contracte allein ihm an Abgaben u.s.w. eine Million jährlich einbrächten. Damals wohnten hier viele ausländische Kaufleute, die eine mit sehr gün­stigen Privilegien ausgestattete deutsche Gilde bildeten. Ihre Nachkommen, die Träger dieser deutschen Namen, sind alle Polen und Katholiken geworden. Die Contracte wurden nach Kiew verlegt, die Fremdenmenge blieb weg, da kam Ruhe und Stille über diese einst so lebensvolle Stadt. Noch einmal versuchte der Fürst Lubomirsky neues Leben hervorzurufen; er wollte aus Dubno eine Fabrikstadt machen. Eine Zuckerfabrik wurde angelegt, mehrere hundert Familien deutscher Baumwollenweber unter sehr vortheilhaften Bedingungen herbeigerufen, denen der Fürst zu billigen Preisen Rohmaterialien kommen ließ. Das war in den vierziger Jahren. Aber unsere deut­schen Landsleute legten nicht viel Ehre ein. Bis Sonntag Mittag wurde gearbeitet und dann ging es zum Branntwein, bei welchem bis am Mittwoch oder Donnerstag Abend gesessen wurde. Da war freilich wieder Leben in Dubno, aber dasselbe schallte heraus aus den Krü­gen und Wirtshäusern, rührte her von den Prügeleien der Deutschen auf den Straßen. Große Vorräte von Rohmaterial gingen aus den Speichern des Fürsten in die Hände der Weber über, aber fertige Arbeit bekam er nur wenige zurück. So erschöpften sich seine Hülfsquellen, und schnell, wie das windige Volk gekommen war, ver­schwand es wieder. Jetzt ist die evangelische Gemeinde dort nur klein. Ein Arzt, der Chef der Telegrafenstation, einige Tuchma­chermeister, ein Färber, das sind alle. Das Abendmahl empfingen ungefähr 40 Personen, darunter Offiziere, Soldaten und einige Gut­sarbeiter aus der Umgegend. Der Gottesdienst fand sonst in dem ge­räumigen Zimmer eines Gemeindegliedes statt, dieses Jahr in einem von der fürstlichen Verwaltung eingeräumten Saale. Beim Got­tesdienst wird gesungen, aber mit dem Gesange ist es sehr schlecht bestellt.

Der Weg von Dubno bis zur ersten Station auf dem Wege ins Ausland ist ein freundlicher, freilich aber nur bei heiterem Sonnenschein, nicht bei Regenwetter, denn dann ist es hier grundlos. Im Frühling oder Herbst ist es überhaupt in Wolhynien ein schweres Reisen, da die schwarze Erde dann einem Morast gleicht. So blieb eines Abends mein Wagen stecken. Ich schickte in‘s nächste Dorf nach Leuten, die auch mit Stangen und Hebebäumen kamen, aber nichts ausrichteten. Es wurde bei diesen Versuchen stockdunkel, so daß mir nichts übrig blieb, als auf freiem Felde zu nächtigen. Am nächsten Morgen kamen die Leute wieder und brachten Ochsen mit, die aber auch den Wagen nicht von der Stelle rührten. Nun holte man Schaufeln, grub den Wagen aus, spannte Pferde und Ochsen vor, die mich endlich weiter beförderten.

Verläßt man Dubno, so hat man links eine weite, fruchtbare Ebene mit Dörfern, Kirchen und Landsitzen, die von einer Hügelkette be­grenzt wird. Die ganze Umgegend vor Dubno ist eine sehr frucht­bare. Große Mohnfelder zieren die Landschaft, in den Wäldern wach­sen alle Obstarten wild: Äpfel, Birnen, Kirschen. Die Kolonisten erzählen mir, daß in guten Jahren die Kirschen in den Wäldern in solcher Menge von den Bäumen fallen, daß der Boden von ihnen ganz bedeckt wird und die Stiefel rot gefärbt werden. Der Bauer nimmt sich gar nicht die Mühe, auf den Baum zu steigen, um Kirschen zu pflücken. Mit seinem Beile haut er denselben um, ißt wie viel er will und geht seines Weges. Fährt man durch diese Gegenden im April, so umgibt Einen ein Blütenmeer. Die Sträucher am Wege blü­hen, die Bäume auf den Feldern, die Wälder, durch welche die Straße geht.

Ja, Wolhynien ist ein schönes Land, reich gesegnet mit allem was der Mensch braucht; mit fruchtbaren Feldern, schönen Wiesen, großen Wäldern, Mineralien der mannigfachsten Art, die aber noch nicht benutzt werden, Flüssen, auf denen die Produkte verflößt werden können. Freilich ist nicht das ganze Land so beschaffen, sondern nur die südliche Hälfte, das eigentliche Wolhynien, wäh­rend die nördliche Hälfte, das sogenannte Polesje, das gerade Ge­gentheil davon ist. Weite Kiefernwälder, zum Theil sehr verkümmerte, tiefer Sand, große, ausgedehnte Sümpfe geben der Gegend ihren Cha­rakter. Weit entlegen sind die Dörfer und Hütten, in welchen die Bewohner noch nicht einmal so weit sind wie in den südlichen Theilen des Landes, einen Baumstamm auszuhöhlen, in den Ofen zu mauern und zum Dach als Schornstein hinauszuführen, oder einen Schornstein aus Stangen, Stroh und Lehm zu construiren, sondern sie lassen ganz einfach den Rauch zur Thüre hinausströmen. Häufig führt der Weg an einsam gelegenen Theerschwelereien oder Kohlenmei­lern vorbei und dann öffnet sich wieder eine fast kreisrunde Lich­tung, in deren Mitte die von Feldern umgebenen Dörfer und Edelhöfe liegen, ganz in der Weise wie Bertram Schulz in seinen baltischen Skizzen eine livländische Landschaft vor 50 Jahren beschreibt. Der Bewohner dieser Gegenden, der Polischuk, zieht im Sommer in das fruchtbare Wolhynien auf Arbeit, wofür er einen Teil der Erndte be­kommt, den er im Winter bei Schlittenbahn abholt. Und doch ist es mir in diesem öden, traurigen Lande so wohl und heimisch geworden. War es mir doch oft, wenn der Wagen im Sande langsam fortbewegt wurde, als ob rigischer Sand mich umgebe und, wenn ich im Dämmer­lichte eines Oktobernachmittags dahinfuhr, als ob eine liv­ländische Landschaft vor mir liege oder die Wolkenpracht des Nor­dens über meinem Haupte dahinziehe. Zurückgelehnt in meine Wa­genecke bin ich manchen dunklen Herbstabend durch diese einsamen, stillen Gegenden gefahren, aber in mir war es licht und hell; denn hervorgerufen durch die Umgebung wurden Jugenderinnerungen wach und die alte theure Heimath, alle die tausend Erlebnisse im lieben Ostseelande traten so lebendig vor die Seele, stimmten das Herz so warm, daß man ganz vergaß, wo man war, und daß die Jugendjahre weit hinter Einem liegen, und man glaubte, es müsse durchaus zwi­schen den Bäumen das Licht eines traulichen Pastorats, eines stattlichen, livländischen Gutsgebäudes entgegenschimmern. Weil das Polesje mich so sehr an die inniggeliebte Heimath erinnert, darum habe ich es gern, aber einen Vergleich mit dem schönen, fruchtbaren Wolhynien hält es nicht aus. Was kann, was wird aus den südlichen Theilen des Gouvernements einst werden, wenn die Er­rungenschaften der modernen Kultur auch hier werden Eingang finden? - - -

Bei der Station Werba treffen wir wieder Sand und Fichtenwald. Wir kehren von der über Roswilow nach Österreich führenden Straße auf einen ebenso breiten und schönen Postweg links ab. Hier ereilte uns ein Unwetter. In strömenden Regen ging es weiter, die Straße ist mit Bäumen bepflanzt; freundliche Aussichten bieten sich auf mehreren Stellen. Was Einem am meisten auffällt, sind die Unmassen von Feu­ersteinen, mit denen die Felder bedeckt sind, von denen auch die Stadt Kremenez ihren Namen hat. Nachdem man auf einer Brücke die Ikwa passiert hat, kehrt man links ein. Dicht zur Rechten erheben sich Berge. So geht es mehrere Werst fort, dann fahren wir an ei­ner sehr hübschen Stelle in eine Schlucht hinein und die ersten Häuser der Stadt Kremenez sind erreicht.

Kremenez ist eine rechte Bergstadt. Eine schmale Straße führt im Thale hin und rechts und links klimmt man in engen Straßen an den Bergen hinauf. Das ganze Leben konzentriert sich auf der Haupt­straße unten im Thale, die nur von Judenhäusern besetzt ist, wäh­rend die höher gestellte Menschheit sich an den Bergstraßen nie­dergelassen hat. Mitten in der Stadt erhebt sich das imposante Ge­bäude des griechischen geistlichen Seminars. Hier war früher das weit und breit berühmte, 1805 vom Grafen Tschatzki gegründete Lyceum, in welchem stets über 1500 Zöglinge erzogen wurden. Viele der ausgezeichnetsten Polen haben hier ihre Ausbildung bekommen. Erhalten wurde die Anstalt von den Bewohnern der Umgegend, die sich zu jährlichen Beiträgen verpflichtet hatten. Damals war diese Stadt ein Sammelplatz der polnischen Aristokratie und wurde des regen Lebens, der vielen Feste, des bunten Treibens wegen das wol­hynische Warschau oder Paris genannt. Im Jahre 1831 wurde das Ly­ceum aufgehoben und dafür die Universität in Kiew gegründet. Nun verzog sich der Adel und seine Stelle nahmen pensionierte Militairs und Beamten ein, da die verlassenen Wohnungen zu billigen Preisen zu miethen waren, Überhaupt das Leben nicht theuer war. Gerade ge­genüber dem Seminar erhebt sich hoch und steil ein Berg, dessen Gipfel mit einer alten Ruine gekrönt ist. Die ganze Gegend war reich an Wallnußbäumen, die aber alle in dem letzten rauhen Winter erfroren sind.

In Kremenez werde ich jedes Mal daran erinnert, wie wechselnd un­sere deutsche Bevölkerung ist. Als ich 1866 zum ersten Mal meine Reise durch's Gouvernement machte, fand ich in Kremenez keine Lu­theraner vor, obgleich erst wenige Monate vorher private und offi­cielle Schreiben dringend um Besuch gebeten hatten. Die Lutheraner waren plötzlich versetzt worden. Im folgenden Jahr nahm ich Kreme­nez nicht in meinen Reiseplan auf. Da bekam ich nach Dubno ein Schreiben, Kremenez nicht bei Seite zu lassen, da die Zahl der Lu­theraner keine geringe sei. So war es auch. Der Divisionschef, ein Regiments-commandeur, der Divisionskapellmeister, mehrere Offi­ziere, Waffenschmiede, einige Civilisten sind Deutsche, teils die Familien auch, ungefähr 30 - 40 Soldaten sind Letten. So blieb es 2 Jahre. Noch jetzt höre ich in Kremenez und der Umgegend jedes Mal von jener Zeit sprechen, wo der Baron D. und seine Gemahlin den Mittelpunkt des Lebens daselbst bildeten, aller Herzen gewan­nen und den deutschen Namen selbst bei denen geachtet machten, die uns feindlich gesonnen waren. Es ist überhaupt eine wohltuende Be­merkung, die ich gemacht habe, daß fast überall, wo es in Wolhy­nien evangelische Chefs gab und gibt, dieselben stets von ihren Untergebenen geachtet und geliebt waren. Und das mit Recht, denn sie sorgten für ihre Officiere und Beamten wie Väter und ließen sich deren Wohl auf's beste angelegen sein. Im Jahre 1869 fingen in Kremenez wieder die Versetzungen an, einer nach dem anderen ging fort, neue Elemente kamen und gingen und nur unser braver Di­visionskapellmeister ist uns treu geblieben bis auf diesen Tag. Das ist überhaupt so mit den Deutschen in den Städten Wolhyniens, ein fortwährendes Kommen und Gehen. Die meisten sind Beamte und Militairs und wohl nirgends kommen so häufig Versetzungen vor, wie hier. Vor einigen Monaten verließ einer unserer Bekannten Shitomir, der 9 Jahre daselbst gewohnt hatte, und in Folge dessen für einen der Veteranen der Stadt galt. Mehrere Mal in dieser Zeit hat er die ganze Beamtenwelt sich erneuern sehen.

Ich nahm einst aus Kremenez ein so eigenes, romantisches Bild mit, daß ich es nie vergessen werde, das ich später bei klarem Sonnen­schein und unter anderen Verhältnissen nicht wiedergefunden habe. Es war zur Zeit des Laubhüttenfestes. Nachdem ich den Tag über, so wie ich mir die Fenster des Gasthauses öffnete, das Murmeln in den Laubhütten, die an jedem nur irgendwie freien Platze hingebaut waren, gehört hatte, stellte ich am Abend einen Stuhl in den Tor­weg des Gasthauses und sah mir das Treiben auf den Straßen an. Es war prachtvoller Mondschein, der die ganze Stadt mit seinem wilden Lichte übergoß und poetisch verklärte. Aller Schmutz, alles sonst dem Auge Widerwärtige war ver-schwunden, es sah alles so traumhaft schön, so fremdartig aus, die Häuser mit ihren vielen Galerien und Freitreppen, die Berge, deren Gipfel durch die Häuserlücken hin­durchblickten, die schmale Straße auf der eine ungezählte Menge hin und herwogte, Juden mit langen Bärten, Jüdinnen bald in halb orientalischer, bald in moderner Tracht, alle stattlich geputzt, dazu die wunderbare Luft eines herrlichen Septemberabends, daß ich mich gar nicht von der Stelle rühren konnte und mich nach irgend­einer Stadt Kleinasiens versetzt glaubte. Am anderen Morgen war der Zauber verschwunden, aber der Eindruck hat sich tief meinem Gedächtnisse eingeprägt. Wir verließen Kremenez auf der entgegen­gesetzten Seite, als von welcher wir hereingekommen waren. Immer höher und höher geht es bergauf, die Pferde haben genug zu thun, um den Wagen vorwärts zu bringen, aber oben angekommen, hat man beim Zurückblicken eine schöne Aussicht. Zur Rechten der Hügelzug, auf dessen höchstem Gipfel die Ruine steht, 'Links ebenfalls eine Hü­gelkette, vor uns das enge Tal, ausgefüllt mit grünen Bäumen, wei­ßen Häusern, Kirchen, Thürmen und in der Mitte das imposante ein­stige Lyceum, das jetzige geistliche Seminar.

Die Gegend hinter Kremenez ist eben. Unterwegs werden die Pferde auf einem Gute der Gräfin Olisar bei einem jüdischen Pächter ge­wechselt. Dann wird das Terrain hügelig, und ungefähr 22 Werst von Kremenez breitet sich eine malerische Gegend vor uns aus, ein im Thale liegender Flecken mit altem Kloster und Schlosse, Wischnewez, dem Grafen Plater gehörig. Das alte große Schloß barg oder birgt noch mancherlei historische Merkwürdigkeiten in sich. Ein Besitzer des Schlosses, Wischnewezky, war einst König von Polen. Der Name des jetzigen Besitzers erinnert den Livländer unwillkürlich an die wechselvolle, wilde, tragische Geschichte seiner Heimat. Die Pla­ter gehören ja mit den Borg's und Syburg's zu jenen Nachkommen der deutschen Ritter, die ihre Besitzungen in dem jenseits Lubahn und Stockmannshof liegenden, Insland genannten Theil Livlands hatten. Dasselbe wurde von den Polen von Livland abgetrennt, die Kinder der dortigen Besitzer den Jesuiten zur Erziehung übergeben, die aus ihnen fanatische Polen und Katholiken machten, was sie noch jetzt sind. In der Nähe von Wischnewez befinden sich mehrere Stalaktiten-grotten, wie denn überhaupt die ganze Gegend für den Naturhistoriker sehr interessant sein soll. Wir erfreuten uns an der schönen Lage, mußten aber bei unserem Spaziergange durch den weiten Park mit den zerfallenen Treibhäusern und Orangerien die Bemerkung machen, die wir schon so oft auf unserer Reise gemacht hatten; die einstige Herrlichkeit ist dahin, nur Trümmer sind geblieben.

Von Wischnewez nach dem Wallfahrtsort Potschajew sind es 20 Werst. Die Gegend ist meist eben. Ungefähr 13 Werst von Wischnewez for­derte der Postillon uns auf, auszusteigen, da ein steiler Berg zu passieren sei. Wir thaten es und vor uns breitete sich eine schöne Landschaft aus. Es begegnet uns zuweilen, daß Gegenden, in die wir kommen, uns so bekannt, so traut sind, als müßten wir sie schon gesehen haben. So ging es mir mit Tarasch, wo ich in diesem Jahre zum ersten Male war. In meiner Jugend hatte ich einmal irgendwo in Jung-Stillings Schriften die Beschreibung einer Gegend im Bergi­schen oder Berleburgischen gelesen, die ich hier vor mir zu sehen glaubte. Vor uns breitete sich ein tiefes Thal aus mit einem See, an dessen Ufer ein großes, zweistöckiges Gebäude, wie wir später erfuhren, eine Bierbrauerei, stand, dicht davor ein Krug mit ge­öffneten Thoren, dann ein Gutsgebäude, das sich an den Berg lehnte und dahinter die Landstraße, die sich wie ein schmales Land an dem Berge hinaufschlängelte. Auf der ganzen Landschaft lag, es hatte geregnet und geblitzt; eine eigenthümliche Färbung, wie auf Jung-Stillings Schriften. Mühsam stiegen wir den schlüpfrigen Berg hinunter; der Wagen mußte, trotzdem er gehemmt war, von Bauern ge­halten werden. Durch das Thal fuhren wir und dann mußten wir den hohen Berg hinanklimmen, was gar kein Ende nehmen wollte. Längs dem Wege und immer in gleicher Tiefe mit demselben ein mit Laub­bäumen ausgefülltes Thal und dahinter ein Bergrücken, immer mit dem Wege und dem Thale parallel laufend mit dem herrlichsten, vom Regen so recht frischen Walde bestanden. Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben[1], hätte man aus voller Brust anstimmen mögen. Wir konnten uns nicht satt sehen an der Waldespracht.

 

Nun ging es weiter; herrliche Wälder zu beiden Seiten, die schöne englische Parkanlagen bildeten, und plötzlich erhebt sich vor uns aus weißen Feldern, grünen Wiesen, dunklen Wäldern ein imposanter Bau, Potschajew, der berühmte Wallfahrtsort. Das Kloster steht mit seinen vielen Gebäuden auf einer Anhöhe. An dem Abhange zieht sich der Garten hin, der mit einer hohen Mauer, die bis zum Fundament der mehrstöckigen Gebäude reicht, umgeben ist. Das Ganze macht sich aus der Ferne sehr stattlich und verliert nicht, wenn man nä­her kommt. Vor dem Kloster liegt ein Judenstädtchen, aus welchem sich das Kloster wie ein Koloß erhebt, und neben dem Kloster ste­hen zahlreiche Pilgrimshäuser für die aus ganz Rußland kommenden Wallfahrer. Drüben, aus Österreich blickt ein ganz ähnliches Domi­nikanerkloster aus dem Waldesgrün herüber.

Es war schon spät, als wir ankamen; wir suchten bald das Lager auf, um am nächsten Morgen dem Gottesdienste beiwohnen und das Klo­ster besehen zu können. Der andere Morgen war unserem Vorhaben nicht günstig, da es regnete. Wir eilten durch die "heilige Pforte" über den Klosterhof, wobei wir zur Rechten einen hohen Thurm bemerkten, an dem gearbeitet wurde, stiegen die Treppe zur Kirche schnell hinauf und blieben gefesselt stehen, als wir einen Blick über das weite Gelände warfen, das sich vor uns ausbreitete. Steil fiel vor uns die Mauer ab und da unten und da hinten ein schönes reizendes Bild mit Wäldern und Bergen, mit Dörfern und Feldern. Ich bin in Potschajew nicht bei Sonnenschein gewesen, aber bei diesem feinen herniederrieselnden Regen, bei diesem tie­fen Blau, das sich über alles breitete, nahm sich die Gegend wun­dervoll aus. Ich habe selten ein mir mehr zusagendes Landschafts­gemälde gesehen. Nur einmal habe ich vom Altane im Garten zu Trey­den in Livland auch bei Regenwetter dasselbe herrliche Blau bewun­dern können. Da wir uns des Regens wegen das Äußere der Kirche nicht hatten ansehen können, - auch jetzt erinnere ich mich nicht desselben - waren wir beim Hineintreten nicht wenig erstaunt, statt der ganz eigenen Art oder vielmehr Entartung des byzantini­schen Stiles, in welchem die alten griechischen Kirchen in Wolhy­nien gebaut sind, ein Gotteshaus im reinsten romanischen Style zu finden. Mit wahrem Behagen folgt das Auge den Bögen, die sich von Säule zu Säule hinziehen und dann den ganzen Bau zu harmonischer Einheit verbinden. Die Wände sind einfach weiß und mit Oelgemälden verziert, die Motive aus der Vergangenheit des Klosters und der heiligen Geschichte zum Gegenstande haben. Rechts vom Altar steht eine Kanzel und eine reich vergoldete Wand theilt den Altar vom Al­lerheiligsten, vor welcher die sehr schön singende Sängerschar stand. In der Mitte, das Gesicht dem Allerheiligsten zugewendet, saß der Erzbischof Agaphangel, hinter ihm mehrere Geistliche und vor ihm in je zwei Reihen zur Rechten und zur Linken vier und zwanzig Klostergeistliche. Wallfahrer aus ganz Rußland waren in der Kirche versammelt. Aus allen ragte die würdige Gestalt des Erzbischofs hervor, eines Mannes, der allgemeine Verehrung und Liebe genießt. Was uns Deutschen namentlich in jetziger Zeit wohl­thut, ist sein gerechtes, unparteiisches, wohlwollendes Urteil über unser Volk, wozu wohl nicht wenig beiträgt, daß er sich einst fleißig in der deutschen Theologie umgesehen hat. Seine Residenz hat der Erzbischof im Winter in Shitomir, im Sommer in Potschajew. Sehr leid tat es uns, aus Mangel an Zeit nicht die Katakomben, die sich unter dem Kloster hinziehen sollen, sehen zu können. Den an­dern Tag hatte ich in Radsiwilow Gottesdienst, so daß wir weiter eilen mußten.

Radsiwilow, ein kleines schmutziges Judenstädtchen, in dem aber zwei Straßen recht freundlich sind, aber nur bei gutem Wetter, wo sie allein zu passieren sind, liegt nur 2 Werst von der österrei­chischen Grenze. In demselben befindet sich eine bedeutende Zoll­kammer, die nach Vollendung der Eisenbahn in ein Zollamt erster Klasse verwandelt werden soll. Während Slawuta ein Sammelort für Fabrikbeamte und Fabrikarbeiter ist, in Ostrog Apotheker und Arzte, Lehrer und Gouvernanten beim Gottesdienst sich vereinigen, in Kremenez Militair und zwar Infanterie an der heiligen Handlung Theil nimmt, ist in Radsiwilow die Grenzwache vertreten. Die Offi­ciere kommen aus dem ganzen Radsiwilowschen Zollbezirk oft aus sehr weiter Ferne zusammen. Doch gibt es auch Gemeindeglieder, die anderen Ständen angehören. Im vorigen Jahre traf ich einen Univer­sitätsgenossen dort an, dann sind zuweilen beim Zollamte evangeli­sche Beamte angestellt und in kaufmännischen Angelegenheiten hal­ten sich meist auch Deutsche hier auf. Bei einem der letzteren verbrachten wir angenehme Stunden. Aus Kurland gebürtig, an eine Polin verheiratet, hat er es verstanden seiner Frau deutsche Sym­pathien, bei einer Polin kaum denkbar, einzuflößen und ihr Herz für unsere Kirche warm zu machen. Er erzählte uns mit bewegtem Herzen, wie es ihm im letzten Jahr während des großen Krieges ge­gangen war. Ganz allein mit seiner Frau stand er mitten in einer gegen alles Deutsche erbitterten Umgebung. Mit wahrer Wonne wurden die übertriebensten Nachrichten, Gambettasche Telegramme verbrei­tet und als endlich die Wahrheit durchdrang, da wurden dem Helden­könig und seinem gewaltigen Kanzler die unlautersten Absichten, Ehrgeiz, Ländergier etc. mit schamloser Frechheit angedichtet, bis endlich bei dem blutigen, empörenden Nachspiel die Gegner gezwun­gen waren, wohlweislich den Mund zu halten.

 

Wie viel deutsche Namen von gutem Klang gibt es noch unter unserem Militair, deren Träger theils noch Deutsche geblieben, theils schon Russen geworden sind. Allein unter den russischen Generälen, die in den letzten Jahren in Wolhynien gelebt haben, war z.B. der eine ein Großsohn eines bekannten geistlichen Liederdichters, der andere der Nachkomme eines Mannes, der in unserer Literaturge­schichte mit großer Achtung genannt wird, der dritte der Enkel ei­nes berühmten deutschen Mathematikers.

 

Von Radsiwilow wurde ein kleiner Ausflug nach dem Handelsorte Brody gemacht, wobei man recht sehen konnte, welche Bedeutung die Gränze zweier Länder hat. Wenige Werste auseinander und das Leben, das um ein anderes Centrum sich bewegt, ist ein völlig anderes.

Durch dichten Wald fährt man auf der ersten Hälfte des Weges nach dem 30 Werst entfernten Berestetschko. Die Straße, die eigentlich nur für die Grenzwache, die Einem oft begegnet und an deren Wacht­posten und Stationshäusern man vorbeifährt, angelegt ist, geht fast fortwährend grade auf der Gränze zwischen Rußland und Oester­reich hin. Hier im dichten Walde wird man alle Augenblicke an die politischen Bewegungen in Oesterreich während der letzten Jahre er­innert. Die schwarz-gelben Grenzpfähle trugen früher die In­schrift: K.K. österreichische Grenze, jetzt: Grenze des König­reichs-Galizien, des Kaiserthums Oesterreich. Vor kurzem war in den galizischen Städten die deutsche Benennung der Straßen an den Ecken der Straßen angeschrieben; in diesem Jahre sehen wir die polnische Benennung und darunter die deutsche. Man liebt es nicht, daß deutsch auf den Straßen gesprochen wird.

In Berestetschko wohnen deutsche Handwerker schon seit 35 - 40 Jahren; in der Nähe haben sich Kolonisten aus Galizien niederge­lassen. Die Gegend rings um das Städtchen ist ungemein fruchtbar. Von Berestetschko aus besuchten wir zwei Kolonien, die eine nach Dubno hin gelegen, die andere 50 Werst weiter zwischen Dubno, Kle­wan und Luzk. Während sonst unsere Kolonien alle in flachen Gegen­den liegen, so dagegen diese halb im Thal und halb an Bergen. Die erste Kolonie Karolinka wird von Schwaben bewohnt. Von dort aus ging es auf lauter Nebenwegen, so daß ich nicht einmal weiß, wo wir gefahren sind, durch eine wirklich sehr hübsche Gegend. Dör­fer, Hohlwege, schöner Wald, Anhöhen, freundliche Täler wechselten mit einander bis zum stattlichen Dorfe und Edelsitz Bokuima. Von da an wurde die Gegend eben. Durch eine Allee von colossalen Lin­den, deren prachtvollen Baumschlag wir nicht genug bewundern konn­ten, gelangen wir zu dem schöner, jetzt vernachlässigten Schlosse Mlynow, dem Grafen Chodkiewicz gehörig, passirten die alte breite Poststraße von Warschau nach Shitomir und Odessa, fuhren wieder durch eine sehr hügelige, hübsche Gegend und kamen am Abend spät in der Kolonie Wulkowna an. "Nun haben wir endlich Wasser", waren fast die ersten Worte, die ich hörte. Vor dem die Deutschen vor ungefähr 5 Jahren die Kolonie anlegten, hatten Polen einen Theil derselben bewohnt, die bei ihrem Wegzuge den einzigen Brunnen verschütteten. Jahr aus Jahr ein gruben die Kolonisten mit unermüdli­chem Eifer halb hier, halb dort, aber sie trafen keine Ader. Bei jedem Besuche hörte ich die Klage: Es würde uns hier sehr gut ge­fallen, aber es wird uns zu schwer, vier Werst weit das Wasser für uns und unser Vieh zu holen. In diesem Jahre fand man endlich, freilich in sehr großer Thiefe, schönes Wasser.

Hier war eigentlich meine Amtsreise zu Ende. Da wir aber hörten, daß aus dem nahgelegenen Roschischtsch der bisherige dortige Pastor in wenigen Tagen ganz nach Kurland zurückkehren wolle, so fuhren wir hinüber, um Abschied zu nehmen. Die Fahrt durch nicht grade schöne, aber recht freundliche Gegend, in der Kühle des Abends war eine sehr angenehme. Von weitem sahen wir schon die Kreisstadt Luzk, die mit ihrem großen Kriegshospital, der alten Festung, der unendlichen Anzahl von Klöstern, von denen die meisten Ruinen, ei­nige aber schon zu Behörden und Wohnungen für die griechische Geistlichkeit umgebaut sind, einen sehr stattlichen Eindruck macht. Kommt man hinein, so findet man ein schmutziges Judennest. In der großen, schönen Poststation, die erst vor wenigen Jahren fertig geworden ist, und nun, da im nächsten Jahr schon die Locomotive 12 Werst von Luzk vorüberbrausen wird, eingehen soll, näch­tigten wir. Am anderen Tag fuhren wir nach dem Flecken Ro­schischtsch, das mit mehreren umliegenden Kolonien zu einem Kirch­spiel vereint ist. Roschischtsch ist ein Tuchmacherort, doch würde Jemand, der an die colossalen Fabriken der Neuzeit gewöhnt ist, sich vergeblich nach den Fabriken umsehen. In langen, niedrigen Häusern, mit Ausnahme einer Dampffabrik, wird von den Tuchmachern handwerksmäßig auf 1 - 4 Webstühlen gearbeitet. Eine Kirche hat R. noch nicht; der Andachtssaal befindet sich mit dem Pastorate unter einem Dach.

Da der Tag, an welchem ich in Shitomir sein mußte, nahe bevor­stand, so konnten wir uns nicht lange in R. aufhalten. Am Montag Abend setzten wir uns in den Wagen und fuhren auf der guten Chaus­see die ganze Nacht und den folgenden Tag hindurch ohne Aufenthalt in einem Strich. Die Gegend, die wir freilich im Dunkeln nicht sahen, die uns aber von vielen früheren Reisen her bekannt ist, ist anfangs eben und monoton. Von Klewan bis Korez ist sie recht hübsch; eine Hügellandschaft mit grünem Laubwalde, weiten Feldern, Dörfern, Kirchen, Edelhöfen. Der Herr Generalsuperintendant Dr. Frommann, mit dem ich vor 2 Jahren diesen Weg machte, verglich sie der Maingegend. Von Korez an fuhren wir auf derselben Straße, wie auf der Herreise. In Nowgorod-Wolynsk war großer Jahrmarkt, so daß wir kaum durch das Gedränge hindurch konnten. Da sahen wir wieder, wie viel Deutsche schon in Wolhynien sind; die meisten Wagen, die dort standen, waren deutsche Wagen und den deutschen blauen Rock erblickte man überall. Bis zum Dunkelwerden fuhren wir, nächtigten auf einer der bequemen Poststationen, machten uns den andern Mor­gen nicht sehr zeitig auf den Weg und waren Mittwoch den 30. Juni um Mittagszeit wieder in Shitomir, von Herzen dankbar für die in jeder Beziehung erquickende Reise.

Von langer Dauer war mein Aufenthalt zu Hause nicht, sondern mit wenigen Unterbrechungen bin ich bis auf diesen Augenblick, Ende Oktober, auf Reisen gewesen, auf welchen ich Städte nicht mehr be­suchte, sondern nur die Kolonien.

Leicht ist ein solches Reisepredigerleben mit seinem fast tägli­chen Predigen und Amtieren nicht, doch gewöhnt man sich schließ­lich an dasselbe so, wird mit seinen Gemeindegliedern so bekannt, daß es einem wol recht schwer werden würde, wenn man nicht mehr umherreisen sollte. Freilich wächst das Arbeitsfeld hier derartig, daß die Arbeit die Kräfte übersteigt. Die Zahl der Deutschen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Neue Kirchspiele haben sich in Folge dessen gebildet, so daß wir deren jetzt 4 in Wolhynien zählen, die aber alle bis auf Shitomir unbesetzt sind. Die Ernte ist groß, der Ar­beiter aber sind wenig.

 

*vermutlich Pastor Heinrich Wasem (1836 – 1911);

Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG;

Rechtschreibung und Interpunktion aus dem Original übernommen;  Irrtum der Abschrift vorbehalten  

 



[1] Anm.:  Text: Joseph von  Eichendorff 1810 , Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy 1841

 

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letzte Änderung: 16.7.2017