Frauenleben

 

Das Leben der Frauen in den deutschen Kolonien

in Polnisch-Wolhynien bzw. Russland

 

Ein spezifischer Blick auf die Lebenssituation von Frauen in den Kolonien, ihre Motivation zur Auswanderung, ihre häusliche Alltagswelt, ihre Rolle im Gefüge von Familie und Dorfgemeinschaft, ist bislang noch selten Gegenstand in den vorfindbaren Schriftzeugnissen und Studien - sei es zeitgenössisch, sei es im historischen Rückblick. In der wissenschaftlichen Migrationsforschung sind Frauen bei den Betrachtungen oftmals in der statistischen Kategorie „Familie“ verschleiert -  als Ehefrauen, Mütter oder Töchter von Auswanderern, oder es wird ein Bild stilisiert von einer „jungen, ledigen und vor allem heiratswilligen Dienstmagd“ 1).

So entstehen klischeehafte Darstellungen von Lebenswelten in den Kolonien:  die Volkstumsforschung fokussiert die   Leistungen von Männern - das Roden und Entsümpfen, die Landbestellung und den Hausbau, die Tätigkeiten von Lehrern, Kantoren, Dorfschulzen und Pfarrern,  die Einberufung als Soldat, den Handel, das Gewerbe und die Industrie.  

Die Bedeutung der Arbeit von Frauen, das notwendige Wissen und Geschick für Haushaltswirtschaft und Kindererziehung  - als notwendige Voraussetzung für das „Funktionieren“  dieses Lebensgefüges  - findet dagegen selten eine Würdigung;  sie sind versteckt in  Beschreibungen z.B. der Zubereitung von landestypischen Mahlzeiten, der Vorratswirtschaft für Lebensmittel, der Herstellung von Wäsche und Textilien, der Heilkunde, der Traditionen bei Feiern von Jahres- und Familienfesten, der Weitergabe von Muttersprache, Gebeten und religiöser Praxis, Liedgut, Märchen.   Der Volksmund wusste aber durchaus, was die Rollenverteilung der Geschlechter bedeutete, wenn ein Sprichwort sagt: 

Der Mann ist der Kopf der Familie,

aber die Frau ist der Hals,

die den Kopf zu drehen weiß. 2)

Die Frauen in Wolhynien organisierten sich in ganz praktischer Weise selbst für das Gemeinschaftsleben, war doch gutnachbarliche Gegenseitigkeit oftmals im wahrsten Sinn des Wortes „Not-wendig“.  Die Evangelische Frauenhilfe - die in Luzk als organisierter Verein bestand und als Beispiel in andere Gemeinden ausstrahlte - veranstaltete Sammlungen, um Kleidung und Lebensmittel an Bedürftige verteilen zu können; in der evangelischen Schule in Luzk organisierte sie die regelmäßige Schulspeisung  für täglich 60  - 70 Kinder; in Rozyszce wurden Schulungskurse im Nähen, Haushaltskunde und Säuglingspflege angeboten, auch wurden die evangelischen „Greisenheime“ in Rozyszce, Luck und Rowno unterstützt. Genannt werden darüber hinaus Jungmädchenvereine  (als Vorläuferorganisation der evangelischen Frauenvereine), für die alle 14 Tage sonntags nachmittags eine Bibelstunde stattfand; freitags gab es eine Arbeitsstunde, in der genäht, gestrickt und gehäkelt wurde.2) In Kostopol wurde ein Säuglingspflegerin in den Dienst der Gemeinde eingestellt, in Tuczin eine Hebamme und in Luzk ab 1937 eine Gemeindeschwester beschäftigt. Die Säuglingssterblichkeit war hoch (bei 100 Geburten 40 Todesfälle im ersten Lebensjahr) - nicht zuletzt aufgrund der nicht vorhandenen ärztlichen Versorgungsstruktur im Land sowie der mangelnden hygienischen Kenntnisse und Möglichkeiten in den beengten Wohnverhältnissen. Auch die Müttersterblichkeit dürfte vergleichsweise hoch gewesen sein: bei kinderreichen Familien mit mehr als fünf Kindern war  - wie Pastor Schmidt berichtet - oft die Mutter der ersten Kinder verstorben. 2)  Mädchen besuchten traditionell ebenso wie Jungen den Schulunterricht, wie die überlieferten Klassenlisten der evangelischen deutschen Schule in Luzk beispielhaft belegen,3) auch wenn letztlich das Bildungsniveau insgesamt gering blieb, denn der Besuch einer höheren Schule und ein Studium war bei den geringen finanziellen Möglichkeiten der Kolonisten selten im Bereich des Möglichen.

Ein eindrückliches Plädoyer für die Wertschätzung der Kolonistenfrau ist überliefert von  Pastor Jakob Stach, der 1904 anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Gründung deutscher Kolonien in der Region Odessa / Südukraine einen Band mit kulturgeschichtlichen Studien und Bildern veröffentlichte. Der Beitrag skizziert Aspekte der weiblichen Lebenswelten, die auch für die Frauen in der Region Wolhynien zutreffend gewesen sein mögen

 

Auszug aus: Jakob Stach (1865 – 1944) „Die deutschen Kolonien in Südrußland“*

 Prischib 1904, Seite 96 – 103;

Die Kolonistenfrau

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Der vorliegende Aufsatz, welcher seinerzeit in der „Odessaer Zeitung“ als „Jubiläumsartikel“ erschienen ist, soll hier wortgetreu wiedergegeben werden, weil er einerseits als Kulturbild von Interesse und andrerseits als wirksamer Kulturfaktor von Bedeutung sein dürfte.

Wir schicken die Anmerkung voraus, welche die Redaktion der erwähnten Zeitung dazu gemacht hat:

„Es kann getrost ausgesprochen werden, daß die Kolonistenfrau im allgemeinen   m e h r  arbeitet, als der Mann, wenigstens bei den Wohlhabenden. Man halte nur einmal Umschau im Dorfe und vergleiche die   A r b e i t   der Hausfrau mit der   A r b e i t   des Hauswirtes etwa in einer Vollwirtschaft, und man wird diese Behauptung bestätigt finden.  Ganz besonders aber springt die Tüchtigkeit der Kolonistenfrau da in die Augen, wo in einem Dorfe Saufen und Liederlichkeit überhand genommen haben; da ist es gerade die Frau, welche die allergrößten Anstrengungen macht, um die Wirtschaft noch im Stande zu halten, wenn der Mann schon längst alle Energie und Leistungsfähigkeit eingebüßt hat. Ausnahmen bestätigen nur die Wichtigkeit der Rolle, welche der Frau im Wirtschaftsbetriebe des Kolonisten zufällt. Ja, man kann diesen Unterschied in der Arbeitsleistung zwischen Mann und Weib schon bei den Söhnen und Töchtern im Hause wahrnehmen, zumal seit im landwirtschaftlichen Betriebe die Maschine eine so große Rolle spielt und einen bedeutenden Teil derjenigen Arbeiten leistet, welche ehedem als die schwersten ausschließlich den Männern zufielen, wie z.B. das Mähen. Bei den übrigen Feld- und Wirtschaftsarbeiten, bei welchen sich auch das weibliche Geschlecht in umfangreicher Weise beteiligt, kommen Maschinen in viel geringerem Maße in Anwendung.“

Einen „Jubiläumsartikel“ über die Kolonistenfrau zu schreiben, ist schon längst meine Absicht gewesen. Das könnte überflüssig erscheinen, nachdem bereits ein solcher über die Ehe und das Familienleben der Kolonisten vorangegangen ist. Das ist aber, wie das Folgende ergeben wird, durchaus nicht der Fall, um so weniger, als es sich hier um Dinge handelt, die für den Fortschritt der Kolonien von grundlegender Bedeutung sind. Wenn die Kolonistenfrau der Gegenstand eines Jubiläumsartikels sein soll, so wird zuerst die Frage zu beantworten sein: was hat die Kolonistenfrau als solche im Laufe des hinter uns liegenden ersten Jahrhunderts unserer Geschichte als Ansiedler in Rußland geleistet? Dann die andere sehr naheliegende Frage: was ist in dieser Zeit geschehen, um die Kolonistenfrau mit denjenigen Kenntnissen und Fähigkeiten auszurüsten, deren sie bedarf, um ihrer Aufgabe in genügender Weise gerecht zu werden? Aus der Beantwortung dieser Frage wird sich von selbst die dritte ergeben: was muß für die Kolonistenfrau geschehen, um sie in den Stand zu setzen, auch in der Zukunft ihre bedeutungsvolle Aufgabe, den höheren Bedürfnissen der Zeit entsprechend, zum Wohl des ganzen Volkes zu erfüllen?

Was hat die Kolonistenfrau als solche im Laufe des hinter uns liegenden Jahrhunderts geleistet?

Mancher wird denken, um diese Frage zu beantworten, muß man in die Küche und in die Kinderstube gehen und nachsehen, ob das Essen gut gekocht und die Kinder immer ordentlich gewaschen und gekämmt worden sind. Ja, das ist auch eine Aufgabe der Frau, und wahrlich keine geringe. Wenn die Kolonistenfrau in hundert Jahren weiter nichts geleistet, als daß sie für die Familie gute, nahrhafte Speisen gekocht und die Kinder ordentlich erzogen hätte, dann hätten wir ihr dafür allein schon einen wesentlichen Teil unserer irdischen Existenz zu verdanken. Diese zwei Umstände schon stellen die gewaltige Aufgabe und ebenso gewaltige Bedeutung der Frau vor unsere Augen. Von ihr hängt im Hause fast alles ab. Wenn unsere Kolonisten sich durch Ordnungsliebe, Sauberkeit und Wohlstand hervorgetan haben, so ist das, wie jedermann sofort einsieht, hauptsächlich auch ein Verdienst der Frau. Wenn man von gewissen Frauen sagt, sie tragen mit der Schürze mehr aus dem Hause hinaus, als der Mann mit dem Wagen hineinfahren kann, so ist damit die Bedeutung der Frau in dieser Hinsicht genügend gekennzeichnet. Was der Mann als Kolonist in den schweren Jahren seiner Pionierarbeit mit saurem Schweiß erworben, hat die Kolonistenfrau haushälterisch verwaltet mit dem unermüdlichen Bedacht, das Vorhandene zu bewahren und möglichst zweckmäßig zu verwerten, um auf diese Weise den Wohlstand der Familie begründen und für die Zukunft sichern zu helfen. Dabei hat sie ihre Tätigkeit durchaus nicht etwa auf die Küche und die Kinderstube beschränkt. auch bei der Feldarbeit ist sie als echte Bäuerin dem Manne rüstig zur Seite gewesen und hat es auch Dienstboten und Tagelöhnern gegenüber verstanden, wenn es sein mußte, ihren Mann in seiner Abwesenheit durchaus nicht zum Schaden der Wirtschaft würdig zu vertreten. An vielen Orten kann es z.B. beobachtet werden, daß Witwen, die nach dem Tode der Männer die Wirtschaft weiterführen, oft besser vorwärts kommen, als ihre männlichen Nachbarn unter den gleichen Bedingungen. Dieser hohe, im ganzen wohlverdiente Ruhm soll der Kolonistenfrau nicht geschmälert werden.

Aber das ist noch lange nicht alles, was wir auf Grund der Geschichte an der Kolonistenfrau zu rühmen haben. Schiller sagt bekanntlich einmal: die Frauen sind das Element guter Sitten. Dieses Wort hat auch bei der Kolonistenfrau stets zugetroffen. Die Frau hat vermöge ihres konservativen Sinnes auch dazu beigetragen, daß unsere Väter rechtzeitig für den Bau von Kirchen und Schulen u.s.w. gesorgt haben. An Kirche und Schule hatten sie sich in ihrer früheren deutschen Heimat zu sehr gewöhnt, als daß sie ohne dieselbe hätten leben können. Gewiß wäre ohne das verborgene Streben der Frau in dieser Hinsicht manches in den Kolonien nicht sobald erreicht worden. Das haben die Krimer Frauen vor noch nicht gar langer Zeit aufs neue durch ihre Eierkollekte, womit sie den Bestand der Neusatzer Zentralschule sicherten, glänzend bewiesen.  Der Sinn für das Hergebrachte, für die gute, alte Sitte, die Liebe zur Kirche und Schule, die Pflege der Familienandacht, des Tischgebets und des Kindergebets, sowie manches andere, was an sich so unbedeutend erscheint, daß nur Frauen sich damit abgeben können, ist eben doch in summa eine solide Brücke gewesen, welche uns hauptsächlich unsre Frauen über jene Kluft gebaut haben, die uns in der neuen Heimat von der alten trennte. Wie oft ist tatsächlich an vielen Orten, besonders in den Zeiten der Gründung, hohe Gefahr gewesen, daß die Kolonisten gänzlich auf die Stufe des unbrauchbaren Pöbels herabgesunken wären. Da hat die Frau das Ihre redlich dazu beigetragen, daß es so weit nicht kommen durfte. Und wenn später bessere Geschlechter gekommen sind, die sich jeweilen durch Tüchtigkeit, Ehrlichkeit, Fleiß und andere Tugenden ausgezeichnet haben, so ist der Löwenanteil an der Arbeit, welche die Erziehung derselben mit sich brachte, wiederum der Frau, der Mutter, zugefallen. Das alles hat die Kolonistenfrau als echte Frau geleistet, ohne aus den bescheidenen Grenzen ihrer geschlechtlichen Eigenart herauszutreten. Wenn irgendwo die Frauenemanzipation keinen, absolut keinen Eingang gefunden hat, so wird es wohl bei den Kolonisten auf dem Lande gewesen sein. Hier sah man bis jetzt überall in dem Mädchen die zukünftige Frau und Mutter, und diese machte keine weiteren Ansprüche, als solche, die sie als Frau und Mutter machen mußte. Aber auch diese Ansprüche waren so bescheiden, daß man darüber ebenso sehr staunen muß, wie über die Gleichgültigkeit, die man ihr gegenüber in vielen Stücken beobachtet hat. Wie viele Kolonien gibt es z.B. heute noch, wo weder ein Arzt, noch eine ordentliche Hebamme für die Kolonistenfrau und Mutter angestellt ist! Soll man sich da noch wundern, wenn viele Kolonistenfrauen mit schweren chronischen Leiden behaftet sind und ihren Pflichten mit  gebrochenem Körper nachkommen müssen? Die meisten Kolonistenfrauen beanspruchen heute noch für ihr Wochenbett nicht mehr wie drei bis sechs Tage. Dann gehen sie in der Regel schon wieder in gewohnter Weise ihrer Arbeit nach. Wie schwer sie aber für ihre Anspruchslosigkeit oft zeitlebens zu büßen haben, wissen am besten diejenigen Ärzte, die Gelegenheit haben Kolonistenfrauen zu behandeln.

Dieser letzterwähnte Umstand führt uns zu der zweiten Frage: was ist bisher geschehen, um die Kolonistenfrau mit denjenigen Kenntnissen und Fähigkeiten auszurüsten, deren sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben bedarf?

Für das körperliche Wohl der Kolonistenfrau ist also bis jetzt im allgemeinen sehr wenig getan worden, aber vielleicht ist für das geistige Wohl, für ihre Bildung und intellektuelle Entwickelung mehr geschehen? Nun ja; die Kolonistentochter wird genau so, wie auch der Sohn, in die Dorfschule geschickt, wen man es meistens auch laut ausspricht, daß für die Mädchen die Schule gar nicht so nötig sei, weil sie ja nicht Soldaten werden müssen. daß demgemäß auch für die geistige Entwickelung der Kolonistenfrau sehr wenig getan worden ist, beweist die Tatsache, daß für die Kolonistensöhne (abgesehen von den Mennoniten, wo auf privatem Wege für die Bildung des weiblichen Geschlechts schon etwas mehr getan zu werden scheint) elf Zentralschulen bestehen, während für die Töchter nichts Derartiges vorhanden ist. Warum nicht? – Ist es wahr, daß die Frau der Bildung nicht so sehr bedarf?  … dann müßte nicht wahr sein, daß es hauptsächlich die Mutter ist, welcher die Aufgabe der Kindererziehung zufällt. Die ersten Eindrücke, die der kleine Erdenpilger hinieden empfängt, sind die tiefsten, die bleibendsten, die wichtigsten;  - er bekommt sie von der Mutter. Ich glaube doch, daß es nicht gleichgültig ist, ob er sie von einer gebildeten oder ungebildeten Mutter empfängt. Wie sehr ist der kleine Schulbürger, namentlich beim Erlernen der russischen Sprache, der häuslichen Mithilfe bedürftig. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit noch sehr gut, wie ich, lange bevor ich lesen konnte, an der Schürze meiner Mutter hing und von ihr manches schöne Lied lernte; ich erinnere mich aber auch, was für ein Kreuz es für meine Mutter und für mich war, wenn sie mir später beim Übersetzen und Rechnen nicht sagen konnte, was dies oder jenes russische Wort bedeutet. Wie gern hätte sie ihrem Liebling geholfen, besonders wenn er in seiner Not bittere Tränen vergoß, aber sie konnte nicht. Armes Mütterchen! Erst jetzt, da ich selbst Kinder habe, verstehe ich, wie schwer es ihr damals ums Herz gewesen sein mag! Warum geschieht nichts für die Ausbildung unsrer Frauen? Sind sie denn keine Menschen, sind sie nicht unsere Mütter, denen wir alles verdanken? wollen wir nur immer Pflichten, und schwere, ja die schwersten Pflichten auf sie legen und nichts an ihnen tun? Ja, was sage ich, an   i h n e n   tun!  Würden wir, wenn wir etwas für sie täten, es nicht eigentlich für uns selbst tun? Sie wollen ja doch als Mütter nichts für sich selbstsondern alles nur für ihre Kinder haben. Wir schaden ja doch nur uns selbst, wenn wir nichts für die Ausbildung unserer Töchter tun!

Die Nachteile der mangelhaften Ausbildung unseres weiblichen Geschlechts sind klar am Tage. Ich will nur auf einiges hinweisen, was  jeder selbst täglich beobachten kann.

Seit einigen Jahren schon hält die „Mode“ Einzug bei den Frauen in unseren Kolonien. Wer kann etwas dagegen haben, wenn sich jemand für sein Geld Stoffe kauf und sie nach der Mode zu Kleidern verarbeiten läßt?  Aber manche Leute, die etwas dagegen haben, sagen: „Das kommt von der Bildung her. Die wollen gebildet sein.“  Das ist mir eine schöne Logik! vor lauter Bildung schaffen die Kolonistenfrauen und –töchter Modekleider an, und es ist nicht einmal eine Bildungsstätte für sie vorhanden! Da wird wohl eher die Unbildung und die Einbildung als die Ausbildung die Ursache der Modekrankheit sein. Daß dem so ist, beweist auch die Tatsache, daß bei vielen Kolonistenmädchen das Bestreben vorhanden ist, unmäßig viele Kleider, und zwar nur Oberkleider, und nicht etwa Wäsche zu besitzen, nach dem Grundsatz: „Möglichst viel für die Augen.“ Natürlich, irgend etwas muß da sein als Ersatz für die mangelnde Bildung. Was helfen aber fünf oder zehn und noch mehr Gewänder und Garderoben, die später doch aus der Mode kommen, wenn die geistige Armut aus den Augen blickt und an der Stirn geschrieben steht. Dafür gibt es keine maske; oder soll etwa der elegante Brautschleier diesen Dienst tun?

Ein anderer Umstand. Ich erblicke eine elegante weibliche Erscheinung in tadellosen modernen Gewändern mit goldenen Armbändern, Spangen und Ringen; ich warte mit Spannung, bis die vornehme Dame den Mund auftut, um zu erfahren, wes Geistes Kind sie isst. Endlich spricht sie. Aber o weh! ihre Sprache paßt nicht zu ihren Kleidern. Ihre Sprache ist weder Schriftdeutsch, noch Dialekt. Dialekt zu sprechen schämt sie sich der vornehmen Kleider wegen, und Schriftdeutsch kann sie nicht. So wird sie lächerlich. Armes Kolonistenmädchen, was hat man aus dir gemacht! Kleider gibt man dir, soviel du haben willst, aber keine Bildung. Das ist Stein für Brot, ein Skorpion für Fisch. Ja, es gibt Eltern, die im stande sind, so ihr Kind, das sie vielleicht sehr, vielleicht übermäßig lieben, zu behandeln! Armes Kolonistenweib, hast du durch einen hundertjährigen Kampf um die edelsten Güter als wackere und tüchtige Gehilfin deines Mannes nicht mehr verdient, als daß man dich zum Lohn dafür als Puppe verkleidet, als daß dir mit lumpigen Kleidern bezahlt werden soll, was man dir für deinen inwendigen Menschen schuldig geblieben ist?

Was für eine Brücke werden diese in der Putzsucht großgezogenen Frauen ohne Bildung aus der Vergangenheit in die Zukunft bauen? Werden sie auch, wie einst ihre Großmütter, das Element guter Sitten sein, gesinnungstreu und unentwegt an dem festhalten, was ihrem Geschlechte und ihren Nachkommen frommt? … Wer Wind säet, wird Sturm ernten! Es kann einem bange werden für die Zukunft im Angesicht der Tatsache, daß für eine vernünftige Ausbildung der Kolonistentöchter so gut wie nichts getan wird.

Nun die dritte und letzte Frage. Was muß für die Kolonistenfrau geschehen, um sie in den Stand zu setzen, auch in der Zukunft ihre bedeutungsvolle Aufgabe den höheren Bedürfnissen der Zeit entsprechend zum Wohl des ganzen Volkes zu erfüllen?

S i e   m u ß   e r z o g e n,   g e b i l d e t   w e r d e n.   Das ist die einzige Antwort. Die beste Erziehung ist die häusliche, die beste Erzieherin die Mutter, d.h. wenn diese sich ihrer Aufgabe bewußt und derselben gewachsen ist. an die häusliche Erziehung schließt sich diejenige der Schule an. Die Tochter muß ebenso streng zum Lernen angehalten und ebenso lange in die Schule geschickt werden, wie der Sohn; einfach aus dem Grunde, weil sie ebenso ein Mensch ist, wie er, und einst nicht minder wichtige Pflichten übernehmen und nicht minder hohe Aufgaben erfüllen muß, als der Mann, dessen Gehilfin sie werden soll.

Die Erziehung im Hause und in der Dorfschule wird aber heutzutage nicht mehr in allen Fällen genügen, um den Bedürfnissen der Zeit nachzukommen. Wir brauchen auch gebildetere Frauen, eben wieder aus dem einfachen Grunde, weil wir auch  gebildetere Männer haben. Ebenso wie unsere Söhne könnten und sollten auch unsere Töchter an unsern Dorfschulen als Lehrkräfte angestellt werden. Mir ist noch keine aus dem Kolonistenstande hervorgegangene Lehrerin bekannt, und doch sind eine Menge Lehrerinnen russischer Nationalität an unseren Dorfschulen bereits angestellt. Es ist der Kolonisten Pflicht, als Menschen und als Staatsbürger auch in dieser Hinsicht für ihre Bedürfnisse selbst aufzukommen und sich nicht von anderswoher bedienen zu lassen. Oder mangelt es ihnen so sehr an Mitteln und an Selbständigkeit, daß sie auf eine derartige Unterstützung von vornherein nicht verzichten wollen?

Nicht bloß die Männer haben Anspruch auf Bildung, sondern auch die Frauen; nicht bloß von den Männern                    v e r l a n g t   die heutige Zeit Bildung, sondern auch von den Frauen. So lasset uns die Frauen bilden, und solchen, die den Trieb in sich fühlen, Gelegenheit bieten, eine höhere als die Dorfschule zu besuchen. Diese Hochschule ist nun freilich nicht da; sie muß gegründet werden. An Anfängen für eine „Mädchenschule“ hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Ich habe selbst in der Krim einmal angefangen, einige Mädchen im eigenen Hause unter bescheidenen Verhältnissen zu unterrichten und unterrichten zu lassen.  Leider gestatteten es die Umstände nicht, das Werk fortzusetzen. Solche Versuche sind ein Beweis, daß hier ein nicht bloß tatsächliches, sondern auch ein bereits empfundenes Bedürfnis vorliegt. Vielleicht findet sich mit Gottes Hilfe bald der geeignete Mann, oder Männer, welche die Sache energisch in die Hand nehmen. Männer müssen natürlich in jedem Fall da sein, um dem berufenen Manne die Wege zu bahnen und die Mittel zu verschaffen. Wenn es gelingen sollte, durch diesen „Jubiläumsartikel“ die Stiftung eines „Jubiläumsdenkmals“ in der Gestalt einer Mädchenschule für unsre Kolonistentöchter anzuregen, dann würde ein lang gehegter Herzenswunsch des Verfassers in Erfüllung gehen. Was würde auch unseren ganzen Kolonistenbauern- und Gutsbesitzerstand besser zieren und ehren, als das gemeinsame Werk einer solchen Mädchenschule als „Ebenezer“ an der Jahrhundertwende ihrer Geschichte.

Vor Drucklegung dieses Werkes kommt aus Großliebental die Kunde, daß die Bausteine zu diesem „Ebenezer“ bereits gesammelt werden. So ist also dieser Aufruf nicht leer verhallt. Gott segne das edle Werk der Männer, die sich freiwillig dazu verbunden haben! Mit   e i n e r   Mädchenschule, etwa in Großliebental, wird ja noch nicht geholfen sein. Wir brauchen für die verschiedenen Koloniengruppen, die auf den weiten Gebieten Bessarabiens, Südrußlands, Tauriens, des Kaukasus und der Wolga zerstreut sind, eine ganze Anzahl solcher Schulen.                      

 

 

* Das Buch erschien anläßlich des 100jährigen Gründungsjubiläums der ersten deutschen Kolonien bei Odessa im Süden der Ukraine (damals „Neurussland“); 

Rechtschreibung aus dem Original übernommen; Irrtum der Abschrift vorbehalten.  

Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG

 

 

1) Sabine Kienitz „Weggehen ohne anzukommen – (Aus)Wanderungserfahrungen von Frauen in mikrogeschichtlicher Perspektive“ in: Matthias Beer, Dittmar Dahlmann (Hrsg.) „Migration nach Ost- und Südosteuropa vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts“ , Stuttgart 1999, S. 121  -135

2) Erna Wolz „Ein Rückblick der deutschen Kolonistenfrau aus den Siedlungsgebieten Polen und Rußland“ in: Wolhynische Hefte,   Folge 10, Seite 10 – 14; vgl auch Hugo Karl Schmidt "Die evangelisch-lutherische Kirche in Wolhynien", Marburg 1992 (Nachdruck Shitomir 1998), Seite 27/28 und 81/82

3) Alfred Kleindienst „Die deutsche Schule in Luck“, Atlas-Verlag Luck 1939, Seite 22 – 29 (Übersicht der Jahrgänge 1929 – 1938)


Wie sehr sich die Rollen der Kolonistenfrauen unterschieden von der Tradition im russischen Umfeld, ist einer Reiseschilderung aus dem Jahr 1847 zu entnehmen:

Auszug aus:  August Freiherr von Haxthausen (1792 - 1866)*

Studien über die innern Zustände, das Volksleben und insbesondere die ländlichen Einrichtungen Rußlands

Erster Theil, Hannover 1847,  Seite 56 - 57

 

Im constituionellen Staate soll der König herrschen, aber nicht regieren, in einer wohlorganisierten Familie herrscht der Mann, aber die Frau regiert. In Rußland, wenigstens in Moskau, ist es umgekehrt; hier herrscht die Frau, und der Mann regiert! Das weibliche Geschlecht hat in Rußland eine eigene, von der im übrigen Europa abweichende Stellung. Sie ist jedoch nach den Ständen verschieden. Bei den Muschik, den Bauern, und es giebt ja deren in Moskau über 100 000, arbeitet das weibliche Geschlecht bei weitem weniger, als das männliche und als bei uns zu Landes; selbst die Hausarbeiten verrichtet in der Regel der Mann; er trägt Wasser und Holz herbei und macht Feuer. Die Frau sieht zu, schlürft umher, trägt die Kinder u.s.w.

Bei den Bürgern, besonders den Kaufleuten und Handwerkern, thut die Frau den ganzen Tag nichts, sie bekümmert sich nicht im mindesten um das Hauswesen. Von dem, was eine deutsche Hausfrau ist und leistet, hat sie gar keinen Begriff. Der Mann thut alles und ordnet selbst den innern Haushalt an.

Bei den Reichen wird das weibliche Geschlecht größtentheils in den verschiedenen Instituten erzogen, und erhält dadurch eine innere und äußere Bildung, die der der Männer bei weitem überlegen ist, allein dies Institute bilden nur Modedamen und keine Hausfrauen.

Bei den höheren Ständen ist dies noch mehr der Fall.

Jetzt fangen freilich auch die Moskauer Haushaltungen  immer mehr an, sich zu europäisiren; in einer ächt russischen geschah früher und geschieht auch jetzt noch jedes Geschäft, jede Arbeit durch das männliche Geschlecht. Es giebt da keine Köchinnen, sondern nur Köche, keine Küchenmädchen, Stubenmädchen, Haushälterinnen ec., alle Geschäfte derselben werden durch männliche Bedienung verrichtet, daher auch dies ausserordentliche Ueberwiegen der männlichen Bevölkerung in Moskau, die fast das Doppelte der weiblichen beträgt. Die statistischen Tabellen geben 1834 = 214.778 Männer und nur 133.784 Weiber an!

Auch ein großer Theil aller liegenden Habe ist in den Händen der Frauen. Vor jedem Hause in Moskau und Petersburg steht der Name des Eigenthümers angeschrieben. Geht man nun durch die Straßen, so kann man versichert sein, vor jedem dritten Hause den Namen einer Frau als Eigenthümerin zu finden.

Mit dem ländlichen Grundeigentume verhält es sich auf ähnliche Weise; vielleicht ist 1/5  bis 1/4 desselben in den Händen des weiblichen Geschlechts.

Welch ein Uebergewicht dieß den Weibern in ihrer ganzen Lebensstellung geben muß, ist leicht begreiflich.

 

* Text gemeinfrei gem. § 64 UrhG


 

Frauen waren auch tätig  als Handwerkerinnen / Unternehmerinnen, als Fabrikarbeiterinnen  und als  hauswirtschaftliche Hilfskräfte:

vgl.  hierzu   zeitgenössische Presseberichte  Download  pdf 30 KB