Kriegserzählungen

Zwei wolhynische Erzählungen*

I.

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Es war im Herbst 1917 in einem russischen Schützengraben. Vom Kriege merkte man darin nur noch wenig. Ein Teil der Besatzung trieb sich im nahen Walde umher. Im Graben hockten nur zwei kleine Gruppen, die eine beim Kartenspiel, die andere um einen dampfenden Samowar. Etwas abseits stand ein Posten, der unbeweglich nach der deutschen Stellung hinüberstarrte. Er schien das einzige Überbleibsel kriegerischer Ordnung in dieser Gesellschaft zu sein. Uniform und Stiefel sahen ordentlich aus, ganz anders als bei den übrigen Soldaten. Er lauschte nach dem deutschen Graben hinüber, als wenn er einer Andacht beiwohnte. Drüben spielte nämlich schon seit zwei Tagen, sobald die Abenddämmerung kam, eine Ziehharmonika. Gestern hatte er deutlich zwei wesen herausgehört, die ihm aus seiner wolhynischen Heimat her vertraut waren. Und nun wartete er heute schon ungeduldig darauf, daß es drüben wieder losginge.

Seit eineinhalb Jahren hatte Johann  Manthey, so hieß der Posten, kein deutsches Wort mehr gehört. Nach den ersten großen Mißerfolgen der russischen Armee befahl die Heeresleitung, alle Deutschen an die Kaukasusfront abzuschieben. Ihn selbst, „Iwan Pawlowitsch“ Manthey, ließ man deswegen da, weil er gerade 1914 in einem lettischen Regiment diente und ihn die Vorgesetzten für einen Letten hielten. Seine Eltern waren 1907 ins Baltikum ausgewandert, aber einige Monate vor Ausbruch des Krieges nach Wolhynien zurückgekehrt. Kein Mensch merkte seiner Sprache an, daß er ein Deutscher war.

Wie oft hatte er in diesen Jahren des Schreckens an den Ausspruch seines Großvaters denken müssen: „ Hier unter fremdem Volk ist man doch immer nur wie bei einer Stiefmutter; unsere richtige Mutter war und bleibt Deutschland.“

Und nun mußte er schon drei Jahre lang das Gewehr gegen diese Mutter richten. Wenn er doch wenigstens einmal hätte herausschreien können, was ihn immer wieder quälte! Ausrücken? Das erlaubte sein Pflichtgefühl und die Sorge um seine Angehörigen nicht. Was würde die Polizei mit ihnen machen, wenn es später herauskäme, daß er zu den Feinden des russischen Reiches übergelaufen war? Mit gemischten Gefühlen hatte er in den letzten Jahren neben sich im Graben die Jubelrufe seiner Kameraden gehört, wenn es ihnen gelungen war, einen Deutschen umzulegen. Was ihn dann wieder aufrichtete, war das Bewußtsein, daß die Russen vor der Tapferkeit der deutschen Soldaten alle Achtung hatten. Manthey besaß außerdem ein festes Gottvertrauen. In den vergangenen Jahren hatte er den Herrgott oft um Gnade angefleht, er möge ihn nicht durch eine deutsche Kugel umkommen lassen. Wie durch ein Wunder war er immer aus dem schlimmsten Trommelfeuer unversehrt davongekommen. Und jetzt nach der Revolution mußte ja nach wenigen Wochen Frieden mit Deutschland geschlossen werden! Der Posten grübelte gerade noch darüber nach, was er nach dem Kriege anzufangen gedachte, da begannen sie im deutschen Schützengraben wieder zu spielen und zu singen. Er spitzte die Ohren, um möglichst viel zu hören. Was gäbe er doch dafür, wenn er die da drüben jetzt besuchen könnte. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er kannte das Gelände zwischen den beiden Stellungen ganz genau. Was könnte ihm schon passieren, wenn er bis zum deutschen Stacheldraht kröche und unauffällig zuhörte!

Kaum war er abgelöst, verschwand er unbemerkt aus dem Graben. Er schlängelte sich, von der Dämmerung geschützt, auf allen vieren vorwärts. Zweihundert Meter ging’s gut. Dann kam ein sumpfiger Wiesenstreifen. Aber er achtete nicht darauf, daß Knie und Ellenbogen naß wurden, daß ihm das kalte Wasser auch an Brust und Bauch entlanglief. So oft er still lag, nach vorne lugte und sein Gehör anstrengte, hörte er die deutschen Lieder deutlicher. Als er endlich wieder auf trockenem Sandboden kroch und beim Stacheldraht anlangte, rann ihm der Schweiß übers Gesicht, und das Herz klopfte zum Zerspringen. Ganz deutlich verstand er jetzt jedes Wort, das die Deutschen im Unterstand sprachen. Sie sangen ein Lied nach dem andern, und die Ziehharmonika spielte dazu.

Im Innern des Horchers wuchsen Ehrfurcht und Heiligkeit, wie früher, wenn er als Junge in der Kirche in Rozyszcze das Spiel der Orgel und den Gesang der Gemeinde anhörte.

Als der nicht weit von ihm stehende Posten sich etwas von ihm entfernte, kroch er schnell zurück und schlich im Schutze der Dunkelheit in seine Stellung zurück. Dort war seine Abwesenheit überhaupt nicht bemerkt worden.

Am nächsten Abend wiederholte er den Schleichgang. Genau so am dritten Tage. Er lag schon eine Stunde am deutschen Stacheldrahtverhau. Seine Glieder waren steif von Nässe und Kälte, aber er mußte sich der feuchten Erde anschmiegen, um nicht bemerkt zu werden. Seit einer Weile fiel leichter Regen. Da stimmten die Soldaten ein Lied an: „O Straßburg!“ Das hatte der alte Kantor Jedan mit ihnen in der wolhynischen Schule gesungen. Jetzt war es mit seiner Selbstbeherrschung vorbei. Alle Vorsicht außer acht lassend, richtete er sich auf. Plötzlich rief vom Graben her jemand:  „Halt, wer da!“  

Er sah wenige Schritte entfernt eine Gestalt, die sich undeutlich gegen den Abendhimmel abzeichnete. Im selben Augenblick rannte er auch schon wie von Sinnen davon. Einige Schritte …. da platzte hinter ihm eine Handgranate. Dreck und Splitter flogen um ihn herum, aber er kam heil davon. Als eine Leuchtrakete aufstieg, lag er schon in seiner Deckung, die ihn unsichtbar machte. In der russischen Stellung war es auch lebendig geworden. Manthey kroch daher um die rechte Flanke herum und kehrte von hinten in den Graben zurück. Er mußte sich zwingen, um sine Aufregung zu verbergen, als seine russischen Kameraden ihn etwas fragten. Zwei Tage lang sang drüben niemand, dann fingen sie wieder an. Der Deutsche im russischen Graben spitzte weiter die Ohren, ging jedoch nicht mehr herüber. Die Handgranate vergaß er schnell, aber die Lieder tönten ihm noch oft in den Ohren. Er hat sie auch heute noch nicht vergessen. (…)

II.

Auf dem Bahnhof in Kustanai im Osten Rußlands drängte sich das Volk. Die Kerenski-Offensive, so lauteten die amtlichen Berichte, sollte einen entscheidenden Sieg über die Deutschen gebracht haben. Nun wartete alles auf den großen Kriegsgefangenentransport, der hier durchkommen sollte. Zwar hatten einige Agitatoren heimlich erzählt, das sei alles Schwindel. Es kämen alte Kriegsgefangene durch, die man monatelang immer wieder durch Rußland jagte, um Siege vorzutäuschen. Aber dem Volke raubten diese Gerüchte nicht die Geduld, mit der es schon einige Stunden der Ankunft der „Germanzy“ entgegensah.

Unter den Wartenden befand sich auch der „weiße Schulz“ aus der wolhynischen Styrkolonie Altrokin, der hier seit 1915 als Verbannter lebte. Er hatte damals schon seine sechzig Jahre auf dem Buckel, gehörte aber zu den wenigen, die selbst in diesen schlimmen Zeiten den Kopf oben behielten. Sein Mutterwitz war so unübertrefflich, daß die Russen ihm nachsagten, er könne sogar einen Floh mit Hufeisen beschlagen. Zwar hing am Bahnhof ein Schild: „Es ist streng verboten, mit den Kriegsgefangenen zu sprechen“, aber versuchen wollte er es trotzdem. Er hatte von den deutschen Soldaten schon viel gehört und gelesen, aber noch niemals einen gesehen. So stieg denn seine Erwartung aufs höchste …..  Endlich sperrte eine Postenkette den Bahnsteig ab, denn der Zug lief ein.

Zwischen den Zuschauern und dem Transport lagen nur zwei Geleise. Schulz konnte also die angespannten Gesichter der Gefangenen, die in den kleinen Fenstern der Viehwagen erschienen, genau beobachten. Nach einer Weile öffneten die russischen Begleitmannschaften die Türen der Waggons und ließen die Gefangenen aussteigen. Die taumelten wie Betrunkene, reckten die steifgewordenen Beine und Arme und eilten dann mit Tellern und Kochgeschirren zu den bereitgestellten Suppenkesseln.

Indessen äugte der Alte wie ein Luchs umher, ob er nicht doch auf irgendeine Weise zu den Gefangenen hinüber könnte. Er wandte sich schließlich an einen der Bahnhofsposten, ob er nicht den armen hungrigen Teufeln ein Stück Wurst hintragen dürfe. Aber er erhielt einen Anschnauzer und einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Die ersten Gefangenen gingen schon wieder hinein in den Zug.

Der Wolhynier aber hatte im Leben zu viele Schwierigkeiten überwunden, als daß ihm jetzt das Herz in die Hosen gerutscht wäre.

Er ging einige Schritte abseits und fing, als ob ihn die ganze Welt nichts anginge, laut an zu pfeifen. Erst „Still ruht der See“, dann „Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n“. Eins von den Liedern werden sie sicher kennen, dachte er sich. Niemand fiel es ein, den Alten zu stören. Der aber stellte bald fest, daß eine Gruppe der Gefangenen zu ihm herübersah, daß ihre Gesichter strahlten, daß sie hin und her liefen und eifrig miteinander sprachen.

Plötzlich gab jemand ein russisches Kommando. Alle Soldaten sprangen in den Zug. Die Begleiter schlossen die Türen, und dann setzte sich der Transport wieder langsam in Bewegung.

Im selben Augenblick aber erscholl lauter Gesang im Zuge, der sich schnell von Wagen zu Wagen fortpflanzte: „Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n.“ Die Russen auf dem Bahnhof sahen erstaunt hinter dem Zuge her und hörten zu, bis die Weise in der Ferne verhallte.

Dem Alten mögen damals die Augen genau so geleuchtet haben wie in dem Augenblick, als er mir dieses Erlebnis kurz vor seinem Tode erzählte.

 

* Kurt Lück (1900 – 1942) in  „Deutsche Volksgruppenaus dem Osten kehren heim ins Vaterland“, o.O. 1941, Seite 16 – 20; Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG; Irrtum der Abschrift vorbehalten