Census 1921 / 1931

 

Ethnische Minderheiten nach den Volkszählungen in Polen 1921 und 1931*

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Nach der staatlichen Rekonstitution Polens aufgrund des Versailler Vertrags (1919) wurde 1921 eine erste Volkszählung durchgeführt, zehn Jahre später – im Dezember 1931 – eine weitere. Ein Vergleich der Ergebnisse ist problematisch, denn die Zählungen unterscheiden sich wesentlich in ihren Erhebungsmerkmalen:  während die erste in 1921 abstellte auf die Angabe der „Nationalität“, war bei der zweiten 1931 ein maßgebliches Merkmal die „Muttersprache“.  Der Leiter des Census-Büros, Raymund Bulawski, hielt diese Erhebungskategorie für treffgenauer, denn in manchen Regionen – speziell im Osten mit einer hohen Analphabetenrate -  sei ein Nationalbewusstsein kaum entwickelt. So hätten während des Census 1921 viele Befragte die Nationalität gleichgesetzt mit Staatsbürgerschaft und sich dementsprechend als „Polen“ bezeichnet, um ihre Loyalität zum Staat auszudrücken.

Die Erhebungsbögen 1931 wurden – neben einer rein polnischen Ausgabe - in mehreren Sprachvarianten gedruckt: u.a.  polnisch-ukrainisch für die Wojewodschaften Lemberg, Stanislawow, Tarnopol, Wolhynien, Polesien;  polnisch-deutsch für die Wojewodschaften Schlesien, Posen und Pommern. Das Ausfüllen der Bögen erfolgte jeweils durch die offiziellen Census-Beauftragten, die Befragten mussten mit ihrer Unterschrift die Richtigkeit der Eintragungen bestätigen. Gleichwohl räumt der Census-Leiter die Möglichkeit ein, dass in Einzelfällen die Erhebungsbeauftragten Eintragungen abweichend von den Angaben der Bürger/-innen vorgenommen haben.

Im gesamten Erhebungsgebiet gab es keine Wojewodschaft ohne ethnische Minorität. Nur 8 von 17 Wojewodschaften hatten mehr als 75 % polnische Bewohner, in 3 Wojewodschaften (Stanislawow, Wolhynien, Polesien)  überwogen sogar die nicht-polnischen Ethnien.

vergleichender Auszug aus den Census-Ergebnissen 1921 und 1931:

Gebiet

Bevölkerung gesamt

polnische Bevölkerung 1921

poln. Mutter-sprache 1931

Bevölkerung anderer als polnischer Nationalität 1921

Bevölkerung anderer als polnischer Muttersprache 1931

Anteil nicht-poln. Nationalität 1921

%

Anteil nicht-poln. Mutterspr. 1931

%

1921

1931

Polnische Republik ges.

incl. Soldaten in Kasernen

27.176.717

32.132.936

-

22.208.076

-

9.924.860

-

30,9

Wojewod-schaft Wolhynien

1.569.559

2.084.791

263.534

343.250

1.306.025

1.741.541

83,2

83,5

Distr.

Dubno

177.083

226.733

30.266

32.338

146.817

194.395

82,9

85,7

Distr.

Horóchów

91.631

122.195

16.896

21.118

74.735

101.077

81,6

82,7

Distr.

Kostopol

117.950

159.200

26.023

34.481

91.927

124.719

77,9

78,3

Distr.

Kowel

170.020

254.891

24.203

36.647

145.817

218.244

85,8

85,6

Distr. Krzemieniec

208.873

242.574

28.700

25.413

180.173

217.161

86,3

89,5

Distr.

Luboml

56.264

85.396

15.515

12.169

40.749

73.227

72,4

85,7

Distr.

Luck

210.123

290.862

38.808

56.247

171.315

234.615

81,5

80,7

Distr.

Równo

203.823

253.056

21.609

36.842

182.214

216.214

89,4

85,4

Distr. Sarny

131.990

181.098

22.926

29.804

109.064

151.294

82,6

83,5

Distr. Wlodzimierz

101.412

150.364

24.914

40.384

76.498

109.980

75,4

73,1

Distr. Zdolbudnów

100.390

118.422

13.674

17.807

86.716

100.615

86,4

85,0

Nach Wasilewski * waren 1921 die ethnischen Bevölkerungsgruppen wie folgt verteilt:

Polen                                                      18.783.326           69,0 %

Ukrainer / Ruthenen                             3.897.000            14,3 %

Juden                                                       2.102.000            7,7 %

Deutsche                                                1.100.000              4,0 %

Weiß-Ruthenen                                      1.035.000             3,9 %

Lithauer                                                     70.000             0,3 %

Diverse (Russen, Tschechen u.a.)            180.000              0,8 %

 

Die im Erhebungsvergleich (über den Zehnjahreszeitraum) relative Stabilität der Bevölkerungsanteile in Wolhynien gegenüber anderen Regionen wird erklärt mit einer geringeren Wiedereinbürgerungsrate nach 1921 und einem Zustrom von ethnischen Polen in die schnell wachsenden Städte (Kowel, Luck, Rown, Zdolbunow, Wlodzimierz). Die Unterschiede in der Bevölkerungsdichte  in den östlichen und westlichen Landesteilen Polens bleiben bemerkenswert: Polesien 30,8 Personen pro km2, Nowogródek 45,5;  Vilnius 44,0;  Wolhynien 58,3; demgegenüber Kielce 114,0; Lodz 138,3;  Krakau 131,6 und Schlesien 307,1.

Quellen:

* „The Polish and Non-Polish Populations of Poland – Results of the Population Census of 1931”, Hrsg.  Polnisches Institut zur Erforschung der Minderheitenfragen, Warschau,  Erstveröffentlichung  Juni 1931 in „Questions Minoritaires“, hier in eigner Übersetzung zitiert aus „Seeds of Conflict - Series 6 - Minorities in Poland“, Nendeln 1978

**Leon Wasilewski (1870 - 1936) “Les Minorités Nationales de la Pologne”, Warschau 1927

 

vgl. auch:  Friedrich Heidelck

„Der zahlenmäßige Stand des Deutschtums in Polen“

in:  „Deutscher Heimatbote in Polen“

Jahrbuch des Deutschtums in Polen,  bearbeitet von Paul Dobbermann

herausgegeben von der deutschen Vereinigung im Sejm und  Senat

Ausgabe 1930, Seite  127 - 129

http://www.wbc.poznan.pl/dlibra/docmetadata?id=183863&from=publication

 

Statistikübersichten zum Zeitraum 1910 - 1921 in: 

Ignace Weinfeld  „Annuaire de la Pologne“  (französisch)

Warschau / Lemberg  1922 

http://www.pbc.rzeszow.pl/dlibra/docmetadata?id=9763&from=&dirids=1&ver_id=&lp=179&QI=

 

Morgane Labbé  "La statistique d'une minorite sans nom"

in: Paul Bauer, Christian Jacques, Mathieu Plesiat, Mate Zombory. Minorites nationales en Europe centrale. Democratie, savoirs scienti ques et enjeux de representation,

Centre francais de recherche en science sociales (CEFRES), pp.131-153, 2011.

https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-00633099/document.