Beauvois: Historisches

Der Kampf um Land in der Ukraine 1863 - 1914

 

aus: Daniel Beauvois

LA BATAILLE  DE LA TERRE  EN UKRAINE  1863 – 1914

Les Polonais et les conflits socio-ethniques

Presses Universitaires de Lille 1993   ISBN 2-85939-429-X        (Auszug / Übersetzung S. 306 – 311)* 

http://www.septentrion.com/fr/livre/?GCOI=27574100681010

 

(...) Bereits im 18. Jahrhundert waren Deutsche für die Leitung von Manufakturen in Wolhynien, wie die Porzellanmanufaktur in Korzec, die Webereien in der Umgebung von Luck oder die Glashütten dieser Provinz sehr gefragt, aber die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte für die polnischen Gebiete hatte tatsächlich erst mit Beginn der Abschaffung der Leibeigenschaft begonnen. Abgeschreckt von der Freiheit, die man alteingesessenen Bauern geben wollte, und ihrer feindlichen Gesinnung überdrüssig, versuchten einige Grundbesitzer die Nachbarschaftsprobleme zu umgehen, indem sie Tschechen, Slovaken und Schlesier ins Land holten. Diese Bestrebungen gab es nachweislich auch in Weißrussland, Litauen und in der Weichselgegend, dem ehemaligen Königreich Polen.

Die Anwerbung von Arbeitskräften, die im Ruf standen, tüchtig und zuverlässig zu sein und vor allem katholisch waren, schien denjenigen die Lösung zu sein, die Rückständigkeit oder Aufsässigkeit und den ketzerischen Charakter der Orthodoxen untrennbar mit dem Bauerntum verbanden. Der Nutzen, ausländische Kräfte in diesen Provinzen anzusiedeln, zeigte sich umso mehr nach dem Gesetz von 1865, das Personen polnischer Abstammung den Kauf neuen Grund und Bodens verbot. Um sich den Russen zu widersetzen zogen es einige vor, ihre Ländereien dem Konkurs anheim fallen zu lassen oder sie an die Deutschen zu verpachten. Diese Einführung ist verknüpft mit der enormen Entwaldung, von der wir gesprochen haben. Indem sie ganze Waldstücke verkauften, überließen sie das Abholzen häufig den Siedlern, denen sie anschließend die Rodung und Kultivierung durch den Abschluss bedeutender Pachtverträge erlaubten. Letztlich sind die Gleichzeitigkeit des Zustroms von Deutschen nach Wolhynien sowie die Massenvertreibungen des polnischen Adels hervorzuheben.

Dieses Phänomen hatte rasch die russischen Behörden in Unruhe versetzt. Schon von 1873 an hatte der Generalgouverneur Dundukov-Korsakov[1] dies Innenminister Timasev angezeigt, aber der Außenminister, der von den Generalgouverneuren von Wilna und Warschau gestützt wurde, die die gleiche Tendenz beobachteten, hatte darin keinen Nachteil gesehen. Im Mai 1874 beschäftigte sich der Ministerrat erneut mit der Frage, und im Juli 1875 wurde Timasev aufgefordert, einen Gesamtbericht zu fertigen, den die verschiedenen Polizeibehörden ein Jahr später vorlegten. Man beschloss, ab 1880 die russische Einbürgerung zu fordern; dies führte aber nicht dazu, dass der Zustrom gebremst wurde und wurde auch nur unzureichend umgesetzt.

1883 begann die ukrainische Presse den Polen vorzuwerfen, für die unkontrollierte Einwanderung der Deutschen verantwortlich zu sein. Die Zeitung „Rus“ veröffentlichte eine „Information über den deutschen Einfluss in Wolhynien“, die zu Recht aufzeigte, dass die Siedler mit dem Abholzen polnischer Wälder noch mehr dazu beitrugen, die Besitzrechte der einheimischen Bauern zu mindern. Die Verteidigung der Polen war verwirrend und dilatorisch: J.-D. Karwicki schrieb im „Kraj“, dass die Polen als erste die Abschaffung der Leibeigenschaft gefordert hatten und nichts mit den Problemen der Bauern zu tun hätten.

Im Grunde genommen sorgten sich die Russen weniger um die Bauern als vielmehr um das deutsche Trojanische Pferd, zu dem die Siedler in dem Moment geworden waren, in dem die Beziehungen zu Bismarck sich verschlechterten. Bis zum Ende der Regentschaft Alexanders II. hatten die Finanzminister Abaza und Bunge viel an Deutschland verliehen, aber seit der Thronbesteigung Alexanders III. führte der Verfall der Weizenpreise in Deutschland dazu, dass man sich dort den russischen Exporten verschloss und eine unterschwellige Spannung zwischen den Ländern entstand. Der „Kievljanin“ und die „Novoe Vremja“ polemisierten über die Loyalität der Siedler in Wolhynien für den Fall eines Krieges, und Drenteln[2] verbot all denen einen Ortswechsel, die sich nicht binnen von 5 Jahren nach ihrer Ansiedlung in Russland hatten einbürgern lassen. Die polnischen Korrespondenten des Kraj und insbesondere diejenigen der Fach-Intelligentsia sahen diese Konkurrenz nicht gern. Wenn sie von den Tschechen sprachen, die es auch zu Zehntausenden in Wolhynien gab, kam dabei ein rassistischer Beigeschmack zum Vorschein: sicherlich waren ihre Felder vorbildlich, aber ihre Sitten schienen verabscheuungswürdig: sie waren schmutzig, tranken und aßen selbst Katzen und Raben. Nun stieg die Zahl der ausländischen Siedler aber weiter an, als Drenteln begann, polnische und jüdische Pächter zu verscheuchen.

1884 brachte der „Kievljanin“ eine neue polnische Intrige an die Öffentlichkeit: in den Grenzgebieten Österreichs und des Weichselgebietes waren die Siedler mit österreichischer oder deutscher Staatsbürgerschaft in Wahrheit Polen. Man forderte für sie sowohl russische Schulen als auch eine Stärkung der groß-russischen Komponente, um sie schnellstmöglich zu assimilieren.

Während die russischen Nationalisten - beeinflusst durch K. Pobedonoscev und N. Katkov - aus Hass auf die Deutschen auf eine Annäherung an Frankreich drängten, verschlechterten sich die Beziehungen mit Deutschland zunehmend. Die Entlassung Bunges als Finanzminister am 23.12.1883 und seine Ablösung durch Visnegradskij markierte den Beginn eines Zollkrieges mit Deutschland, was die Anwesenheit der Siedler zunehmend schwieriger machte, jedoch den Zustrom nicht bremste. Man sollte alsbald feststellen, dass sich die Zahl der Ausländer in Wolhynien in der Zeit zwischen 1880 und 1890 verdoppelt hatte. Eine Welle der Fremdenfeindlichkeit fügte sich zu anti-polnischen und anti-jüdischen Tendenzen.

Erinnern wir uns, dass viele Siedler aus Wolhynien – durch die Landzuweisung einiger Adliger - begannen, sich aufzulehnen und die Pachtzahlungen zu verweigern. Am 14./26. März 1887 wurde ein Erlass verkündet, der sie an die zwingende Verpflichtung erinnerte, sich einbürgern zu lassen, d.h. dass die Konvertierung zum orthodoxen Glauben dringend gewünscht war und dass es den Ausländern, wie den Juden, vor allem verboten war, Neuland außerhalb der Städte zu erwerben. Deutschland antwortete mit dem Gesetz vom 17. Dezember 1887 über die Besteuerung von Weizen, worin der Ursprung der französisch-russischen Allianz zu sehen ist. In unseren drei Provinzen im Süd-Westen führte der Erlass zu Auswanderungen nach Brasilien oder in die Vereinigten Staaten, insbesondere als das Ministerium für öffentliche Bildung die Kontrolle über die deutschen und tschechischen Schulen übernahm, die bis dahin (8. Oktober 1887) geduldet worden waren, und als am 15. Juni 1888 entschieden wurde, den Siedlern dieselben Steuern aufzuerlegen wie den übrigen Bauern.

Die Tschechen vermieden die Auswanderungen, indem sie in Massen zum orthodoxen Glauben konvertierten. Über Monate hinweg meldete die Presse, dass Gruppen von 50 bis 150 Personen die Staatsreligion annahmen. Die russische Zeitung „Volyn“ (Wolhynien) erklärte, dass sie diese Religion als die einzig wahre für die Slawen anerkannt hätten. Indem sie ungeniert Massentaufen vornahmen, was zu den finstersten Epochen des Christentums gezählt werden muss, hüteten sich die russischen Behörden zu sagen, dass die Tschechen eigentlich die Anschuldigungen fürchteten, die eine Untersuchungskommission - speziell in Wolhynien eingerichtet - dabei war zu erheben und zwar in Bezug auf die Konflikte mit den Bauern. Ob ernst gemeint oder erzwungen, erlaubte der Panslawismus der Tschechen eine Integration in das russische Reich, was mit den Deutschen unmöglich war. Wolhynien wurde die verfluchte Provinz, von wo aus sich von da an ein schrecklicher Einfluss ausbreitete. Die „Moskovskie vedomosti“ von Karkov begannen 1890 mit der Veröffentlichung einer Reihe von Schreckensartikeln über die wahre „Eroberung“, die den Deutschen durch die Polen im Süd-Westen ermöglicht worden war. Die nationalistische Zeitung brachte die Zahl von 220.000 Deutschen auf, die innerhalb von 30 Jahren ins Land gekommen waren, mithin 10% der Bevölkerung Wolhyniens und gar 22% der Landbevölkerung. Diese Deutschen wurden als Widerständler gegen jede Art von Assimilation dargestellt und als gefährliche Verbreiter freikirchlichen Gedankenguts. Eine neue Veröffentlichung aus dem Jahre 1880 von A.A. Josefowicz, dem Generalsekretär im Kanzleramt des Generalgouverneurs, sollte dazu dienen, die Russifizierung der Ukraine voranzutreiben; die „Juznyj Kraj“ (die Süd-Region) wetterte gegen das „deutsche Königreich“, das sich in Wolhynien ausbreitete, seine eigenen Eisenbahnen baute, bewaffnet herumspazierte und riesige Gebiete besetzte, die von den Polen aufgegeben worden waren.

Eine Überprüfung war angezeigt. Der Generalgouverneur A.P. Ignatiev[3] ließ die ausländischen Siedler zahlenmäßig erfassen. Im Jahr 1890 wurden 195.333 Personen beiderlei Geschlechts registriert, die vorwiegend in Wolhynien angesiedelt waren. 12.747 lebten in Podolien und noch weniger in der Provinz Kiew. Die russischen Militärmanöver entlang der wolhynischen Grenze nahmen kein Ende. Eine bewaffnete Auseinandersetzung mit Österreich-Preußen erschien nicht unmöglich. Man weiß heute, dass diese Manöver, die der deutsche Konsul in Kiew als äußerst schrecklich beschrieb, die aber von Bismarck nicht ernst genommen wurden, der Vorwand für dessen Entlassung am 18. März 1890 durch Wilhelm II. waren. Die deutsche Psychose wurde so stark in St. Petersburg, dass ein Erlass vom 14.3.1892 die Ansiedlung in Wolhynien vollständig untersagte. Die Neuansiedlung von Ausländern außerhalb der Städte wurde am 19.3.1895 gewaltsam in Erinnerung gerufen, aber der Bericht, den Generalgouverneur Ignatiev aus diesem Anlass für Nikolaus II. verfasste, besagte klar, dass selbst wenn die Mehrheit der Deutschen in Wolhynien die russische Staatsbürgerschaft angenommen hätte, sie nicht weniger gefährlich seien, denn „sie haben die polnische Kultur übernommen und nicht die russische“.

Die Vorschrift vom 19.3.1895 verbot aufs Neue die Einreise polnischer Siedler aus dem Weichselgebiet, die sich unter die Deutschen mischten, welche Rekruteure unter dem Nachwuchs der Bauernfamilien aus den Regionen Lodz oder Belchatow anzuwerben versuchten. Schließlich verbot Dragomirov[4] im Jahre 1901 jede Form der Einwanderung von Ausländern.

Diese Besiedlung hat für uns an dieser Stelle nur Bedeutung, weil sie eine sehr wichtige sozio-ethnische Veränderung anzeigt und wissentlich von den Polen eingeführt wurde oder zumindest mehr oder weniger eine Folge ihrer Grundbesitz-Situation war. Einmal mehr ist das Problem des Grundbesitzes die Grundlage einer sonderbaren Interessenverknüpfung. Es ist angebracht zu unterstreichen, dass die deutsche Besiedlungspolitik auch in anderen Regionen des Reiches sehr stark war, wie in Neu-Russland, wo die Polen fast gar keine Rolle spielten.  Anatole Leroy­-Beaulieu neigt sogar zu dem Gedanken, dass die Russen viel mit der Einwanderung der Deutschen zu tun haben. Die polnische Frage, die seit einem Jahrhundert so viele Male so unterschiedlich entschieden wurde, spitzt sich in Wahrheit zu einer deutschen Frage zu. Dies ist zum Teil der Fehler der russischen Politik, die in ihrer Angst vor dem Polonismus das Deutschtum bevorzugt hat, indem sie ab 1884 Deutschen den Erwerb von Grund und Boden erlaubte, und zwar dort, wo es Polen und Juden untersagt war. „Ich fürchte weniger die Deutschen als die Polen“, schrieb N. Milutine am Tag nach dem Aufstand von 1863. Milutine würde zweifellos heute so nicht mehr sprechen.

Trotz der 1905 wieder zugelassenen Freigabe des Landerwerbs versiegte der Zustrom der Deutschen, die durch die Bauernunruhen abgeschreckt waren. Der Generalgouverneur Suhomlinov[5] erteilte zwischen 1905 und 1908 lediglich 1.787 Erlaubnisse; viele betrafen Polen aus dem Weichselgebiet, die den polnischen Bevölkerungsanteil von Kiew zwischen 1897 und 1908 auf das Doppelte ansteigen ließen (von weniger als 20.000 auf 44.000). Dies hinderte nichts an der Psychose, die mit dem Anstieg der deutschen Gefahr im Jahre 1908 wieder auftauchte - begleitet vom Wiederaufblühen des russischen Nationalismus. Suhomlinov prangerte erneut die ausländische Invasion an, und sein Nachfolger Trepov blockierte aufs Neue die Einwanderung in Podolien und Kiew.

Die Untersuchung, die dieser 1911 durchführen ließ, geben Daten des Jahres 1909 wieder: sie zeigen, dass die ausländischen Siedler - in erster Linie Deutsche, aber der Anteil ist nicht angegeben - seit 20 Jahren eine stabile Masse bildeten: 191.660 Siedler oder Fachkräfte/Techniker, die sich wie folgt verteilen:

  • Wolhynien: 179 224, davon 154 878 Landbewohner, die 170 431 Desjatinen besaßen oder 181 236 Desjatinen in Pacht hatten,
  • Kiew: 8 213, davon 6 756 Landbewohner, die 14 630 Desjatinen besaßen oder 17 954 Desjatinen in Pacht hatten,
  • Podolien: 4 223, davon 752 Landbewohner, die 19 033 Desjatinen besaßen oder  22 296 Desjatinen in Pacht hatten.

Man wird vor allem den vorherrschenden Anteil an Pachtgrundstücken festzuhalten haben, was beim Grundbesitz auf eine deutsch-polnische Abhängigkeit hinweist, selbst wenn ein schwer zu erfassender Anteil von Deutschen auch mit den russischen Gebieten in Verbindung gebracht wird. (...)

 

*Ich danke dem Verlag für die freundlich erteilte Genehmigung der Veröffentlichung.

 


[1] Generalgouverneur Kiev 1869 - 1877

[2] Generalgouverneur Kiev 1881 - 1888

[3] Generalgouverneur Kiev 1889 - 1897

[4] Generalgouverneur Kiev 1897 - 1904

[5] Generalgouverneur Kiev 1905 - 1908