Gedenkbuch ev.-luth.

 

400 Jahre Reformation:  „Luthers Erbe in Rußland“

Ein Gedenkbuch.

herausgegeben 1918 von Theophil Meyer (1876 – 1934),

Oberkonsistorialrat an St. Petri-Pauli in Moskau

 

Inhaltsangabe:

Eine Vielzahl von Texten hat der Herausgeber in seinem kleinen Band zusammengetragen: angefangen von Festpredigten aus verschiedenen Regionen des damaligen russischen Reiches über historische Betrachtungen zur Zeit der Reformation Martin Luthers im 16. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Berichten über die Lage der evangelisch-lutherischen Gemeinden und der in die Verbannung getriebenen Deutschen in den Gouvernements als eine der bedrückenden Folgen des Ersten Weltkriegs. An einer Stelle hält er fest: „Überall dort, wo bei den Flüchtlingen regelmäßige Gottesdienste stattfinden, wurde dann auch das Reformationsfest gefeiert. - In der Heimat der Flüchtlinge, Wolhynien und den anliegenden Gebieten, dagegen blieben die um jene Zeit schon Zurückgekehrten ohne eine Festfeier. Alle ihre schönen großen Kirchen waren für sie unzugänglich, sei es weil halb zerstört, sei es weil von der griechisch-orthodoxen Geistlichkeit für die Ueberläufer aus Galizien in Anspruch genommen.“ 1)

Ausführlich berichtet Rudolf Deringer (1869 – 1964, damals Pastor in Novograd-Wolynsk) über die „Glaubensverfolgung in Wolhynien“ 2), das damals 9 Kirchspiele mit rund 180 000 Gläubigen umfasste. Demnach waren ca.  350 Bethäuser von deutschen Kolonisten und 10 Kirchen - mit Ausnahme von Shitomir - von Griechisch-Orthodoxen und z.T. von Uniaten in Gebrauch genommen. In einem Rückblick auf religions- und bildungspolitische Entscheidungen des Zarenhauses und benennt der Autor die Vollzugsanordnungen der General-Gouverneure Ignatjew und Trepow, der wolhynischen Gouverneure Jankowsky und Melnikow und der Erzbischöfe Antoni und Jewlogi als Beleg für eine gezielte Behinderung, wenn nicht gar beabsichtigte Vernichtung  der evangelisch-lutherischen Kirche und Schule in Russland.  Als Beispiel führt er an, dass in Wolhynien Neubauten von Kirchen und Bethäusern nur unter großen Schwierigkeiten möglich waren. „Die Erlaubnis zum Bau der Kirche in Shitomir wurde auf dem in Rußland üblichen und auch erfolgreichen Wege der Protektion von oben her erlangt. Ignatjew setzte es trotzdem durch, daß die Kirche ohne Turm errichtet wurde, mit der Motivierung, gegen den Bau eines Bethauses hätte er nie etwas einzuwenden gehabt.“  Die Pastoren wurden von der Geheimpolizei beobachtet und mussten peinlich darauf achten, jeden Anschein regierungsfeindlicher Äußerungen in ihren Predigten zu vermeiden. 

Deringer berichtet von einem Versuch des orthodoxen Erzbischofs Antoni, durch Verpflichtung eines aus Sachsen stammenden Deutschen, der als „Vater Seraphim“ durch die Kolonien zog, die Protestanten zum Übertritt zum orthodoxen Glauben zu bewegen. „Die Dorfschulzen wurden unter schwerer Strafandrohung gezwungen, diese Anzeigen zu verteilen.“  Die deutschen Kolonisten widerstanden allerdings den Konversionsversuchen und stärkten einander im Festhalten am überlieferten Glauben. Sie ließen nicht nach, Bethäuser und Kirchen zu bauen, wie beispielsweise zuletzt die 1907 eingeweihte Kirche in Luzk.

Der Aufsatz endet mit einer Beschreibung der Entwicklung bzw. Verschärfung  des so genannten Kolonistengesetzes. „Die Ausführung desselben übertraf noch den Inhalt des Gesetzes, indem trotz vorgesehener Ausnahmen radikal und grausam in wenigen Wochen das Land von Kolonisten reingefegt wurde.“ Weiter wird ausgeführt, dass durch amtliche Aufrufe, mit denen die Zwangsaussiedlung für „Deutsche, Kolonisten, Lutheraner“ angekündigt wurde, starker Hass geschürt und - mit Unterstützung durch die russische Kirche - unmissverständlich auch die Glaubensüberzeugung zum Hauptgrund für den Landesverweis gemacht werde. Um Widerstand der deutschen Kolonisten gegen die Zwangsverschickung zu verhindern, wurden Pastoren und Küster vorübergehend "als Geiseln" in Haft genommen.

1)  Seite 67

2) Seite 119 – 120; der gesamte Text kann aus urheberrechtlichen Gründen hier  nicht im vollen Wortlaut angegeben werden


 

Einen Überblick zur Geschichte der evanglisch-lutherischen Kirche in Russland beinhaltet das

Flugblatt der Unterstützungskasse für ev.-luth. Gemeinden in Rußland

verfaßt im Auftrage des Zentralkomitees

vom Geschäftsführer d. Moskauischen Bezirkskomitees

Pastor Theophil Meyer*

Text zum Download  (pdf 87 KB)

 

Als jene geschichtlichen Hammerschläge ertönten, mit denen Martin Luther am 18./31. Oktober 1517 seine 95 Thesen mit dem gewaltigen Bußruf an der Spitze an die Schloßkirche zu Wittenberg heftete, da ahnte er selbst noch nicht, mit wie gewaltiger Wucht sie an die Gewissen der gesamten Christenheit pochen, wie sie die harten Herzen und die alten Formen zerbrechen und dem Evangelium Raum schaffen sollten zur Neugestaltung der Christenheit.

Gewaltige Hammerschläge hat Luther damals mit seinem Volk und seiner Christenheit erfahren. Vierhundert Jahre sind seitdem verflossen: klingen die Hammerschläge von Wittenberg noch heute, auch bei uns nach?

Die Schläge der gewaltigen Hand Gottes fühlen wir bis in unser innerstes Leben hinein, wie wenige Geschlechter und Zeiten der Weltgeschichte. Daß es uns nicht vernichtende Schläge des Gerichtes, sondern das Gewissen weckende Schläge der Erneuerung werden sollen, dazu will uns unser reformatorisches Glaubensbekenntnis helfen,  - dazu feiern wir den 400-jährigen Geburtstag jener bahnbrechenden Reformationstat Luthers, und die Hammerschläge Gottes aus jenen Tagen sollen tief erschütternd in unsere Tage hinüber klingen, daß wir mit dem Ernst seines Bußrufes zugleich die Köstlichkeit seiner Glaubenserneuerung in unseren Herzen spüren. Wenn wir das Geburtsfest der Reformation in diesem Sinne mit der gesamten evangelischen Christenheit feiern, so hat es für uns Lutheraner in Rußland ein besonderes Interesse, uns den Werdegang unserer engeren Gemeinschaft innerhalb der Grenzen des russischen Reiches zu vergegenwärtigen.

Über die ersten Berührungen Rußlands mit der Reformation wissen wir wenig. Ausländische Kaufleute, so heißt es, trugen schon früh die Kunde vom Auftreten des deutschen Reformators in’s russische Volk; wohin sie drang, mochte seine Riesengestalt die Phantasie des Volkes beschäftigten. Sicher Nachricht setzt erst ein, als Iwan der Schreckliche den Thron der Großfürsten von Moskau bestiegen hatte. Zu den Widersprüchen, die sich in dieser unheimlichen Rätselnatur einen, gehörte auch – neben jener furchtbaren Härte und Grausamkeit, der er seinen Beinamen verdankte – sein religiöses Interesse und die Neigung, es in persönlichem Meinungsstreite zu bestätigen. Es führte ihn zu völliger Ablehnung Luthers und seiner Lehre, als diese ihm unmittelbar nahe gebracht wurde. Dies geschah zuerst, als der Zar den König Christian III. von Dänemark um tüchtiger Handwerker, besonders aber Buchdrucker gebeten hatte. Der fromme König benutzte die Gelegenheit, dem Zaren die Bibel, die augsburgische Konfession und Luthers kleinen Katechismus in slavonischer Übersetzung (Krainer Mundart) zu übersenden. Das lateinisch abgefaßte Begleitschreiben legt ein schönes Zeugnis für die Bekenntnistreue des Königs ab:

„Seit Beginn unserer Herrschaft, die wir durch Gottes Gnade über diese unsere Königrieche angetreten…, hat uns neben Wahrung der öffentlichen Ruhe und des Friedens … nichts so sehr am Herzen Gelegen, als daß wir die Ausbreitung des Ruhmes und des Wortes Jesu Christi in den Kirchen unserer Gebiete nach Kräften förderten. Wir tragen nämlich in uns die feste Überzeugung, daß nachdem Christus Jesus… die papistische Finsternis  … bereits verscheucht hat, er gemäß seiner unaussprechlichen Liebe gegen uns elende Sterbliche aufs Neue uns kund und offenbar werden will … daher wir … dasselbe auch bei euch geliebter Bruder, zu erstreben gewagt habe, deshalb senden wir zu euch einen uns aufrichtig werten Diener mit einer Bibel und zwei anderen Büchern, welche den Inbegriff unseres christlichen Glaubens enthalten. Zwar haben wir solches in der Absicht getan, daß derselbe unser Diener den Druck dieser Schriften nach geschehener Übersetzung in eure Sprache in viel Tausend Exemplaren besorge, damit etwa auf solche Weise in wenigen Jahren eure Gemeinden … vornehmlich beraten und versorgt werden könnten...“

Den so übermittelten Schriften folgten bald Glieder der jugendlichen evangelischen Kirche. Gerade damals fing man an, Ärzte, Künstler und Handwerker aus dem Westen zu berufen. Die meisten, die kamen, gehörten dem „neuen Glauben“ an. Ganze Scharen evangelischer Einwanderer aber kamen unfreiwillig nach einem für Livland unglücklichen Kriege nach Rußland. Die von den Siegern gefangen genommenen Einwohner – Zehntausende an Zahl – wurden in verschiedene Städte verwiesen, nachWladimir, Nishnij-Nowgorod, Kostroma, Uglitsch, nicht wenige auch nach Moskau. Zwei lutherische Pastoren, Brackel und Wettermann, teilten das Los ihrer unglücklichen Gemeindeglieder. Sie haben den Zerstreuten getreulich das Evangelium gepredigt und die Sakramente dargereicht.

Pastor Wettermann, mit dem der Zar sich häufig über Glaubenssachen unterredete, mußte schließlich doch eine ablehnende Stellung des Zaren erleben. Ebenso erfolglos verlief eine Unterredung über Luther und seine Lehre, die der Zar mit dem nach Moskau gekommenen Johannes Rokyta, einem Ältesten der böhmischen Brüdergemeinde, hatte. Auf 10 an ihn gestellte Fragen gab der evangelische Prediger bündige Antwort; einige Tage später empfing er eine vom Zaren selbst verfaßte Gegenschrift in kostbares, mit Perlen besetztes Goldgewebe gebunden. Da kommen u.a. folgende Stellen vor: „Mein erstes Wort betreffe Luther, euren Lehrer. Er war, wie schon sein Name sagt, ein grimmiger, greulicher (лютый) Mensch. Was Luther gewesen, da seid ihr alle, Kiinder der Finsternis, Satansdiener, falsche Propheten, Diebe und Mietlinge.“ Die Schrift des Zaren schließt mit den Worten: „So verbieten wir denn, diese Lehre in unserem Reiche kund zu tun. Gott aber bitten wir dringend, daß er unseren Stamm also bewahre, daß er nicht von der Finsternis eures Unglaubens umhüllt werde.“

Damit war der Ausbreitung der evangelischen Lehre ein Riegel vorgeschoben, den erst die jetzige Neuordnung Rußlands zu lösen berufen ist. Iwans Verbot hat bis in unsere Tage gegolten; fast vierhundert Jahre ist der evangelische Glaube für das russische Volk ein verbotener gewesen.

So gab es denn seit den Tagen der Reformation wohl evangelische Christen im Innern des Reiches, aber sie lebten hier in der Zerstreuung. In Moskau und anderen Städten wurde ihnen gestattet, Gotteshäuser zu errichten und ihrem Glauben nach zu leben, aber als Geduldete standen sie der Willkür der Machthaber rechtlos gegenüber. Jede Kirche blieb für sicht; von einem Zusammenschluß der Gemeinden konnte nicht die Rede sein. Wechselnd, wie der Zufall es fügte, war daher ihr Geschick während der zwei Jahrhunderte; zu irgend einer Bedeutung hat es in dieser Zeit keine von ihnen gebracht. Gemeinden in der Zerstreuung.  

Als Peter der Große  1689 Alleinherrscher von Rußland wurde, hub für sein Volk und Land eine neue Zeit an. Auch die Evangelischen hatten Ursache, diesen Umschwung zu segnen. Das Interesse, das der große Neuerer den in seinen Dienst gezogenen Ausländern und ihren Familien bewies, und das ihn bei mancher Gelegenheit in ihre Kirchen führte, hob ihr Ansehen in der Bevölkerung. Aber auch in das damals recht zerfahrene Kirchenwesen seiner lutherischen Untertanen greift der kaiser ein, indem er den Pastor Berthold Vagetius zu Moskau zum Superintendenten aller lutherischen Kirchen Rußlands ernannte. Er folgte dabei zumeist dem Rate des Vizeadmirals Cruys, eines geborenen Holländers und treu evangelisch gesinnten Mannes, dessen Andenken die Petersburger Evangelischen hoch und wert gehalten haben.

Der Amtsbezirk des neuen Superintendenten umfaßte, da die Ostseeprovinzen dem Reich noch nicht angehörten, nach seiner eigenen Angabe zehn Gemeinden: „Zwei in der deutschen Sloboda vor Moskau, zu St. Petersburg, in Archangel, in Astrachan, auf den unweit Moskau belegenen Eisenwerken, in Pawloffsky, auf den Olonetzkischen Eisenwerken und auch anderswo“ (wahrscheinlich Kronstadt). – Vagetius nahm es mit seiner Aufgabe ernst. Besondere Aufmerksamkeit wandte er dem Schulwesen zu, ganz im Sinne Luthers:

Die Schule muß das Nächste sein bei der Kirche.

Nach Schätzung eines Reisenden betrug damals die Zahl der in Rußland zerstreut lebenden Evangelischen 18.000. Diese Zahl wuchs unter Peter dem Großen ganz bedeutend. Er öffnete die Grenzpforten seines Reiches weit und bot den Scharen, die seinem Laderuf folgten, um die fruchtbaren, aber menschenleeren Steppen zu besiedeln, gastfreundliche Aufnahme. Dazu kamen wieder die vielen Kriegsgefangenen, Schweden und Deutsche aus den Ostseeprovinzen, die bis tief hinein nach Sibirien verwiesen wurden. Vom fernen Tobolsk trafen ergreifende Briefe dieser Glaubensgenossen in Moskau ein mit der Bitte um Hilfe in der leiblichen und geistlichen Not. Als der erste Superintendent starb, erhielt er keinen Nachfolger. Der Schwerpunkt der lutherischen Kirche lag nicht mehr in Moskau und auch nicht in der neuen Residenz. Nach langem Ringen waren Livland und Estland dem russischen Reiche einverleibt worden, rein lutherische Provinzen, welche die Zahl der bis dahin unter russischem Zepter lebenden Lutheraner fast auf das Hundertfache vermehrten. In den

Ostseeprovinzen

hatte die Reformation schon an ihrem Frühmorgen verheißungsvollen Einzug gehalten. Sie fand eine Bevölkerung vor, die seit mehreren Jahrhunderten äußerlich bekehrt, unter einem gar dünnen Ueberzug christlicher Formen heidnisches Wesen bewahrt hatte. Letten und Esten sind eigentlich erst jetzt, da ihnen das reine Evangelium verkündet wurde, dem Christentum gewonnen worden.

Unter den baltischen Städten waren damals tonangebend Riga und Reval. Auch in diesen weit vorgeschobenen Posten deutschen Lebens fanden die Hammerschläge von Wittenberg lauten Widerhall, in den Bürger- und Handwerkerstuben gingen die Flugblätter des kühnen Mönchs von Hand zu Hand. Den Schriften folgten beredte Sendboten, Andreas Knopken und Sylvester Tegetmeyer als erste. Rash und entschieden schloß sich Riga und in den anderen Städten die ganze Bürgerschaft der reformatorischen Bewegung an, das gleiche tat die Ritterschaft. Luthers Sendschreiben „an alle Christen zu Riga, Reval und Dorpat“ bezeugen, mit wie jubelnder Freude er diesen wundergleichen Aufgang und Fortschritt des Evangeliums am Ostseestrande begrüßte und verfolgte.

Bald genug sollte das Baltenland die durch das Evangelium gewonnene Kraft bewähren. Ueber 1 ½ Jahrhunderte hindurch haben die Polen, Schweden und Russen um seinen Besitz gerungen und namenloses Elend über die Bevölkerung gebracht.

Unter der polnischen Herrschaft versuchten trotz der von König Sigismund August zugesagten Glaubensfreiheit die Jesuiten ihre heimtückische Kunst der Glaubensvergewaltigung an Livland. Sie erzielten das Gegenteil, eine wesentliche Erstarkung des evangelischen Bewußtseins. Seit jenen Tagen gilt im Lande, daß wer ihm seine Kirche antastet, der sein Herz nimmer gewinnt.

Die polnische Herrschaft wurde durch die schwedische abgelöst: 1621 zog Gustav Adolf in das erstürmte Riga ein, er, der in jenen drangvollen Zeiten des 30jährigen Krieges als Schutzherr des evangelischen Glaubens gefeiert wurde. Er zögerte nicht, der Pflege der evangelischen Kirche im Lande seine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. In Hermann Samson  erhielt Livland einen tüchtigen Superintendenten. Kirchen wurden gebaut und wiederhergestellt. Gemeinden gesammelt, Synoden abgehalten, Schulen gegründet, Lehrbücher, Predigtsammlungen, Gesangbücher herausgegeben. Fünf Prediger fand Samson in Livland – außer Riga – vor, mehr als siebenzig hat er ordiniert. – In der späteren Schwedenzeit wirkte der Generalsuperintendent Johannes Fischer bahnbrechend für die Volksbildung: über 80 Schulen für die nichtdeutsche Bevölkerung wurden unter ihm bei den Landkirchen eröffnet. Seine Großtat ist aber die Uebersetzung der Bibel ins Lettische: unter seiner Leitung besorgte Probst Ernst Glück in Marienburg mit anderen die lettische Bibel. Auch die estnische Uebersetzung wurde damals begonnen.

Aber gerade in dieser Zeit stand das so oft und hart geprüfte Ländchen wieder vor einem bedeutungsvollen Wendepunkt seiner Geschichte. Am 4. Juli 1710 ergab sich Riga Peter dem Großen, der ganz Livland und Estland in Besitz nahm; im Rystädter Frieden (1721) fielen sie Rußland endgültig zu. Wieder wie vor hundertfünfzig Jahren, als die livländische Ritterschaft mit dem Polenkönig kapitulierte, bildete Schutz und Bewahrung des evangelischen Glaubens die Hauptsorge. Peter sicherte beides für sich und seine Nachfolger zu. Fügen wir gleich hier an, daß am Schluß der Regierung Katharina’s II. (1795) auch das gleichfalls ganz evangelische Kurland an Rußland kam. Die in diesem Zusammenhang bedeutsamste Tat der Kaiserin aber war die Besiedelung der menschenleeren Steppen Ost- und Südrußlands mit

deutschen Kolonisten,

denen neben anderen Privilegien freie Religionsausübung für alle Zeiten zugesichert wurde. – Waren auf Peters des Großen Ruf Tausende gekommen, die sich bei Petersburg und an der Mündung der Wolga bei Astrachan niederließen, jetzt kamen Zehntausende und wieder allermeist Evangelische; allein auf der Berg- und Wiesenseite der Wolga siedelten sich 25.000 deutsche Kolonisten an. Sie und ihre mit der Zeit zu Hunderttausenden angewachsenen Nachkommen wurden treue Kinder ihres neuen Heimatlandes. als unveräußerliches, kostbares Gut hielten sie allezeit neben der Muttersprache ihr lutherisches Bekenntnis fest.

Ebenso haben es dann die gehalten, die sich unter Kaiser Alexander I. auf dem fruchtbaren Steppenboden Südrußlands und in den Tälern des Kaukasus niederließen, während deutsche Handwerker und Gewerbetreibende den neuen Handelshafen am Schwarzen Meer, Odessa, gründeten und zu rascher Blüte bringen halfen. – Wenig und ärmlich war bei den meisten Ankömmlingen die Habe, die sie mitbrachten, aber kein Hausvater, sofern er der lutherischen Kirche angehörte, kam ohne das Bibelbuch und Luthers Katechismus. Durch Fleiß und Rechtschaffenheit haben sie es in ihrer neuen Heimat zu Wohlstand gebracht, Kirchen und Schulen gebaut und gepflegt. Die lutherische Kirche Rußlands aber verdankt ihnen einen Zuwachs von größtem Wert.

In die Regierungszeit Alexanders I. fallen zwei für die lutherische Kirche wichtige Ereignisse. Zuerst die Gründung der Universität Dorpat mit ihrer evangelischen theologischen Fakultät. Bis dahin hatte man evangelische Prediger aus dem Auslande berufen oder die Landeskinder hatten ihre Ausbildung zum geistlichen Amt an ausländischen Hochschulen suchen müssen; jetzt aber übernahm Dorpat diese Aufgabe. Im Lauf von 100 Jahren haben gegen 1600 Theologen ihr Studium in Dorpat abgeschlossen.

Unter dem Widerschein des brennenden Moskau 1812 bestätigte Kaiser Alexander I. die Bibelgesellschaft in Rußland, deren Gründung eines der Anzeichen jener Glaubenserneuerung ist, die sich in den folgenden Jahren wie ein Morgentau auf die starr gewordene christliche Kirche niedersenkte. ausgegangen aus den verborgenen Tiefen der evangelischen Kirche, von den „Stillen im Lande“, war ein Hauch dieser Erfrischung nach Rußland gekommen und hatte hier die Angehörigen verschiedener Kirchen ergriffen und unter einander geeint. In Petersburg lauschte alle Welt den Predigten Goßners, eines römischen Priesters noch dem Äußeren nach, durch und durch aber schon eines gottgesegneten Predigers des Evangeliums. Ein anderer früherer katholischer Geistlicher, Ignaz Lindel, wurde unter den frommen Kolonisten Bessarabiens ein Zeuge evangelischer Wahrheit. Etliche Jahre später veranlaßte Prediger Wüst in Südrußland eine tiefgehende religiöse Bewegung.

Die Regierung Kaiser Nikolaus I.  brachte 1832 das Gesetz für die evang.-luth. Kirche Rußlands, das zum ersten Mal alle Gemeinden des Reiches – mit Ausnahme Polens und Finnlands  zu einem großen Organismus zusammenschloß, ihre Rechtslage und Verwaltung regelte und dadurch naturgemäß einen nicht geringen Zuwachs an Aufgaben, Lebensinteressen und Kraft bedeutete; es ist noch heute giltig.  Die oberste kirchliche Behörde ist seitdem das dem Ministerium des Inneren unterstellte Generalkonsistorium, ihm unterstehen 5 Konsistorien: Petrograd, Moskau, Livland, Estland, Kurland.

Seit jener Zeit hat die evang.-luth. Kirche Rußlands sich bedeutend ausgebreitet, teils durch natürlichen Zuwachs, teils durch die Ausdehnung der Kolonisation auf Wolhynien und Podolien und die Übersiedlung vieler Kolonistenfamilien nach Sibirien. – Die durch die politischen Bekehrungsversuche unter der baltischen Landbevölkerung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verursachten Übertritte aus der lutherischen zur griechisch-orthodoxen Kirche fielen demgegenüber nicht ins Gewicht. Viele Ausgeschiedene bedauerten sehr bald den Schritt und versuchten ihn rückgängig zu machen.

Man schätzt die Zahl der Angehörigen der evang.-luth. Kirche Rußlands auf über vier Millionen. In 545 Kirchspielen sind 560 Pastoren tätig. Die evang.-luth. Gemeinden besitzen 770 Kirchen und eine sehr große Anzahl von Bethäusern.

Zu der äußeren Organisation durch das Kirchengesetz kam unter Kaiser Alexander II. als starkes inneres Einigungsband die 1859 gegründete

Unterstützungskasse für die evang.-lutherischen Gemeinden in Rußland,

durch die alle über den fünften Teil der Erde verstreuten Glaubensgenossen in gemeinsamer Liebestätigkeit zusammengefaßt werden, um kirchlicher Not zu steuern. Bischof Karl Christian Ulmann, hoch verdient schon als Pastor, Professor, Schriftsteller, Vizepräsident des Generalkonsistoriums, war es, der durch die Gründung der Unterstützungskasse sich in der lutherischen Kirche Rußlands einen Ehrenplatz gesichert hat. Die Kasse hat in 50 Jahren an freien Liebesgaben 3 Millionen Rubel aufgebracht, damit 206 Kirchen, 318 Schulen und Bethäuser, 100 Pastorate bauen oder bessern geholfen; zweihundert Pfarrern und 500 Schulen hat sie unterstützt, 100 Pastoren und 350 Küsterlehrer ausbilden lassen. – Was der Verein der Unterstützungskasse für unsere Kirche bedeutet, kam in erhebender Weise bei ihrem 50-jährigen Jubiläum (1909) zum Ausdruck, von dessen einzigartiger Feier wohl jeder der zahlreichen Festteilnehmer von nah und fern unvergeßliche Eindrücke davontrug. Generalsuperintendent Guido Pingoud, der Mann, der nächst Ulmann sich die größten Verdienste um die Unterstützungskasse erworben hat, sprach allen aus der Seele, als er von diesem Jubiläum sagte: „Es ist ein Stück Sonnenschein in unserer kirchlichen Not und Armut gewesen, so daß wir fröhlich sein durften.“

In der Tat ist dieser Verein schon so innig mit unserem kirchlichen Leben verwachsen, daß er nicht fehlen kann, wenn immer unsere Kirche sich zu einem Fest schmückt. Als im J. 1883 die lutherischen Christen der ganzen Welt den 400-jährigen Gedenktag der Geburt Luthers feierten, wurde zu dauernder Nachwirkung dieses Tages im ganzen Reich eine Sammlung veranstaltet, deren Ertrag als Lutherstiftung den unantastbaren Kapitalien der Unterstützungskasse zugefügt wurde.  In ähnlicher Weise gedachte der Vorstand der Unterstützungskasse das 400-jährige Jubiläum der Reformation zu verherrlichen. Die obrigkeitliche Erlaubnis zu einer Reichskollekte war eingeholt und ihre Organisation vorbereitet. Da kam der Krieg und machte die Arbeit an dem Friedenswerk ein Ende. – Soll dieses Werk darum ungetan bleiben? Wir vertrauen, daß die einzelnen Gemeinden es selbst aufnehmen, daß ihre Pastoren und Kirchenvorstände auch ohne Anregung und Leitung von oben alles tun werden, um den Jubeltag der Reformation auch nach dieser Seite fruchtbar zu machen und der Unterstützungskasse eine Jubiläumsgabe zuzuführen. Denn darf uns die schwere Zeit unser Reformationsjubiläum nehmen? Nein! wir gedenken der beiden letzten Thesen Luthers (These 94): Man soll die Christen ermahnen, daß sie ihrem Haupte Christo durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen sich befleißigen. (These 95): Und also mehr durch viel Trübsal ins Himmelreich eingehen, denn daß sie durch Vertröstung des Friedens sicher werden.

In diesem Sinne begangen, wird uns unser Reformationsfest auch in drangvoller Zeit in Segen werden.

Wieviel Trübsal und Schmerzen hat der Weltkrieg besonders über die lutherische Kirche Rußlands gebracht! Über 100 treue Diener der Kirche wurden auf unbewiesene Anklagen hin von ihrem Amt entfernt, etliche nach Sibirien verbannt, etliche ins Gefängnis geworfen. auch hier hat wieder die Unterstützungskasse helfen müssen. In namensloses Elend aber hat der Krieg diejenigen, nach Hunderttausenden zählenden Glaubensgenossen gebracht, die aus Polen, Kurland und anderen Gebieten zu fliehen gezwungen wurden! Wohl am härtesten wurden die 200.000 Kolonisten Wolhyniens betroffen, die Verbrechern gleich von Haus und Hof gejagt wurden.

Wie wehmütig werden alle diese über ganz Rußland verstreuten Deutschen und Letten am Reformationsfest der Heimat und ihrer Kirche gedenken! Und doch – Eins haben sie aus Feuersbrunst und Kugelregen gerettet: den teuren evangelischen Glauben!

Doch auch neue große Aufgaben treten an uns lutherische Christen Rußlands heran, an die wir uns am Reformationsfest erinnern müssen. Sie quellen aus der großen Staatsumwälzung in unserem Lande. Durch sie wird unsere Kirche frei von staatlicher Bevormundung, aber auch frei von solchen Schranken, die sie stützten. Aus innerer Kraft, ohne äußere Hilfe, wird unser Kirchenwesen sich zu erhalten haben. Daraus fließen  neue Pflichten für uns alle, die wir erfüllen müssen, wenn unsere Kirche im Sturm der Zeiten feststehen soll. Es muß uns immer mehr zum Bewußtsein kommen, was Luther in seiner 52. These sagt:

Der rechte, wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. – Die Geschichte der Reformation, wie die der lutherischen Kirche Rußlands zeigt an mancher Stelle, wie gerade schwere Heimsuchungen eine Erneuerung und Vertiefung des Glaubenslebens und eine Stärkung des evangelischen Bewußtseins bewirkt haben. So helfe Gott dazu, daß auch die Hammerschläge, die wir jetzt fühlen, unsere Herzen fest machen im Glauben und Vertrauen, sie aber auch zusammenschweißen zu wahrer brüderlicher Liebe, die uns, was uns trennen will, zurückstellen lehrt hinter das, was uns eint. darum wird am Reformationsfest durch unsere Kirchen wie nur je zuvor der Siegesruf  Luthers brausen: Ein feste Burg ist unser Gott.

 

* Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG; Rechtschreibung und Hervorhebungen aus dem Original übernommen;

    Irrtum der Abschrift vorbehalten


zum Weiterlesen:

Theodor Jungblut 

„Die Gründung der ev.luth. Kirchen in Russland nebst einer Geschichte der Kirchen dieser Confessionen         in St. Petersburg“,   St. Petersburg 1855  

pdf - 94 MB  http://dspace.utlib.ee/dspace/bitstream/handle/10062/16822/jungblut_kirchen.pdf?sequence=1

 

P. v. Colongue (Hrsg. / Übersetzer)

"Gesetz für die evangelisch-lutherische Kirche in Rußland.

Artikel 252 - 898  des ersten Theils des ersten Bandes des Reichs-Gesetzbuches, Ausgabe vom Jahr 1896"

Riga, 1898

https://archive.org/stream/gesetzfrdieevan00cologoog#page/n5/mode/2up

 

R. von Freymann (Hrsg.)

"Gesetz für die evangelisch-lutherische Kirche in Rußland  - mit Erläuterungen"

Reval, 1901

https://archive.org/stream/gesetzfrdieevan00freygoog#page/n7/mode/2up