im Osten Russlands

 

Auszug aus:

Wilhelm Fehrmann, Pastor (1864 – 1924)*   „Bei den Flüchtlingen“

in:  Immanuel Winkler, Pastor  (1886 – 1932) Hrsg.

„Kalender für die deutschen Kolonisten in Rußland auf das Jahr 1918“

Petrograd 1917, Seite 57 - 66

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Die Flüchtlinge im Gourvernement Kasan

(…) Einen überaus kläglichen Eindruck machten die   L e u t e    i m   K r e i s e   L a i s c h e w.   Diese Wolhynier waren nämlich zuerst bis nach Taschkent und Samarkant verschleppt und dann erst infolge des Sartenaufstandes an die Wolga befördert worden. Viel hatten auf den weiten Fahrten ihre letzte Habe verloren. Waren sie schon in Taschkent infolge der Hitze und des Fiebers dezimiert, so kamen sie hier, im Kreise Laischew, in ganz unmögliche Verhältnisse. Scheunen wurden ihnen zu  Wohnungen angewiesen, in denen sie auch während des strengen Winters hausen mussten. Dabei stand ihnen kein Holz zur Verfügung. Zum Abkochen ihrer Kartoffeln durften sie nur einmal des Tages zu den Dorfleuten gehen, die sie natürlich wenig gerne sahen. Den Säuglingen fehlte auch die Milch, infolgedessen große Kindersterblichkeit. Unvergütet mussten sie ihren Wirten die Sommerarbeit leisten, froh, ihr Leben notdürftig durchzuschleppen. Die Leute hier waren durch all‘ das unsägliche Elend allmählich ganz zerschlagen; energielos, ja verdummt im Jammer, ließen sie sich wie das Vieh zur Arbeit treiben: sie hatten alles Interesse am Leben verloren: so hatten sie sich nicht einmal in ihrer Umgebung umgesehen, ob dort nicht andere Landsleute wären, die ihnen helfen könnten; dabei lebten nur 20 Werst entfernt wolhynische Flüchtlinge in weit besseren Verhältnissen. Das Tatjana-Komitee nahm sich endlich der armen Leute an und zwar, weil sie gänzlich verlumpt waren, durch eine Materialspende für Bekleidungen.  Die Wolost sollte die Spende den Empfängern austeilen, aber sie          v e r k a u f t e    den Flüchtlingen die geschenkten Sachen zu nicht billigen Preisen.  Eine Geldunterstützung erhielten die Flüchtlinge im Laischewschen Kreise erst nach vier Monaten und dann nur mit 15 Kop. täglich. Pastor Plamsch entdeckte diese Flüchtlinge auf seiner Rundreise durch das Gouvernement und suchte auch seinerseits ihnen zu helfen. Da er selbst nur kurze Zeit am Orte verweilen konnte, wandte er sich an den russischen Priester mit der Bitte, ihm bei der Verteilung des Geldes zu helfen. Der Priester sowohl wie seine Frau empfanden herzliches Mitleid mit dem Geschick der verelendeten Deutschen und willigten gerne in die Bitte. Aber sie haben keine Freude erlebt. Wie sehr sie sich auch bemühten, die Gaben gerecht zu verteilen, sie erregten nur Unzufriedenheit und Mißgunst. Täglich hatten sie ihre wahre Plage mit den Leuten. Mehrfach erklärten sie dem Pastor die Arbeit fallen zu lassen und nur die inständigen Bitten des Pastors bewogen sie, die Arbeit weiterzuführen und Geduld zu üben. (…)

Aus dem Gouvernement Perm

(…) Wie schwierig war es von den Gouvernementsbehörden zu erfahren, wo sich in den weiten wegelosen Gebieten die Flüchtlinge befinden. Der Permsche Gouverneur übermittelte dem Pastor (Plamsch) eine Liste von 13 Orten mit über 4000 Flüchtlingen in den Städten und Kreisen Solikamsk, Schadrinsk, Jekaterinenburg, Werchotursk, Kamyschlow, Krasnousimsk, Kungur, Ossa, Ochansk, Tschardyn. Zuerst wandte sich der Pastor von Perm aus nach dem Kreis und der Stadt Kungur, wo Flüchtlinge aus dem Wolhynischen, Polnischen und solche aus Livland lebten. (…)  Mit schwerem Herzen fuhr der Pastor die zwei Stunden Eisenbahn von Perm nach der Kreisstadt Kungur. Es ist ein wohlhabendes Städtchen von über 12.000 Einwohnern, am Zusammenfluß der beiden Ural-Flüsse Iren und Silwa gelegen, mit nicht unbedeutender Industrie, Talgsiedereien, Gerbereien, Schuhfabrikation, Eisengießereien, dazu kommt ein schwungvoller Handel mit Getreide, Eisenwaren und Schuhwerk. Die Bewohner bilden Russen und Permjaken. Die meisten Häuser sind aus Stein gebaut und überhaupt macht die Stadt einen wohlhabenden Eindruck. Die Straßen freilich sind ungepflastert und verwandeln sich unter den Herbstregen in eine dünnbreiige asphaltfarbene Masse, die fußtief den Straßenzug bedeckt. – Sonnabend Mitternacht war es, als der Pastor unter großer Verspätung endlich in Kungur anlangte. Trotzdem war es wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen: der Pastor ist angekommen! und schon am frühen Morgen umstanden die Flüchtlinge, Hirschenhöfer, Polnische und Wolhynier, das Gasthaus. Nachdem den vielen Fragen der Erschienenen einigermaßen Genüge getan war, ging es zu den Flüchtlingsbaracken außerhalb der Stadt, wo der Gottesdienst stattfinden sollte. Es mußte der weite Weg zu Fuß zurückgelegt werden, da um die Zeit ein Fahren förmlich nicht möglich war. Unter unaufhörlichem Ausgleiten und Herabrutschen auf der bergauf, bergab führenden Straße gelangte man endlich bei strömenden Regen zu den Baracken, die die Semstwo für die „anständigen“ Flüchtlinge, die polnischen und die wolhynischen, erbaut hatte. In Ermangelung eines geeigneten Raumes mußte der erste evangelische Gottesdienst unter dem überhängenden Dache eines Stalles abgehalten werden. Das Brüllen des Viehs nebenan hat die Andacht nicht weiter gestört.  Alles, was Flüchtling war, war natürlich erschienen und nahm die Trostverkündigung des Evangeliums mit großer Dankbarkeit hin. Nach dem Gottesdienst erfolgte eine Besprechung über der Flüchtlinge Wohl und Wehe; dabei erwies sich, daß die Wolhynier verhältnismäßig besser dran waren als die Hirschenhöfer, denn sie galten als ehrliche Flüchtlinge und erhielten als solche ziemlich regelmäßig ihre Kronsunterstützung und Herberge in den Semstwobaracken, was immerhin besser ist als Wohnungslosigkeit, Holzmangel und teures Brot in fremder Umgebung, dazu die Polizeibehelligungen als politisch Unzuverlässige.  (…)

Östlich des Ural

Im Jahre 1917 begab sich Pastor Plamsch aus Kungur zum erstenmal in die Gebiete östlich vom Ural; zunächst  ging es in die Kreisstadt Schadrinsk im Gouv. Perm. Es kam ihm diese Fahrt wie eine Erlösung aus Qual und Not vor. Schon allein die Fahrt quer durch die tiefbewaldeten, duftigen Uralberge bis Jekaterinburg war eine Erquickung für Auge und Herz. Hier in Schadrinsk kamen aber noch die freundlichen Menschen hinzu, die dem Pastor entgegentraten. Ein Wolhynier Dammert, ein rühriger junger Schuhmacher, holte den Pastor aus dem unsauberen Gasthaus ab und brachte ihn in seine Wohnung. Dieser Dammert ist hier der Küster und der Vertreter der Flüchtlinge in der Semstwo. Es erwies sich, daß hier auf drei Stellen Sonntags Gottesdienst gehalten wurde für die 800 Wolhynier, Kiewer, Grodnoer und Polnischen und die 50 Hirschenhöfer. Ihre Lebensverhältnisse sind weit besser als im Europäischen Rußland; die Arbeit wird gut bezahlt und Lebensmittel sind nicht blos vorhanden, sondern auch zu erschwingbaren Preisen zu erhalten, z.B. kostet Mehl 3 Rbl. das Pud oder 30 Kop. das Tschetwert. Nun aber kommt das Erfreulichste: Wie bekannt, war von der obersten Stelle für Flüchtlingsfürsorge beim Ministerium des Innern die ebenso grausame wie ungerechte Verfügung erlassen, daß die Flüchtlinge aus den Kolonisten stets nur die Hälfte der für die anderen Nationen bestimmten Unterstützungen erhalten dürften. Nun hatte das Flüchtlingskomitee in Petrograd bestimmt, daß 50 % der Flüchtlinge mit Unterstützungen bedacht werden durften. Somit kam auf die deutschen Flüchtlinge nur 25 %. Außerdem wurden sie noch in anderer Richtung verkürzt: sie erhielten kein Badstubengeld und keine kostenlose ärztliche Hilfe.  Freilich war im ministeriellen Zirkular bemerkt, daß es den Semstwos freistände, die angegebenen Sätze zu ändern. Trotzdem die deutschen Kolonisten in jenem Zirkular ausdrücklich als politisch unzuverlässiges Element bezeichnet und daher mit Recht verkürzt wurden und alle andern Semstwos auf die Verdächtigungen nur zu freudig eingingen, stellte sich die Semstwo von Schadrinsk auf einen völlig anderen Standpunkt: Geleitet von ihrem edelmütigen Bevollmächtigten, dem griechisch-orthodoxen Priester, beantragte diese Semstwo eine unbedingt gleichartige Berücksichtigung aller Flüchtlinge einschließlich der deutschen vor der Gouvernementsbehörde. Viel half das freilich nicht, denn die 25 % galten nun einmal als Reichsnorm und mehr Geld kam nicht aus der oberen Zahlstelle, aber die Vertreter der Schadrinsker Semstwo milderten doch nach Möglichkeit die verletzende Härte jener Verfügung, indem sie das Geld nicht mechanisch sondern nach Maßgabe der Not sorglich verteilten.(…) Da kam die große politische Umwälzung im Februar und mit ihr die Aufhebung jener ungerechten Ministerialverfügung: auch den Deutschen wurden nun die gleichen Rechte mit den übrigen Nationen zugesichert. (…)

In Simbirsk

(…) zur nämlichen zeit mit den wolhyniern langten in Simbirsk auch scharenweis die unglücklichen Aussiedler aus Ostpreußen an, meist Frauen mit ihren Kindern, dazu ältliche Männer, ja Greise von über 80 Jahren. Über das ganze mittlere und untere Wolgagebiet waren diese bedauernswerten Opfer des Krieges zerstreut worden, bis in die Tschuwaschendörfer des Gouv. Samara. Dieser Ostpreußen nahm sich alsbald die Deutsche Regierung an und übersandte größere Verpflegungssummen durch die amerikanische Botschaft an den örtlichen Gouverneur. Die gemeinsame Not führt die ausländischen und inländischen Deutschen zusammen und so geschah es, daß längere Zeit die Wolhynier sich mit an die Tische der Ostpreußen setzten und mit ihnen gemeinsam in den Herbergen hausten, die an verschiedenen Stellen der Stadt hergerichtet wurden – meist elende, feuchte und verfallene  Häuser. Erst allmählich schieden die beiden Flüchtlingsgruppen voneinander. Die Wolhynier und Polnischen zogen zum großen Teil in das Innere des Gouvernements, ca. 700 Seelen; sie leben hier, wie erwähnt, in weit besseren Verhältnissen als im Kasanischen Gouvernement; auch sind sie direkt aus dem Westen hierher gekommen und haben keine sie aufreibenden Irrfahrten in andere ferne Orte des Osten zu machen gebraucht. Eine größere Anzahl von ihnen hat an den großen Tuchmanufakturen des Korsunschen Kreises reichlich bezahlte Arbeit gefunden. (…)

In Stawropol                

(…) Hernach sind noch andere Flüchtlingsfamilien aus Wolhynien nach Stawropol gekommen. Diese hatten es ungleich besser, denn von vornherein wurden sie bei  der Behörde als Flüchtlinge angemeldet und erhielten ordnungsmäßig ihre Kronshilfe. Im Frühjahr fanden die Flüchtlinge Arbeit und Verdienst auf den Feldern, andre befaßten sich mit Handwerken und noch andere mit Holzfällen und –sägen. Die Meisten schlagen sich nur sehr kümmerlich durch und sind von einer brennenden Sehnsucht nach der Heimat beseelt.  Ein Flüchtlingskomitee mit dem Ortsapotheker an der Spitze wollte dafür Sorge tragen, daß hinfort alle die Wolhynier gleichermaßen als Flüchtlinge anerkannt würden und dieBedürftigen unter ihnen noch besondere Gaben erhielten. (…)

In Samara

(…) Nach dem Himmelfahrtsgottesdienst, an dem zugleich die Konfirmation von ca. 50 Kindern, z. Teil aus den Flüchtlingen der Stadt und Umgebung stattfand, begab sich die Gemeinde vor die Stadt auf ihren herrlichen Friedhof, um der Weihe des Zuschlagsgrundstücks beizuwohnen.  Weit über tausend Deutsche hatten sich dort eingefunden, unter ihnen wohl die Mehrzahl Flüchtlinge aus dem Wolhynischen und Polnischen, die meisten in guten Kleidungen und festlich gehobener Stimmung. Man sah es diesen Leuten an, daß sie in Samara guten Verdienst gefunden und sich leidlich einzurichten verstanden haben. (…) Es wäre aber nur sehr oberflächlich geurteilt, wollte man meinen, die Flüchtlinge hier hätten es durchgehend so gut wie jene einzelnen, die zu guten Stellungen gekommen waren. Die Meisten haben es vielmehr sehr schwer und kümmerlich. Um diesen Vielen besser als es bisher geschehen zu helfen, trat nach dem Fest im Pastorat ein Kreis von Männern und Frauen zu einem Fürsorgekomitee zusammen, das zu seinen wertvollsten Mitarbeitern in Samara anwesende Lehrer und Kantoren herangezogen hat. Das Komitee hat alsbald die Erfahrung gemacht, daß die Flüchtlingsnot weit, weit größer war als sie es zuerst gedacht und daß ganz erhebliche Mittel von der Zentralstelle in Moskau erbeten werden mußten, um den schreiendsten Notständen auch nur einigermaßen zu genügen. (…)

Saratow

(…) kaum war diese schwere Flüchtlingswelle über Saratow hinweggegangen als eine zweite in die  Stadt einflutete: die Flüchtlinge aus unserem eigenen Reich, die meisten aus den Gouvernements Warschau, Plozk, Lublin, dazu 10 % Wolhynier. Auch hier ein ähnliches Bild (…): viele, zu Hause in gesichertem Besitz von eigenem Grund und Boden, von altem väterlichen Gut in schönen  Häusern, von Ackergeräten, von Vieh und Pferd, waren über Nacht zu Bettlern und landesberaubten „Verschickten“ geworden; über ihnen lag der Verdacht der Spionage; deshalb waren sie alle straffällig und deshalb mit dem Schein von Fug und Recht hinausgestoßen in die Steppen des Ostens; dort konnten sie jedenfalls dem reiche nicht mehr gefährlich werden! Wie sehr diese Maßnahmen der Regierung die treuen Gemüter unserer Kolonisten erbittert haben bezeugt die Tatsache, daß, als die Regierung sie als    „F l ü c h t l i n g e“   einregistrieren wollte, von den etwa 5500 Personen, die nach Saratow kamen, nur 3500 darauf eingingen: sie wollten lieber auf jede Regierungsunterstützung verzichten als damit zugeben, daß sie aus freiem Willen Scholle und Herd verlassen haben. Sie glaubten damit zugleich eine Rechtsverwahrung gegenüber der Regierung auszuführen, die ihnen hernach die Berechtigung gäbe, eine entsprechende Entschädigungsforderung bei der Regierung anhängig zu machen. (…)

 

*Publikation gemeinfrei gem. § 64 UrhG; Irrtum der Abschrift vorbehalten


 

Pastor W. Reichwald (Krasnojarsk) berichtet von einer Amtsreise 1926, die ihn am 21. August in das Dorf Dmitro- Wasiljewka  im Amur-Gebiet (10 Stunden südlich von Chabarowsk - an der Grenze zu China) führte, wo 30 deutsche, hauptsächlich aus Wolhynien stammende Familien lebten - außerdem noch 6 Bugholläner-Familien, die aus dem Gouvernement Irkutsk zugewandert waren. 

vgl. Wilhelm Kahle

"Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinden in der Sovetunion 1917 - 1938",

Leiden 1974, Seite 560