Siedlungsgeschichte I

 

Abschrift:[1]

Kurt Lück:  Deutsche Einwanderer in Wolhynien im Mittelalter

und zu Beginn der Neuzeit [2],[3]

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Wolhynien war ursprünglich ein rein ukrainisches Land, in das erst im Laufe der Jahrhunderte, vor allem nach der Eroberung der ukrainischen – damals ruthenischen – Ostgebiete durch den Polenkönig Kasimir den Großen, fremde Völker, Deutsche, Polen, Juden und Armenier eingewandert sind. So seltsam es heute klingen mag, es ist dennoch die geschichtliche Wahrheit: Bevor polnische Einwanderer nach Wolhynien kamen, saßen dort bereits zahlreiche deutsche Bürger in den Städten.

Ruthenien – Rus, seit dem 17. Jahrhundert Ukraine genannt, bestand bis 1340 als selbständiger mächtiger Staat, der mit Deutschland lebhafte Handelsbeziehungen unterhielt. Das reiche Land lockte damals schon deutsche Einwanderer herbei, die sich in geringer Zahl als Kaufleute in Kiew, Luzk und Wladimir in Wolhynien seit der Mitte des     12. Jahrhunderts niederließen. Stärker gestaltete sich die deutsche Einwanderung nach dem schrecklichen Tatareneinfall 1240 / 41, als Polen und Ruthenien Aufbaukräfte benötigten. Damals entstanden die Städte Lemberg und Cholm, die deutsche Einwanderer aufbauten. In Wolhynien ließen sie sich vor allem in Wladimir und Luzk nieder. Der polnische Gelehrte Abraham schildert diesen Vorgang folgendermaßen: „Wladimir, die Hauptstadt des Fürsten Roman Mstislavitsch, war bereits unter dessen Regierung immer mehr aufgeblüht, es vermehrten sich die Kaufmannskolonien der fremden Einwanderer, vor allem der Deutschen, sodaß diese nachher im 13. Jahrhundert ein sehr hervorragende Stellung in der Stadt einnahmen und zweifelsohne auch in den übrigen ruthenischen Städten ihre Kolonien hatten.“ Als im Jahre 1287 der Fürst Mstislav Danilovitsch die Herrschaft in seiner Landeshauptstadt Wladimir antrat, wurde das dem Adel, den ruthenischen und den deutschen Stadtbewohnern Wolhyniens mitgeteilt. Dies und manches andere berichtet die alte wolhynische Chronik, die bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist. Die Deutschen in den Städten gelangten in den Besitz großer Reichtümer. Im Jahre 1268 lud der deutsche Bürger Markolt die Fürsten Bassilko, Lev und Voischelt zu einem Schmaus in sein Haus in Wladimir ein. Von zwei anderen Wladimirer Kaufleuten Bertram und seinem Bruder Nikolaus wissen wir, dass sie 1324 Tuchwaren bis aus Flandern holten, um sie in Wolhynien zu verkaufen.

Freilich, viele solcher Einzelheiten  sind uns nicht überliefert worden. Aber sie beweisen uns doch,  daß schon einmal, vor vielen hundert Jahren, Deutsche nach Wolhynien gekommen sind.

Der interessanteste Beweis ist jedoch wohl die Urkunde in deutscher  Sprache, die 1379 Fürst Lubart, der einen zweiten  Namen Dimitr führte, den deutschen Bürgern von Lemberg in Luzk ausstellte. Sie lautet im alten Deutsch: [4]

In dem Namen gotis, Amen. Wir groser Furste Demetyr, von den genaden gotis von Ladymir und von Luczk, gelobin den erbarn Luyten dem Rate und den gemeynen Burgern und der ganczen Stat czu der Lemburg, das wir keynen Kaufman nicht wellen losen szyn mit zyme gute, her zey von polen oder von Duyczhen Landen durch unzer lant ken Heydenlant, das dy Nyderlage blybe czu Ladymir czu Luczk und czu Lemburg , als is von alders her vormals gewest ist. Welde uch aber unzer Herre der Konig gewallt tun, und hyse den gast, durch uwer lant ken Heydenlant czyn, so welte wir ouch den gast durch Unse Lant czyn ken Heydenlant. Und dy briwe dy Wir czwyschen  uns vorschrebyn han, ir sullet uns unsern Bryf, und wir uwern brif uch antwerten zullen, an allen schaden, und an alle argelyst, und an alle Hyndernis; czu eyner Befestenunge des geczuyknys desys briwes habe Wir angehangen unser Ingezygil. Gegebyn ist der Brif an dem achten Tage des Heyligen Herren Sente Mertins des werden Byschhowes noch unseres Geburt MCCCLXXIX czu Luczk.

Alle Kaufleute, die aus Polen oder Deutschland nach dem Heidenland, das heißt nach dem weiteren Osten zogen, mußten ihre Waren einige Tage in Wladimir und Luzk auf  Grund des sogenannten Niederlagsrechtes zum Verkauf anbieten, ehe sie weiterziehen durften. Das war ein deutsches Recht, das früher weder die Polen noch die Ruthenen kannten und das die deutschen Einwanderer in diese Städte mitgebracht haben. Tatsächlich ist ein beträchtlicher Prozentsatz der wenigen Luzker Bürgernamen, die uns aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind, deutsch, z.B. Bartko (1404), Michel Wesner (1414) Jocusch, ein Zimmermann (1424), Niclas aus Luzk (1429), Heynrich Kursner (1420), Hannos Rymer (1442), Cnarr (1444) usw.

Luzk und Wladimir müssen schon im 13. Jahrhundert deutsches Stadtrecht besessen haben. Die Urkunde des Königs Wladislaus Jagiello vom Jahre 1432 für Luzk erwähnt neben Juden, Armeniern, Polen auch Deutsche als Bewohner der Stadt. 1438 verlieh Fürst Swidrigiello der Stadt Kremenez das deutsche Stadtrecht und übertrug die Vogtei, das heißt die Gerichtsbarkeit in der Stadt, dem Deutschen Jurge Mebrot aus Busk. In der Urkunde heißt es: „majet on u swojej hranicy sudyty o welykoj riczi i o maloj Rusina, i Lacha i Niemca i Woloszyna“[5] usw. Es wohnten also damals neben der einheimischen Bevölkerung auch Polen, Deutsche, Wallachen und andere in der Stadt, deren Richter in allen städtischen Angelegenheiten der Deutsche Mebrot sein sollte. Noch über 100 Jahre später werden Deutsche als Bewohner von Kremenez genannt. 1545 erwähnt der polnische Revisor der Burg als Stadtbewohner „Czechy, Niemcy, Lachy, Litwa i Rus“. Deutsches Recht erhielt zu Beginn des 15. Jahrhunderts Peremil, heute eine unbekannte Ortschaft bei Boreml. Polen, Deutsche und andere sollten die Möglichkeit haben, sich dieses Rechtes zu bedienen. Die Stadt Wladimir, in den ältesten Zeiten die Hauptstadt Wolhyniens, verfiel infolge mannigfacher Kriegszerstörungen, die Deutschen wanderten aus. Die Hauptstadt wurde nach und nach Luzk, das besonders unter Fürst Witold aufblühte. Witold, bekannt durch die unglückliche Schlacht an der Worskla (1399), in der der größte Teil seiner Streitkräfte, darunter auch einige Hundert deutsche Ritter, durch die Tataren niedergemacht wurden, hatte zahlreiche deutsche Ritter an seinem Hof, die ihn in kriegstechnischen Dingen berieten, z.B. Konrad von Frankenberg, Heinrich von Köln, Heinrich von Bartenstein, Johann Lichtenwald, Markwald Salzbach und andere. Diese Kreuzritter müssen die Erbauer der Burgen in Luzk und Kremenez gewesen sein, die, abgesehen von älteren, geringen Anfängen, in ihrer jetzt noch erkennbaren Gestalt zur Zeit Witolds entstanden sind. Einer der in des Fürsten Diensten stehenden Ritter, Konrad von Frankenberg, war Starost und Befehlshaber der Burg in Kremenez. Alle Umstände sprechen dafür, daß er sie auch erbaut hat. Daß deutsche Ritter die Luzker Burg, dieses wunderbarste der ältesten Baudenkmäler Wolhyniens geschaffen haben müssen, haben polnische Gelehrte gelegentlich schon betont.   Nach ihnen wiederholt sogar der volkstümliche „Führer durch Wolhynien“ von Orlowicz, Luzk 1930 (S. 69): („Zamek Lubarta w Lucku, wzniesiony prawdopodobnie przez architektow krzyzackich“) („ die Lubartburg, die höchstwahrscheinlich durch Baumeister der Kreuzritter errichtet worden ist“.) Er erwähnt noch (S. 36), daß unter Witolds Regierung neben anderen auch Deutsche nach Wolhynien eingewandert sind.

Die Burg und die Stadt Luzk müssen damals prächtig ausgesehen haben, denn 1429 fanden dort wichtige Beratungen statt, an denen der deutsche Kaiser, der König von Polen, Witold, Gesandte des deutschen Ordens und zahlreiche Fürstlichkeiten teilnahmen.

Auch im folgenden Jahrhundert führten deutsche Baumeister Bauten in Wolhynien aus. Nach 1554 schuf der deutsche Baumeister Johann Adalrich Frankenstein, der über 20 Jahre im Dienst der polnischen  Könige gestanden hat, die Burg in Olyka für die Fürsten Radziwill. 1577 schenkte König Stefan Batory dem deutschen Baumeister für seine treuen Dienste ein außerhalb der Stadt Lemberg gelegenes Gelände, „laka Freiburska“ genannt. Worin bestanden diese Dienste? Es ist anzunehmen, daß Frankenstein noch mehr Befestigungen im Osten ausgeführt hat. Als sein Werk betrachte ich auch die Burg in Dubno, die um dieselbe Zeit entstanden ist wie die Radziwillsche in Olyka und manche Aehnlichkeit in der Anlage aufweist. Die Burg Olyka war damals eine hervorragende Grenzfestung gegen die Türken, Tataren und Kosaken. Vor 1636 war „Simon Wolff, ein deutscher Ingenieur“, Festungsbauer des Fürsten Janusz Wisniowiecki in Wisniowiec und Zbaraz. Der polnische Gelehrte Tomkowicz hält es für wahrscheinlich, daß er der Schöpfer der Burgbefestigungen in beiden Orten war.

In den Jahren des Burgbaues holte Fürst Mikolaj Sierotka Radziwill, ein Freund der Reformation, deutsche protestantische Handwerker nach Olyka, die er dort ansiedelte. Ob sie alle oder nur ihre Prediger nach 1593 von dem eifrigen Katholiken Stanislaus Radziwill vertrieben wurden, läßt sich schwer sagen. Deutsche haben wohl auch in der Grodstätte Horodyszcze gewohnt. Heute ein  unscheinbares Nest, war Horodyszcze ein Besitztum der Radziwills, in jener Zeit kein unbedeutender ort, an dessen Vergangenheit jetzt noch alte Wallanlagen erinnern. Während die Juden und Ukrainer von dem benachbarten Josifiowka erzählen, daß dort vor 100 Jahren „Niemcy monisty“ wohnten, behaupten sie in Horodyszcze, daß es vor „vielen Hundert Jahren eine große Stadt“ war, in der „Niemcy - saksy“ (deutsche Sachsen) lebten. Sicher handelt es sich um das 16. Jahrhundert. Damals wanderten auch deutsche Bauern an den Bug, ganz in die Nachbarschaft Wolhyniens und gründeten die Dörfer Neudorf und Neubrau. Sogar in der Nähe von Tortschin entstand ein „deutsches Dorf“, das schon vor 1583 als „wies niemiecka“ (heute Niemieckie) urkundlich bezeugt ist. Auch nach Rowno kamen Deutsche. In welcher Zahl und wie lange, ist unbekannt. Einzelne Deutsche wurden als Büchsenschießer für die Festungen angeworben. In Kremenez bedienten die Festungskanonen u.a. zwei Deutsche, Matis und Hanus. Die Stadt gehörte damals der polnischen Königin Bona, die den Deutschen Felix Hercyk (Herzig) zum Starosten machte. Hercyk hat sich um die Entwicklung des Orts sehr verdient gemacht. Deutschen wurde in einigen Fällen schon im 15. Jahrhundert Grundbesitz verliehen. Als interessantestes Beispiel will ich aus dem 16. Jahrhundert die deutsch-schlesische Familie der Cetners anführen. Baltasar Cetner, der als erster des Geschlechts aus Schlesien nach Polen kam,  zeichnete sich in hervorragender Weise in den Abwehr kämpfen gegen die Tataren aus.

 1583 gelangte er in den Besitz der Dörfer Tychola, Suszowiec und Szymkowa Wola bei Kremenez. Sein Geschlecht zählt eine Reihe hervorragender, verdienter Männer.

Gewiß, Deutsche saßen in jenen Jahrhunderten in Wolhynien nur in geringer Zahl. Aber Tatsache ist nun einmal, daß sie schon damals als Aufbaukräfte willkommen  waren. Die Einwanderung polnischen Volks, im 13. Und 14. Jahrhundert noch gar nicht festzustellen, begann eigentlich erst in größerem Maßstabe  nach der berühmten Union von Lublin (1569), die der polnischen Kolonisation das Tor öffnete.

Auch aus dem 17. Jahrhundert können einige für uns interessante Fälle angeführt werden. Im Jahre 1640 ließ Fürst Albrecht Radziwill den prächtigen Kirchenbau in Olyka durch den Italiener Maliverna ausführen. Dabei vollführte die Zimmermannsarbeiten der Deutsche Michael Walde, die Schnitzereien und Bildhauereien der deutsche Künstler Melchior Erlemberg. Ob der zweite Baumeister „Reinhold Beffka“ auch Deutscher war, läßt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden. Die Glocken für diese Kirche goß 1640 der Danziger Gerhard Benning. Es verdient noch allgemein hervorgehoben zu werden, daß die aus jener Zeit stammenden Kirchengeräte vielfach deutscher Hände Werk waren. So befindet sich, um ein Beispiel anzugeben, in der Ostroger Burgkirche (Sobor) ein alter prächtiger Messingleuchter, auf dem man die deutsche Aufschrift liest: „Mit Gottes Hilfe goß mich Lucas Frideland, Danzig 1575.“

Im 17. Jahrhundert begegnen uns Deutsche in Ostrog. Es sind aber nur einige Spritzer, die die deutsche Einwanderungswelle dieses Jahrhunderts nach Wolhynien herübergeworfen hat. Von einer Deutschlandreise hatten die Ostrogskis wahrscheinlich den Apotheker „Lorenz“ und den Arzt „Malcher“ mitgebracht. Am Osroger Markt besaß der Kaufmann Dawid Schubert im Jahre 1619 mehrere Häuser. Die Reformationsbewegung hatte damals auch vorübergehend in Wolhynien Wurzeln geschlagen. Es bestanden protestantische Gemeinden in Olyka, Ostrog, Kisielin, Lachowce und anderen Orten. In der von den Reformationsanhängern gegründeten Schule in Kisielin lehrten deutsche protestantische Lehrer wie Ludwig Hollaisen, Peter Stegmann und Philipp Cosmius (Simonid) aus Holstein.

Die kleine Übersicht, die ich hier gebracht habe, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Eine gründliche Durchforschung der Geschichte unserer wolhynischen Heimat wird wahrscheinlich noch zu manchen Ergänzungen führen.

Seit den frühesten Jahrhunderten haben einzelne deutsche Kräfte einen Anteil an der Gestaltung des wolhynischen Kulturbildes gehabt. Manches, was deutsche Hände geschaffen haben, wird heute stolz dem Besucher unserer Heimat gezeigt. Doch mögen die Namen derer nicht vergessen sein, die an dem frühen Aufbau Wolhyniens getreulich mitgewirkt haben, wenn ihre Zahl auch klein war und sie im fremden Volk untergegangen sind.



[1] Irrtum vorbehalten; die Veröffentlichung des Aufsatzes ist gemeinfrei gem. § 64 Urheberrechtsgesetz.

[2] In: „Schaffen und Schauen“  - Mitteilungsblatt für Kunst und Bildungspflege in der Wojewodschaft Schlesien, Jahrgang 1931, Heft 6/7 – 8, Seite 9 – 12; 

[3] Fußnote im Original: Den Quellennachweis für diesen Beitrag findet der Wissenschaftler in meiner Arbeit „Die deutsch-polnische Nachbarschaft usw.“, in der diese Frage im Zusammenhang der Entwicklungsvorgänge Ostmitteleuropas behandelt wird. Die Arbeit, die auf tiefschürfenden Forschungen fußt, erscheint Ende dieses Jahres im Druck

[4] Die Urkunde ist gedruckt in „Akta Grodzkie i Ziemskie“. Bd. 3 Lemberg 1872, Nr. 30

[5] Übersetzung: Er soll in seinem Bereich in großen und kleinen Dingen den Ruthenen, Polen, Deutschen und Wallachen richten.

 

Historische Karte Neudorf / Neubruch aus: Kurt Lück  (+ 1942) „Die Cholmer und Lubliner Deutschen kehren heim ins Vaterland“,  Posen 1940

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zur Biographie von Kurt Lück vgl.  Bayerische Staatsbibliothek:  http://www.deutsche-biographie.de/sfz54886.html

und Kulturportal Ost-West http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/luck-kurt-2/