Auswanderung

Raimund Friedrich Kaindl*

Warum die Pfälzer ihre alte Heimat verließen und nach Galizien gingen!

Ein ungeheuer reiches Land muß die Pfalz ehedem gewesen sein, wenn man nach alten Berichten schließen darf. Da wird z.B. aus dem Jahr 1540 erzählt, daß die Weinernte dieses Jahres so reich gewesen sei, daß die armen Bauern den Überschuß an Wein als „Robotleistung“ 1) trinken mußten, bis sie toll und voll waren.

Mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges brach dann über dieses gesegnete Land die große Kriegsnot herein, die es, mit kurzen Unterbrechungen, an die hundert Jahre durcheinanderrüttelte und endlich, zu alledem, noch lebenslustigen Fürsten in die Hände spielte, die ihm die letzten Lebenssäfte aussogen, um sie in klingende Münze, die sie zu ihren Lustbarkeiten so nötig hatten, umzusetzen.

Zwei Jahre nach Beginn des großen Krieges brachen die ersten Feinde in die Pfalz, die Spanier des Marchese Spinola begannen das Trauerspiel, Mannfeldsche und Tyllische Soldaten setzten es fort, Franzosen und Polen, Deutsche und Kroaten, Italiener und was sonst alles noch Spieß und Feder trug und vom Kaiser oder den Schweden Gold nahm, brannte und mordete, raubte und marodierte dort, bis wenig mehr übrig blieb. Pest und Hungersnot folgten, eine furchtbare Hungersnot, in der man gefallene Tiere fraß und Gras und Blätter. Mehr Wölfe gab es zu dieser Zeit als Bauern, es sollen zwanzig Jahre nach Beginn des Krieges kaum mehr als 200 Bauern in der Pfalz gelebt haben.

Das Jahr 1648 brachte endlich Frieden. Doch kaum waren 25 Jahre herum, da ging’s wieder los. Jahrelang lagen die Franzosen in der Pfalz, und das Land wurde dadurch nicht reicher, im Gegenteil: “Von vielen Jahren her ist das römische Reich schier römisch arm geworden durch steten Krieg. Elsaß ist ein Elendsaß geworden durch lauter Krieg“, so ruft der Schwabe Megerle um seine Zeit von der Kanzel. Und einige Zeit drauf gibt der Franzosenkönig Ludwig XIV. seinem Kriegsminister den Befehl: „Brennet die Pfalz!“ Das geschah ausgiebig. Der letzte Franzose ging erst mit Ende des polnischen Erbfolgekrieges aus dem Land und die Väter derer, die einige Zeit später nach Galizien auswanderten, hatten diese letzte schwere Zeit noch mitgemacht. 2)

Aber auch nachher wurde es nicht besser. Die Fürsten brauchten Geld, die Bauern mußten’s schaffen. Um die Zeit, da die ersten galizischen Ansiedler ihre alte Heimat verließen, ging ein fliegendes Blatt um, in dem zu lesen stand: „Sollen wir jubilieren, daß wir fünfzig Jahre lang im Schweiße unseres Angesichtes unser Feld bauen durften, um die Schweine und Hasen Seiner Excellenz zu füttern? Oder sollen wir jubilieren, daß man uns oft mitten aus unserer nötigen Arbeit hinwegriß, um Landschreibern und Oberbeamten in der Fronde große Häuser bauen und nach ihren zusammengestohlenen Landgütern bequeme und kostbare Straßen führen zu müssen? Oder gar, daß er uns und unser sauber erworbenes Eigentum einer Rotte von adeligen und unadeliegen Dieben, Kammerdienern und Projektemachern preisgab?“

So ging’s dem Bauern. Es brannte ihm schier der Boden unter den Füßen, und er war froh, die Heimaterde von den Schuhen schütteln zu können, als die Werber ihm vom freien eigenen Boden ohne Bedrückung im fremden Lande sangen.  Das Banat machte den Anfang, dorthin gingen die ersten großen „Schwabenzüge“, Galizien machte die Fortsetzung, dann kam die Dobrutscha und nachher und zwischendurch noch manche andere Landschaft im Osten. Und den größten Teil der Auswanderer stellte die Pfalz. Schlözer stellt fest, „daß aus keinem Lande der Welt nach Verhältnis mehr Menschen auswanderten, als aus Deutschlands Paradiese, der Pfalz.“

 

1) „Robot“ heißt „Arbeit“ und bedeutet hier die Arbeit, zu der die hörigen Bauern verpflichtet waren und gezwungen wurden.

2) So konnte der Galizische Superintendent Bredetzki berichten: „Kaum ist in den Rheingegenden eine bedeutende Schlacht vorgefallen, die nicht einer Kolonie in Galizien ihr Dasein gegeben hätte.“

* Raimund  Friedrich Kaindl,  Historiker und Ethnologe  1866 – 1930;    Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG;

 zitiert aus aus: Fritz Seefeld (Hg.) „Der Deutsche in Galizien“, Langensalza 1937, Seite 29 - 31

 

Karte der Herrschaftsgebiete im Bereich der Pfalz, Rheinhessens und der angrenzenden Territorien 1789:  Landesarchiv Rheinland - Pfalz 

(pdf 2,26 MB)  http://www.landeshauptarchiv.de/index.php?id=80

 

zu Hintergründen der Auswanderung im 18. Jahrhundert vgl. auch:

Horst Machmer "Pfälzer Privatansiedlungen im Nordosten Galiziens", Garbsen 1999, 2. Auflage, S. 31 - 37