Quellenkritik

 

Reflexion und Selbstkritik der historischen Forschung

Historiker heute üben Selbstkritik an ihrer Zunft und decken auf, dass bekannte „Ostforscher“ die nationalsozialistische Politik unterstützt und als Funktionsträger in NS-Organisationen an der Umsetzung der rassepolitischen Ideologie unmittelbar und mittelbar mitgewirkt haben. 

Neuere Untersuchungen zeigen Verstrickungen und Aktivitäten auf z.B. von Karl Stumpp, Georg Leibbrandt, Kurt Lück, Walter Kuhn, Alfred Karasek, deren ethnografische Forschungsergebnisse u.a. in Wolhynien für Zwecke der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik, der Judenverfolgung und –vernichtung und der Beschlagnahme von Kulturgütern benutzt worden sein sollen.

Auch evangelische (deutsche) Pastoren der damaligen Zeit in West-Wolhynien (Polen) und Ost-Wolhynien (Sowjetunion) sollen nationalsozialistisches Gedankengut geteilt und verbreitet haben (z.B. Friedrich Rink, Johannes Schleuning).

Der US-amerikanische Historiker Winson Chu hat sich in seiner Studie „The German Minority in Interwar Poland“ (New York 2012) mit dem Bericht von der Wolhynienfahrt des Jahres 1926* und einigen späteren Forschungen in der Region in der Zwischenkriegszeit befasst (S. 102 -113). Mit Verweis auf vorausgegangene Untersuchungen (z.B. Michael Burleigh, Wilhelm Fielitz)  stellt er fest, dass die Reise 1926 nur vordergründig den Zweck hatte, mehr über die deutschen Siedlungen zu erfahren. Vielmehr habe  sie im Grunde dazu gedient, die Vorannahmen der Reiseteilnehmer hinsichtlich der zivilisatorischen Überlegenheit der Deutschen gegenüber den Polen zu bestätigen; ihre Ergebnisse seien später eingeflossen in die Konstruktion der NS-Ideologie einer „Herrenrasse“.  

Chu macht darauf aufmerksam, dass unter den Mitgliedern der zwölfköpfigen Reisegruppe keine Vertreter der in Wolhynien lebenden deutschen Bevölkerung waren: eine Hälfte der Teilnehmer stammte aus dem Deutschen Reich, die andere Hälfte waren Vertreter der deutschen Minderheit in  Polen (z.B. aus Schlesien, Oberschlesien, Lemberg). Die Expedition sollte mit Hilfe speziell entwickelter Fragebögen  statistisches Material sammeln.  Jedoch habe – so Chu – die wissenschaftliche Methodik zu wünschen übrig gelassen, da u.a. Diskrepanzen zu staatlichen Bevölkerungserhebungen nicht angemessen bewertet wurden. Die Volkstumsforscher seien mehr interessiert gewesen an den Geschichten der Wolhyniendeutschen und den Klagen über ihre Behandlung als „Russen“  durch Autoritäten im deutschen Reich während des 1. Weltkrieges. Bemerkenswert an den Berichten sei – so Chu – die Anonymitiät der Erzähler; er schließt daraus, dass faktisch die aus dem Reich und Westpolen stammenden Forscher für die  Wolhyniendeutschen sprachen, ja ihnen quasi  - als stimmlosen Objekten der Untersuchung - die Worte in den Mund gelegt hätten. Chu berichtet mit Verweis auf eine Studie von W. Fielitz  von einer späteren Zusammenarbeit von H. Karasek und K. Lück: ein vermeintlicher Mangel an wolhyniendeutschen Volksliedern habe sie motiviert, bestehendes Liedgut zu bearbeiten durch Entfernung fremdsprachlicher Ausdrücke und unpassender religiöser Inhalte sowie durch Zufügung von Instrumentalstimmen und das Ergebnis herauszugeben als typisches, wolhyniendeutsches Liederbuch „Singendes Volk“:  ein Beispiel für die Erfindung einer Tradition.

Die für die Volkstumsforschung späte wissenschaftliche „Entdeckung“ der deutschstämmigen Bevölkerung im Osten beförderte  - so  W. Chu  - die Annahme, dass diese ärmeren Volksgenossen Unterstützung benötigten: das ländlich geprägte Wolhyniendeutschtum war in den Augen der Reisegruppe auf einem kulturell niedrigen Stand.  Als Beleg diente die Beobachtung, dass die Wolhyniendeutschen  - als Folge der Deportation und  der Zerstörungen im 1. Weltkrieg – in Erdhütten lebten. Die Lebenssituation der Wolhyniendeutschen wurde von den Forschern auch kontrastierend benutzt  im Hinblick auf die Gesamtlage der deutschen Minderheit in Polen, die nicht ohne Spannungen war. Kurt Lück – der nicht Mitglied der Reisegruppe war,  aber zeitgleich in Wolhynien forschte und veröffentlichte, hat nach Ansicht von W. Chu eine pessimistischere Einschätzung zur Lage des Wolhyniendeutschtums vertreten, wobei sein Standpunkt noch stärker nationalistisch geprägt war u.a. im Hinblick auf die Bedeutung des Erhalts der deutschen Sprache.  Lück sah das Deutschtum in Wolhynien in Gefahr, und er engagierte sich selbst vor Ort, indem er mehrere Jahre in Luzk lebte und arbeitete, u.a. die „Kredit Luzk“ gründete, einen Ableger der Genossenschaftsbank in Posen..  

W. Chu erläutert die  damalige Entwicklung der Vorstellung von einem Auslandsdeutschtum, das  - auch nach Annahme einer fremden Staatsangehörigkeit – in ethnischer (völkisch-biologischer) Verbundenheit zum Herkunftsland stehe und dessen Angehörige im Zweifel sogar wie Reichsdeutsche zu behandeln seien.

Chu resümiert, die Situation der Wolhyniendeutschen habe damals  als willkommene Folie für unterschiedliche politische Interessen gedient:  einerseits als lebender Beweis für die Überlegenheit des Deutschtums gegenüber dem Slawentum, andererseits als Ausdruck der divergierenden, hierarchischen Machtverhältnisse innerhalb der Gruppen der deutschen Minderheit in Polen: die Schwäche der ostpolnischen deutschen Minderheit bedeutete zugleich die Stärke der Führer der deutschen Minderheit in Westpolen, die sich wenig für den Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppe einsetzten und sich selbst als die besseren Deutschen ansahen.

 

* Hans Freiherr von Rosen „Wolhynienfahrt 1926“,   Siegen 1982;  

(Freiherr von Rosen war selbst Teilnehmer der Fahrt; der Bericht erschien fast 60 Jahre später)

 


 

Literatur / Links:

Matthias Weber, Hans Henning Hahn, Kurt Döge

"Ostmitteleuropaforschung statt 'deutsche Ostforschung'"

in: ORSCHUNGSMAGAZIN DER CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT, Oldenburg

http://www.uni-oldenburg.de/aktuelles/einblicke/30-herbst-1999/ostmitteleuropaforschung-statt-deutsche-ostforschung/

 

Michael Fahlbusch

„Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931-1945“  Baden-Baden 1999

Rezension: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=74

 

Wilhelm Fielitz

"Das Stereotyp des wolhyniendeutschen Umsiedlers: Popularisierungen zwischen Sprachinselforschung und nationalsozialistischer Propaganda", Marburg 2000

Rezension: Michael Fahlbusch (2002) http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1376

 

Ingo Haar

"Historiker im Nationalsozialismus"

Die deutsche Geschichte und der `Volkstumskampf` im Osten

Göttingen 2000

 

Eric J. Schmaltz, Samuel D. Sinner

„THE  NAZI ETHNOGRAPHIK RESEARCH OF GEORG LEIBBRANDT AND KARL STUMPP IN UKRAINE; AND ITS NORTH AMERICAN LEGACY“

in: Ingo Haar, Michael Fahlbusch (Hrsg.) „German Scholars and Ethnic Cleansing 1919 – 1945“, New York 2005, Seite 51 - 85

 

Gerd Simon

unter Mitwirkung von Eberhardt Gering, Klaus Popa und Ulrich Schermaul

„Die Grimms der deutschen Sprachinseln im Osten“

http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/ChrKarasek.pdf

 

Alexander Pinwinkler

"Walter Kuhn (1903 - 1983) und der Bielitzer 'Wandervogel e.V.' -

Historisch-volkskundliche 'Sprachinselforschung' zwischen völkischem Pathos und politischer Indienstnahme"

in: Zeitschrift für Volkskunde 2009/1, Seite 29 - 51

online: Universität Wien (pdf - 183 KB)   https://uscholar.univie.ac.at/get/o:247772.pdf

 

Alexander Pinwinkler

"Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert"

Göttingen 2014  (Habilitationsschrift)

Rezension:  http://www.hsozkult.de/hfn/publicationreview/id/rezbuecher-21932

 

Samuel Sinner

New Archival Discoveries on Wannsee Conference Participant Georg Leibbrandt

and “SS-Mann” Karl Stumpp  (Vortrag / Aufsatz 2011)

http://www.samuelzinner.com/uploads/9/1/5/0/9150250/leibrandt2012.pdf

 

Winson Chu

The German Minority in Interwar Poland

Cambridge 2012,  darin S. 102 - 113"The volhynian Germans and the internal colonisation"

 

Stephan Scholz 

"Fotografien in der medialen Erinnerung an Flucht und Vertreibung"

http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2014/id%3D5014

 

Gerald Trimmel

"Der nationalsozialistische Spielfilm "Die Heimkehr" - Strategien der Manipulation und Propaganda"

Krems 2003   

online Donau-Universität Krems (pdf - 719 KB) http://www.donau-uni.ac.at/imperia/md/content/studium/kultur/film/heimkehr.pdf

Film (Original 1:29 h - schlechte Bildqualität)    https://archive.org/details/1941-Heimkehr

 

Andrea Oberheiden-Brent

"Der Spielfilm des Nationalsozialismus. Abgrenzung von der Fremde und Kampf für die Heimat"

Hamburg 2014

darin:  Analyse des Spielfilms "Die Heimkehr"  (Seite 83 - 90)