Impressionen aus der ehemaligen Kolonie   Bludow 

                          heute ukr. "Myrne" - Oblast Wolhynien  http://goo.gl/maps/Y0a4a                               

                                                  

Nachweis der Ortschaft Bludow auf einer Karte aus dem Jahr 1810:

http://rcin.org.pl/dlibra/docmetadata?id=21976&from=publication  (3,5 MB)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ortsplan 1939

 

 

Zeichnung: Georg Tiefenbach      - hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

 

 

Kommentare von Ljuba Selenska (Zeitzeugin aus Bludow)

 

Hof 1 (Johann Köhle)

Hier wohnte ein Deutscher, der Johann hieß. Er hatte zwei Söhne, die älter als Ljuba Selenska waren. An die (Vor)Namen dieser Söhne kann sie sich nicht erinnern. Der große erhaltene Nussbaum vor dem Haus wurde noch von Johanns Familie gepflanzt. Nach dem Krieg wurde das deutsche Haus als Schule benutzt, denn es war ziemlich groß und hatte 4 Zimmer.

Hof 2 (Johann Knapp)

An dieser Stelle wohnte die Familie Knapp. Ljuba Selenska kannte zwei Mädchen aus dieser Familie – Lotte und Ilde. Ilde war älter als Lotte.  Heute steht hier ein Kaufhaus.

Hof 3 (Johann Köhle)

An dieser Stelle wohnte ein Deutscher, der im Dorf (von den Ukrainern) Hamalo genannt wurde. Auf dem Foto sind Pferdeställe zu sehen, die viel später von der Kolchose gebaut wurden. Noch vor kurzer Zeit standen hier jedoch noch einige Apfelbäume, die Hamalo auf seinem Hof gepflanzt hatte. Nachdem die deutsche Familie ausgereist war, passte der Onkel von Ljuba Selenska noch einige Zeit auf das Vieh, das auf dem verlassenen Bauernhof blieb

Hof 4 (Peter Knapp)

Von der Familie, die hier wohnte, kann sich Ljuba nur an das Mädchen Lena erinnern. Den Familiennamen weiß sie nicht mehr. Das war keine reiche Familie. Das Haus war auch nicht groß, aus Holz gebaut, ca. 20 m lang, hatte nur zwei Zimmer, eine Vorratskammer sowie eine kleine Tischlerei und stand genau an der Stelle, wo jetzt das Haus aus weißen Ziegelsteinen (sieh Foto) steht. Als die Familie, die heute auf diesem Hof wohnt, vor einigen Jahren das alte deutsche Haus auseinandergebaut hatte, benutzte sie die Fußbodendielen von diesem Haus als Baumaterial weiter, denn es war von sehr guter Qualität, die Kiefer-Bretter waren fest, massiv, hatten eine frische gesunde Farbe. Das zeugt davon, dass die Deutschen wussten, das Bau-Holz gut vorzubereiten.

Hof 5 (Jakob Tiefenbach)

An dieser Stelle lag der Hof von der Familie Tiefenbach. Ljuba Selenska kann sich an zwei Mädchen von dieser Familie erinnern – Erna und Emma, die gute Freundinnen von Ljuba waren und zusammen mit ihr die Schule besuchten.

Hof 6 (Georg Tiefenbach (Hanjer))

Hier hatte die zweite Familie Tiefenbach ihren Hof und Haus. Ljuba kann sich an drei Kinder von dieser Familie erinnern – die drei Brüder Karol, Otto und Walter. Karol war der älteste Bruder und Walter der jüngste.

Hof 7 (Friederich Rech)

Im Haus auf dem Foto wohnte die Familie Rech. Das ist das einzige deutsche Originalhaus, das bis heute im Dorf erhalten geblieben ist. Es ist sogar noch heute bewohnt. Das Originalhaus war aber in den 30er Jahren, als hier die deutsche Familie wohnte, doppelt so groß wie heute. Nach der Vertreibung der Deutschen ist hier eine ukrainische Familie namens Paz (oder Patz), die ebenso aus Polen vertrieben wurde, eingezogen. Diese Familie hat das Haus zum Teil auseinandergebaut, verkleinert, damit es von den Sowiets (für andere, staatliche Zwecke) nicht weggenommen wurde, weil es so schön war. Solche Eigentumsentfremdungen gehörten nach dem Einmarsch der Sowjets in die Westukraine zur Politik der Entkulakisierung (Liquidierung des Großbauerntums). Etwas später wurde das Haus etwas nachgebaut, erreichte jedoch seine Originalgröße trotzdem nicht mehr.

Hof 8 (Johann Janz)

An dieser Stelle wohnte eine Familie, die zu den ärmeren gehörte. An den Familiennamen kann sich Ljuba Selenska nicht mehr erinnern. Sie kannte nur das Mädchen Lisja (oder Lissa / Lisa) aus dieser Familie. Der große Apfelbaum auf dem Foto stammt auch noch aus den Kolonie-Zeiten.

Hof 9 (Jakob Hessler)

Hier lag der Hof von der Familie Hessler. Da das Haus richtig groß und schön war, wurde es nach dem Krieg ins Dorf Myrne hinübergebracht und zum Rathaus gemacht. Das Gebäude existiert heute jedoch nicht mehr.

Hof 10 (Jakob Lehr)

An dieser Stelle habe Lehr der Vater seinen Hof gehabt, behauptet Ljuba Selenska, ist sich aber nicht ganz sicher. Der Sohn wohnte drüben, auf der anderen Seite der Straße (sieh Hof 12).

Hof 11 (Georg Lehr)

An den Namen der Familie, die an dieser Stelle wohnte, kann sich Ljuba Selenska nicht mehr erinnern. Sie erinnert sich nur an das Mädchen Emma aus dieser Familie.

Hof 12 (Karl Lehr)

An dieser Stelle war der Hof von Lehrs Sohn, einem Bauer, der wohl am reichsten im Dorf war. Bist vor kurzer Zeit standen hier noch gepfropfte Süßkirsch- und Apfelbäume, die er gepflanzt hat.

 

Erdkeller und Tiefbrunnen, die auf den Fotos zu sehen sind, sind noch alte originale Kolonisten-Erdkeller und Tiefbrunnen, die auch noch heute genutzt werden. Die deutschen Erdkeller haben einen besonders guten Ruf, denn sie sind tief und sehr geräumig, was für eine gute Aufbewahrungsqualität sorgt.

 

Aus den Erinnerungen von Ljuba Ostapjuk (geb. 1932), Zeitzeugin in Bludow:

In dieser Gegend lebten damals Menschen von verschiedenen Nationalitäten – Ukrainer, Deutsche, Tschechen und Polen. Es war ein friedliches, freundschaftliches Zusammenleben mit voller gegenseitiger Verständigung.

Als Kinder spielten wir zusammen mit deutschen Kindern, passten auf der Weide auf das Rindvieh auf, gingen zusammen in die Schule. Kommunikation war kein Problem: Die Deutschen konnten auch Ukrainisch.

Wenn wir im Spätherbst oder im Winter aus der Schule gingen (es war kalt und wir froren, weil Kinder aus ärmeren Familien nicht genug gute warme Kleider hatten), kam eine deutsche Frau immer zu uns auf die Straße und bot uns warmen Kaffee oder Tee an, um uns etwas zu erwärmen.

Erwachsene aus den deutschen und ukrainischen Familien besuchten einander auch, z. B. zur Erntezeit um Wasser zu holen, sie schenkten einander und uns Kindern Äpfel und Birnen aus ihren Gärten.

Die Deutschen waren gute Wirtschafter, hatten Landwirtschaftsmaschinen wie Bindemaschinen, Getreidemäher und Inventar, das nicht jeder sich damals leisten konnte.

 

(nach Notizen von Georg Tiefenbach - hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung)


Die nachfolgenden Fotos hat Georg Tiefenbach ergänzend zur Verfügung gestellt

(Aufnahmen aus dem Jahr 2013)